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Gesetz gegen Ärztemangel: Zuckerbrot für den Landdoktor

In der deutschen Provinz droht der medizinische Notstand. Die Regierung will den Landarztmangel mit Geldgeschenken beheben. Für Fachleute ist das purer Aktionismus.

Von Mareike Rehberg

Rainer Pätzke hat Spaß an seiner Arbeit. "Ich bin Idealist, aber nicht typisch für meinen Berufsstand", stellt sich der Allgemeinmediziner vor. Seit fast 40 Jahren betreut er seine Patienten im vorpommerschen 840-Seelen-Dorf Ahlbeck nahe der deutsch-polnischen Grenze, vier Mal in der Woche hat er Sprechstunde. Heute ist er 70 Jahre alt, doch ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Mindestens fünf Jahre will er seine Praxis weiterführen - oder auch länger, wenn die Gesundheit es erlaubt. Was sollte er auch sonst tun, fragt Pätzke. "Einen Nachfolger finde ich mit Sicherheit nicht."

Und Pätzkes Fall ist nur einer von tausenden. Der Mangel an Hausärzten in ländlichen Regionen beschäftigt auch wieder die Politik. Das sogenannte Versorgungsstrukturgesetz des Bundesgesundheitsministers Daniel Bahr (FDP), das Abhilfe schaffen soll, ist vom Kabinett beschlossen worden und soll 2012 in Kraft treten. Junge Mediziner sollen durch eine "leistungsgerechte Vergütung" und höhere Honorare aufs Land gelockt werden, außerdem müssen sie nicht mehr in der Nähe ihrer Praxis wohnen - die sogenannte Residenzpflicht wird aufgehoben. Zudem sollen Gemeinden eigene Arztpraxen betreiben dürfen, frei werdende Arztpraxen in überversorgten Gebieten dagegen, wenn möglich, nicht wieder besetzt werden.

Doch für Pätzke kommen die Politiker Jahrzehnte zu spät. Außerdem hält er die geplanten Neuerungen für puren Aktionismus. "Ich kann mich totlachen darüber", sagt er, schon zu DDR-Zeiten hätten die Medizinabsolventen nicht auf die Dörfer gewollt, er sei in seiner Studiengruppe der Einzige gewesen. Geld, so glaubt Pätzke, spiele für frischgebackene Ärzte kaum eine Rolle, "was zählt ist Lebensqualität".

Krankenkassen fürchten Kosten für Versicherte

Die Lebensqualität der Ärzte dürfte den Krankenkassen herzlich egal sein, doch auch sie kritisieren den Entwurf und befürchten, dass die Finanzspritze für Landärzte auf Kosten der Versicherten gehen könnte. Die Kassen plädieren eher dafür, die vorhandenen Mittel besser zu verteilen und die medizinische Überversorgung in den Ballungsräumen abzubauen. 320 Millionen Euro veranschlagt Gesundheitsminister Bahr für das Motivationspaket und beschwichtigt die Kritiker: Statt zusätzliche Belastungen zu schaffen, würden Kosten vermieden. Immerhin würden auch Rettungsfahrten und Krankenhauseinweisungen in ländlichen Regionen immer mehr Geld kosten, wenn die Zahl der niedergelassenen Ärzte weiter sinke.

Rückendeckung bekommt der Minister von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Von rund 48.000 Hausärzten werde in den nächsten neun Jahren die Hälfte in den Ruhestand gehen, sagt eine KBV-Sprecherin, etwa 7000 würden vermutlich keinen Nachfolger finden. Das Gesetz könne helfen, diesem Mangel entgegenzuwirken. Schon jetzt sind nach KBV-Angaben bundesweit 550 zur Patientenversorgung unbedingt notwendige Arztpraxen nicht besetzt, die Lage dürfte sich aber noch verschlimmern. Besonders in Teilen Sachsen-Anhalts und Brandenburgs, aber auch in Niedersachsen fehlen niedergelassene Hausärzte. Den Vorwurf der Gewerkschaften, die Regierung betreibe Klientelpolitik, wies der KBV-Vorsitzende Andreas Köhler im ARD-"Morgenmagazin" zurück: "Das ist ein Gesetz für eine verbesserte Versorgung der Versicherten in Deutschland und nicht für die Ärzte", betonte er. Die zusätzlichen Kosten könnten durch Einsparungen an anderer Stelle finanziert werden.

Pätzke: "Wer kümmert sich dann eigentlich um mich?"

Skeptisch sind nicht nur die Krankenkassen, auch Daniel Bahrs Kollegen auf Länderebene signalisieren Widerstand. Brandenburgs Gesundheitsministerin Anita Tack (Linke) fordert eine bessere Aus- und Weiterbildung der Allgemeinmedizin, höhere Honorare hält sie für keine Dauerlösung. Manuela Schwesig (SPD), Gesundheitsministerin in Mecklenburg-Vorpommern, kritisiert zudem, dass im Gesetzentwurf die von vielen geforderte Landarztquote fehle. Sie soll bei der Studienplatzvergabe Bewerber bevorzugen, die später in strukturschwachen Gegenden arbeiten wollen.

Hausarzt Rainer Pätzke treibt derweil ein ganz anderes Problem um: Viele seiner 700 Patienten aus Ahlbeck und den umliegenden Dörfern sind alt und bettlägerig. Dass sie in wenigen Jahren in die rund 20 Kilometer entfernte Stadt fahren müssen, um medizinische Versorgung zu erhalten, sei schon schlimm genug. "Aber", fragt sich der rüstige Mann, "wer kümmert sich dann eigentlich um mich?"

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