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Konflikt mit dem DFB: Zuckerbrot für Löw, Peitsche für Bierhoff

Der Eklat um die geplatzte Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw geht in eine neue Runde: DFB-Chef Theo Zwanziger machte in einem Interview klar, dass Löw auch nach der WM erster Ansprechpartner bleibt. Zum Buhmann wird hingegen immer mehr Teammanger Oliver Bierhoff.

Trotz der zugespitzten Differenzen bauen die DFB-Chefs dem Bundestrainer eine goldene Brücke - Oliver Bierhoff dagegen wird immer mehr zum Buhmann. Noch vor dem brisanten Zusammentreffen am Samstag in Warschau hat Präsident Theo Zwanziger seine Strategie offengelegt, mit der die Situation rund um die deutsche Fußball- Nationalmannschaft möglichst schnell entspannt werden soll. "Ich will ihn behalten. Wenn wir die WM erfolgreich spielen, werde ich mit Löw sprechen. Und wenn wir sie nicht so erfolgreich spielen, dann auch. Er wird immer mein erster Ansprechpartner sein", übermittelte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes via "Süddeutsche Zeitung" seinem wichtigsten Angestellten, der am Wochenende in Polens Hauptstadt bei der Qualifikations-Auslosung zur Europameisterschaft 2012 dabei ist.

Selbst auf den heftigen Vorwurf, Unwahrheiten verbreitet zu haben, reagierte Zwanziger mit Zuckerbrot statt Peitsche: "Als großen Knall würde ich das nicht bewerten", sagte der DFB-Boss zu den Querelen um die geplatzten Verlängerungen für Löw, die Assistenten Hansi Flick und Andreas Köpke sowie Teammanager Bierhoff. "Ich sehe das nicht als Vertrauensbruch", bemerkte er zu Löws Standpunkt und ergänzte: "Wir sind Freunde, wir sind keine Feinde. Wir arbeiten an einem gemeinsamen Projekt." Löw hatte nach dem gescheiterten Poker Vorwürfe gegen die DFB-Spitze erhoben und darauf verwiesen, dass es die von Zwanziger verkündete "Handschlag-Verlängerung" gar nicht gebe. Der Präsident blieb auch in dem Punkt zurückhaltend: "Natürlich haben wir uns die Hand gegeben - wir sind ja höfliche Menschen. Wir waren uns einig, das hat der Bundestrainer doch auch selbst gesagt."

Bierhoff ist die Reizfigur


Die offene, zum Teil aber auch versteckte Kritik der Verbands-Funktionäre richtet sich immer deutlicher gegen Bierhoff, der die Situation offenbar falsch eingeschätzt hat und mit seinen Forderungen das Fass zum Überlaufen brachte. "Die großen Unterschiede gab es erst, als Oliver Bierhoff in einem Gespräch Mitte Januar neue Fakten geschaffen hat", berichtete Zwanziger von der Wende im Vertragspoker und ergänzte: "Da ist eine ganz andere Dimension entstanden." Neben den aufgestockten finanziellen Forderungen hat vor allem Bierhoffs Ansinnen, noch mehr Macht bei der Bestimmung eines möglichen neuen Bundestrainers zu bekommen, für große Verstimmung beim DFB gesorgt.

"Ja wollen die denn den DFB übernehmen?", äußerte Franz Beckenbauer im DSF und verkündete in einem "Bild"-Interview: "Der Übernahme-Versuch ist gescheitert." Auch in Zukunft dürfe nur das DFB-Präsidium über den Bundestrainer entscheiden und nicht ein Nationalelf-Manager. "Ein Vetorecht war nicht akzeptabel", sagte Beckenbauer. Zwanziger gestand Bierhoff zwar zu, dass ein Teammanager auch "kantig und ein bisschen umstritten sein" müsse. Doch ein Nationalteam als eigenständige Elite-Formation werde er nicht dulden: "Das war nicht machbar. Ich hätte dann drei oder vier Anträge auf Satzungsänderung beim nächsten Bundestag stellen müssen. Diese offensive Ausdehnung der Kompetenzen wäre mit den Grundsätzen des DFB nicht vereinbar gewesen. Eine Nationalmannschaft-GmbH mit dem DFB als Aufsichtsrat - das geht nicht."

Indiskretionen durch DFB stoßen Löw übel auf


Die sportliche Leitung der Nationalelf warf Zwanziger& Co. dagegen vor, mit einem 48-Stunden-Ultimatum gegen das Fairplay in den Vertragsverhandlungen verstoßen zu haben. Löw sprach von einem "nicht-verhandelbaren Angebot". Zudem gehen der Bundestrainer und seine Fraktion stark davon aus, dass Verhandlungsdetails wie eine geforderte Bonus-Zahlung durch Indiskretionen im DFB an die Öffentlichkeit gekommen sind. "Vom DFB hat niemand etwas rausgegeben", versicherte Zwanziger, "so etwas ist nicht unser Stil."

Zwanziger glaubt nicht, dass die Nationalmannschaft durch die Querelen belastet in das WM-Turnier im Sommer in Südafrika geht: "Es ist nicht die Schicksalsfrage der Nation, ob ein Bundestrainer mit einem auslaufenden oder laufenden Vertrag ins Turnier geht." Löws Kontrakt läuft nach der WM aus, danach ist alles offen. Die Verlängerung mit Bierhoff dagegen scheint erst einmal in weite Ferne gerückt, auch wenn der Bundestrainer den Manager weiter mit in sein Gesamt-Paket einbindet. Dass in Hamburger Medien am Samstag Spekulationen auftauchten, Bierhoff sei wie schon 2002 als Sportchef beim HSV im Gespräch, werden die DFB-Chefs sehr wohl registrieren.

Beckenbauer sieht trotz der verhärteten Fronten sogar noch eine kleine Chance, den Vertrag mit Löw vor der WM in Südafrika zu verlängern. "Ich habe immer noch die leise Hoffnung, dass es vorher eine Einigung gibt." Allerdings gebe es dafür eine klare Forderung: "Die kann jedoch nur zustande kommen, wenn sich die Löw/Bierhoff- Seite bewegt." Falls die Situation weiter eskaliere, hält der "Kaiser" auch eine radikale Lösung für möglich: "Keiner ist unentbehrlich. Es gibt auch noch andere, die es können."

Jens Mende und Wolfgang Müller/DPA / DPA

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