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GESPERRT Oliver Shanti: Guru und Schänder

Der wegen Kindesmissbrauchs in mehr als tausend Fällen international gesuchte Münchner Esoterik-Barde Oliver Shanti ist jetzt in Portugal geschnappt worden - vor zehn Jahren hatte ihn die bayerische Justiz noch laufen lassen.

Von Rupp Doinet und Christian Parth

Es war eine denkwürdige Pressekonferenz, in der Münchens Polizei und Justiz sich Ende Juni feierten. Fahnder der portugiesischen Policia Judiciara hatten drei Tage zuvor in Lissabon den deutschen Staatsbürger Ulrich Schulz, 59, festgesetzt, der unter dem Namen Oliver Shanti mit seinem Label "Sattva" einst einer der erfolgreichsten Produzenten esoterischer "Weltmusik" war - sozusagen ein Dieter Bohlen der "Gesänge in der Sternensprache". Die Münchner Staatsanwaltschaft hatte ihn seit 2002 per internationalen Haftbefehl wegen "sexuellen und schweren sexuellen Missbrauchs" an Kindern "in mehreren Hundert Fällen" gesucht. Seine Festnahme, so versicherten sich nun Staatsanwälte, Zielfahnder und Polizisten gegenseitig, sei ein Erfolg ihrer "nie nachlassenden Bemühungen", obwohl, so klang es leise an, "die Kollegen in Portugal" in den vergangenen Jahren nicht immer den in Bayern gewohnten Fahndungsdruck demonstriert hätten.

Kein Wort davon, dass die Münchner Staatsanwaltschaft dafür verantwortlich ist, dass Ulrich Schulz nicht schon vor zehn Jahren gefasst und vor Gericht gestellt worden ist, obwohl der Behörde eine Anzeige inklusive einer detaillierten Schilderung der massiven Vorwürfe gegen den mutmaßlichen Kinderschänder sowie der Namen betroffener Opfer vorlag.

Am 29. Mai 1998 hatte der Bamberger Rechtsanwalt Dieter Widmann bei der Kriminalinspektion Ulrich Schulz "wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern" angezeigt. Angefügt war ein vier Seiten langes Protokoll eines Gesprächs, das Rosa L.*, alleinerziehende Mutter aus Oberfranken, mit ihren Söhnen Jürgen* und Max* geführt hatte. Ihr war aufgefallen, dass die beiden sich in den vorangegangenen Jahren "so verändert" hatten, vor allem Jürgen, der "früher so ein liebes Kind war", sich nun aber immer mehr von ihr entfernte, der sich selbst verletzte, Drogen nahm, Alkohol trank und straffällig geworden war. "Da hab ich", sagt Rosa L., "in einer Sommernacht mit der Faust wieder mal auf den Tisch gehauen und gesagt, dass wir zusammenhalten müssen und dass ich jetzt wissen will, was los ist." Bisher hatten ihre Söhne darauf immer nur geschwiegen. Diesmal aber habe Max gesagt: "Mama, ich muss mit dir sprechen."

"Ich dachte, er stirbt gleich"

Und dann erzählte Max. Vom Ende der Sommerferien 1990, als Jürgen, damals 13 Jahre, und er, gerade 16, in München beim Oliver übernachtet hatten, dem berühmten "Weltmusiker", den ihre Mutter seit vielen Jahren kannte. Sie hätten in einem Bett schlafen müssen, also auf einer Matratze mit dem Oliver in der Mitte. Plötzlich hat der "Oliver mir einfach an den Penis gefasst" und onaniert: "Ich bin ganz starr dagelegen. Sein Gestöhne und Geschnaufe hat mich abgestoßen. Ich dachte, er stirbt gleich." Und weiter: "Mein Bruder hat sich gewehrt." Die halbe Nacht sei das so gegangen, "mindestens drei bis vier Stunden". Am Morgen sei Oliver in die Stadt gegangen, habe für die Jungen "jede Menge Zeug" gekauft. Darunter auch eine Stereoanlage für 250 Mark. Aber die habe Oliver in der folgenden Nacht "an die Wand in die Ecke geschmissen", weil Jürgen nicht wollte, dass er weiter an ihm rummacht".

Darüber reden konnten die Buben damals nicht, zu sehr schämten sie sich. Aber sie redeten auch nicht, als Oliver Shanti Monate später, am 19. Dezember 1990, vor der Tür stand, um Max und Jürgen über die Winterferien in sein "Kindererholungswerk", wie er das nannte, nach Portugal mitzunehmen. Ihm gehörte dort ein ehemaliges Weingut, das er mit seiner "Familie", einer ebenso esoterischen wie friedensbewegten Gemeinschaft, bewohnte.

Aus "einer Eingebung heraus" hatte Rosa L. ihm damals noch gesagt, dass sie eigentlich kein "gutes Gefühl habe" wegen der vielen Geschenke, die er den Kindern mache, und dass sie Angst habe, Jürgen und Max könnte "etwas passieren". "Doch", so erinnert sie sich heute, "der Oliver hat sich ans Herz gefasst und gesagt: ,Bei mir ist alles reine Herzensgüte.‘"

Zwang und Ekel

In Portugal sei es jede Nacht passiert, oder am Morgen, so erzählten Max und Jürgen später der Mutter. Sie berichteten von Situationen, in denen sie und andere Buben gezwungen worden waren, sich gegenseitig oder Oliver Shanti zu befriedigen, von Schlägen, falls sie sich geweigert hätten, von Kindern, die aus dem Dorf gekommen waren und mitmachen mussten, von "totaler Angst", von Zwang und Ekel. Es war ein langes Gespräch, das Rosa L. in dieser Sommernacht mit ihren inzwischen erwachsenen Söhnen führte.

Und diese detaillierten Vorwürfe wurden alle in dem Protokoll aufgeführt, das Anwalt Widmann im Mai 1998 seiner Anzeige beigefügt hatte. Die wurde dann von Bamberg aus an die Kriminalpolizei nach Erlangen geschickt, von dort an die Staatsanwaltschaft München I; München war einer der Wohnsitze Shantis. Doch die stellte das Ermittlungsverfahren nach mehr als einem Jahr, am 10. Juli 1999, ein.

Ein "sexueller Missbrauch von Kindern lag angesichts der von dem Geschädigten benannten Tatjahre nicht vor", heißt es in der Begründung. Ein "Vergehen der sexuellen Nötigung" sei dem Beschuldigten nicht . . . nachzuweisen". Und schließlich: "Der Beschuldigte hat sich zum Tatvorwurf nicht geäußert. Die von den Geschädigten geschilderten Taten lassen nicht zwingend den Schluss darauf zu, dass der Beschuldigte . . . bei seinen Taten Gewalt anwendete . . . Mit freundlichen Grüßen: gez. Jüngst, Staatsanwalt."

Jürgen starb bereits im Alter von 26 Jahren

"Ich war über diesen Bescheid so empört", sagt Rosa L., "dass ich ihn zerrissen hab." Sie wandte sich an die Opferorganisation "Wildwasser", um dort zu erfahren, dass "Wildwasser" sich nicht um missbrauchte Buben kümmere, sondern "nur um Mädchen und Frauen". Beim Kinderschutzbund, der dritten Station, machte man, so erinnert sie sich, "immerhin viele Kopien". Mehr geschah nicht. Danach gab sie auf. Nur wenige Jahre später, Weihnachten 2004, starb Jürgen, mit gerade mal 26. Rosa L. ist "absolut sicher", dass der erlebte Missbrauch Ursache dafür sei, dass Jürgen sein Leben nie mehr in den Griff bekam, schließlich an exzessivem Drogenund Alkoholkonsum starb.

Eine zweite Chance, Ulrich Schulz, den Münchens Blätter einen der "größten Kinderschänder Deutschlands" nennen, festzunehmen, gab es 2002. Aber auch die ging "in die Binsen", wie es die Münchner Anwältin Ricarda Lang formuliert.

Auch bei ihr hatten sich zwei Opfer gemeldet, die angaben, als Kind von Schulz missbraucht worden zu sein. Sie erstattete im Januar 2002 Anzeige. Diesmal reagierte die Polizei. Bereits am 5. Februar wurden die jungen Männer und ihre Eltern vernommen. Dabei erklärten die, dass Schulz alias Shanti sich meist in Portugal aufhalte, dass man diskret ermitteln solle, dass er ein dichtes Netzwerk habe, untertauchen könne. Das hinderte die Münchner Polizei nicht, am 21. Februar die Büros von Shantis Musikverlag "Sattva" im oberbayerischen Fischbachau zu stürmen. Begründung: "Gefahr im Verzug". Natürlich fanden die Beamten den Gesuchten nicht. Dafür seine - heute von ihm geschiedene - Frau. Welch Wunder, dass die folgende Razzia auf seiner portugiesischen Latifundie vergebens war.

Immerhin wurde diesmal konsequent und mit Nachdruck weiterermittelt. Immer mehr Opfer offenbarten sich der Polizei. "Er hat mit seinen Opfern alles gemacht, was man sich vorstellen kann", erklärte damals der Münchner Polizeioberrat Peter Breitner. Im August 2002 kam Schulz auf die "Most wanted"-Liste des BKA. Ein Jahr später wurde sein Fall bei "XY" ausgestrahlt, allerdings ohne Erfolg. 116 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern hatte die Polizei bis zu diesem Zeitpunkt ermittelt. Inzwischen sind es "mehr als 1000 Einzeltaten", eine Zahl, die sich ergibt, weil sich der 150 Kilogramm schwere Musiker an vielen seiner Opfer über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder vergriffen haben soll.

Das Ende einer bizarren Musikerkarriere

Entdeckt wurde er jetzt durch einen Zufall. Am Vormittag des 27. Juni hatte Schulz in der Konsularabteilung der Deutschen Botschaft in Lissabon einen neuen Reisepass beantragt. Schulz, der möglicherweise an einer Krebserkrankung leidet, wollte nach Brasilien, um sich dort behandeln zu lassen. Der Abgleich seiner Personalien mit dem Fahndungsbuch des Auswärtigen Amts erbrachte "den Fahndungstreffer". Den Rest besorgte die Polizeistation um die Ecke.

Mit der Verhaftung von Ulrich Schulz endet auch eine der bizarrsten Musikerkarrieren Deutschlands. Angeblich, so seine von ihm verbreitete Legende, streunte Oliver Shanti, im Nachkriegs-Hamburg mit "Zigeunerblut in den Adern" geboren, durch Hinterhöfe und Docks, heuerte mit 13 als Schiffsjunge an, stromerte durch Paris, musizierte in Bars, trieb sich in der Karibik herum, "fasziniert von der Musik des Orients", und landete schließlich in einem "Dschungeldorf am Ganges", wo er eine "selbst aufgebaute Krankenstation betrieb".

Wahrscheinlicher und den polizeilichen Ermittlungen "entsprechend", wie es ein Fahnder formuliert, ist Ulrich Schulz Sohn eines ordentlichen Hamburger Beamten, der jedwedes Zigeunerblut in seinen Adern entrüstet zurückweisen würde. Der "Weltmusiker" hatte die Schule wegen einer Lese-Schreib-Schwäche ohne Abschluss verlassen, tingelte mit den Hippies nach Indien, dem damaligen Land der Verheißung. Dort, in Delhi, traf ihn im Jahre 1975 der damals 20-jährige Thomas Falk*, der auch auf großer Sinnsuche war, wie viele Jugendliche in jenen Jahren.

Vom Doppelleben nichts bemerkt

Thomas Falk sitzt heute in seinem vegetarischen Restaurant in einer ostbayerischen Kleinstadt und sagt, der Oliver von damals sei eigentlich ein netter Kerl gewesen. Einer, mit dem er sich rein spirituell gut verstand, mit dem er, unterstützt von ein paar einheimischen Musikern, Mantras sang, der von den 50 Mark lebte, die ihm sein Vater monatlich schickte. Genug für ein bisschen Hasch und Essen. Eigentlich eine schöne Zeit, auch wenn Oliver behauptete, über ihm und um ihn herum sei ein unsichtbarer Lichtdom, der ihn vor allem Unheil bewahre. Aber so was war nach ein paar Pfeifchen beim Klang der Langhalslaute fast schon so selbstverständlich wie Friesennerze in Ostfriesland.

25 Jahre lang blieb Thomas Falk, heute ein wichtiger Zeuge der Staatsanwaltschaft, an der Seite von Oliver Shanti, bevor er sich wegen geschäftlicher Differenzen und "der Kindergeschichten" von ihm trennte. Aber er war noch dabei, als Shanti und ein paar seiner Freunde aus Indien in einen Bauernhof in den Bayerischen Wald und später nach München zogen, wo sie die Mantras, die sie sangen, auf Tonkassetten aufnahmen und auf Märkten verkauften. Mit so durchschlagendem Erfolg, dass sie in Fischbachau am Schliersee das "Sattva-Unique-Tonstudio" gründeten.

Die ersten Platten hießen "Frieden Shanti Peace" und "Licht Prakash Light". Als Komponist, Arrangeur und Produzent war Oliver Shanti auf den Labels angegeben, obwohl seine musikalischen Fähigkeiten begrenzt und viele der Melodien Plagiate waren, wenn nicht einfach traditionelle tibetanische oder indische Lieder. "Oliver Shanti and friends" hieß es, was - rein finanziell - bedeutete, dass er alles bekam und die friends das, was er für richtig hielt.

Der Erfolg war gigantisch. "Wir schwammen in Geld", sagt Thomas Falk, der sich an Monate erinnert mit "zwei Millionen Mark nach Steuern." Er hat davon nicht viel gehabt, obwohl er, nach eigener Aussage, mehr als eine Million Euro aus seinem Erbe in das Studio und das portugiesische Landgut gesteckt hat, Geld, das er nun zurückfordert - was seine lauteren Motive als Zeuge der Anklage nicht unbedingt unterstreicht.

Mehr zu schaffen macht ihm die Frage, ob er in 25 Jahren an der Seite eines Kinderschänders von dessen Doppelleben nichts bemerkt habe. Er habe es geahnt, bekennt er nach langem Zögern. "Aber so konkret nichts mitbekommen." Oliver Shanti habe den Missbrauch von Kindern immer bestritten, dafür von einer "reinen Sexualität" geredet, von "spiritueller Energie", die entstehe, wenn er ein Kind berühre, eine Energie, die "ganz anders sei, als der Sex eines geilen Mannes".

Ferienbetreuung - nur für Buben

Die Frauen und Männer, die in Bayern und später in Portugal Shantis "Gemeinde" waren, glaubten ihm alles - bis hin zur absoluten Selbstaufgabe. Sie wuschen ihn, badeten ihn, schnürten ihm feierlich die Schuhe, logen für ihn. Im engeren Kreis waren das bis zu zehn Getreue, die meisten Frauen mit Kindern.

"Der Beschuldigte", so der Münchner Oberstaatsanwalt Anton Winkler, "hat seine Kommune sehr straff geführt. Die Anhänger hatten genaue Anweisungen, was sie täglich zu tun hatten. Dementsprechend muss man davon ausgehen, dass die Eltern wussten, dass der Beschuldigte ihre Kinder missbraucht. Sie hatten wahrscheinlich auch psychisch keine Möglichkeit, das zu unterbinden, da sie viel zu sehr in die Struktur eingebunden waren. Oder sie wollten es gar nicht unterbinden."

Um den inneren Zirkel herum gab es ein "Reservoir", wie Falk das nennt, meist alleinerziehende Mütter, denen Shanti "Kindergeld" zahlte, denen er versprach, sich um die Ausbildung ihrer Söhne zu kümmern, denen er anbot, ihre Kinder auf seinem Gut in Portugal während der Ferien zu betreuen - auf seine Kosten natürlich und alles inklusive. Allerdings galt das nur für Buben. Töchter hatten weniger Chancen, da kein sehr gutes Karma.

"Er war ein Held"

"São José" in Vila Nova de Cerveira an der Grenze zu Spanien ist ein Landgut wie aus dem Heimatfilm. Geräumig, herrschaftlich, mit hohen Mauern und festen Toren, dahinter ein Kinderparadies. Es gibt einen Pool, eine Wiese zum Toben, einen Traktor zum Fahren, ein Heimkino für Asterix-Filme und was Kinderherzen sonst erfreut. Die Einwohner von Vila Nova haben nun ein Problem, in Ulrich Schulz, der hier Oliver Serano-Alve hieß, einen Kinderschänder zu sehen.

Er hatte so viele Jahre mitten unter ihnen gewohnt, bevor er im Sommer 2002 für die nächsten Jahre untertauchte. Ob er gewarnt worden ist? "Er hatte viele Freunde im Dorf ", sagt ein Polizist, der anonym bleiben will. "Und viele wollten auch seine Freunde sein. Manche Kollegen waren schon sehr nah dran an ihm. Und das meine ich nicht im dienstlichen Sinne."

"Er war ein Held. Was soll man Schlechtes über jemanden sagen, der nur Gutes getan hat?", fragt einer der beiden Hobby-Archivare der Stadt. Bürgermeister José Manuel Vaz Carpinteira, ein kleiner, quirliger Mann, will über den Deutschen, der dem Fußballverein einen Bus gekauft hat, den Armen Geld gab, der Stadt einen Bronzehirsch schenkte oder den Rettungssanitätern Krankentransporter, eigentlich nichts sagen. Und sagt dann doch: "Jeder Bürgermeister ist froh, einen solchen Wohltäter in seiner Gemeinde zu haben." 1994 haben sie ihm die höchste Auszeichnung verliehen, die Vila Nova zu vergeben hat.

Sechs Autos hat Schulz allein den "Bombeiros" gespendet, der Ortsfeuerwehr. Ein ausrangiertes deutsches Löschfahrzeug, schön rot, und Krankentransporter. Alle tragen Plaketten mit dem Namen des edlen Spenders oder seiner Angehörigen und immer noch deutsche Aufschriften. "Wie soll ich schlecht über einen Menschen reden, der eigentlich nie da war", sagt Kommandant Rui Alberto Rodrigues Cruz. Im Jahre 2004 haben sie den damals schon mit internationalem Haftbefehl gesuchten Musiker noch als einen ihrer wichtigsten Unterstützer gewürdigt.

Warten auf den Prozess

An den Fall der "Casa Pia" erinnert das viele. "Casa Pia" - Schlagwort für Portugals spektakulärsten Fall von Kindesmissbrauch. Pädophile Politiker, Diplomaten und Promis sollen sich in dem Kinderheim über Jahre Opfer "besorgt" haben. Der Prozess läuft noch. Kindesmissbrauch ist in Portugal kein Offizialdelikt und verjährt, drei Monate nachdem etwa ein Erziehungsberechtigter erfahren hat, dass sein Kind missbraucht wurde.

Auf dem Landgut erinnert nicht mehr viel an Schulz, der, so sagen die heutigen Bewohner, seit 2002 hier nicht mehr gesehen wurde. Seine Kleider und viele Möbel haben sie entsorgt. Vor drei Jahren hat Margot, eine frühere Gefährtin, das Gut übernommen und versucht einen Neuanfang. Das Label "Sattva" zumindest ist mausetot, seit sich zu Beginn der Zeitenwende herumsprach, dass Schöntöner Shanti ein Kinderschänder sei.

Draußen am Zaun steht David A. und blinzelt nervös in die Sonne. Schulz hatte ihn, da war David ein Jahr alt, seinem Vater abgeschwatzt, versprochen, aus ihm einen Arzt zu machen. Er durfte keinen Kindergarten besuchen, lernte seine Muttersprache erst in der Schule, weil auf dem Gut nur Deutsch parliert wurde. Und während sein Vater als Gärtner Unkraut für Shanti zupfte, wurde David wohl jahrelang missbraucht - Arzt ist er auch nicht geworden. Aber darüber will der 21-Jährige nicht reden. Er ist in "psychologischer Behandlung wegen der Sache", sagt er. Dass ihr Wohltäter verhaftet wurde, erfuhren die Bewohner von Vila Nova aus ihrer Heimatzeitung "Cerveira Nova" auf Seite sieben - unter einem Beitrag über Kekse und den Todesanzeigen.

Oliver Shanti alias Ulrich Schulz alias Oliver Serano-Alve wurde am vergangenen Freitag in Lissabon deutschen Zielfahndern übergeben und nach Deutschland geflogen. Inzwischen ist er im Münchner Gefängnis Stadelheim inhaftiert und wartet auf seinen Prozess. Den deutschen Beamten erzählte er, dass die portugiesische Polizei immer darüber informiert gewesen sei, "wo ich in all den Jahren war - fünf Jahre am selben Ort."

Mitarbeit: Wolfgang Metzner, Klaus Wiendl / print