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Gregor Gysi: Der Beckenbauer der Linken läuft sich warm

Ein paar Wochen hat er Pause gemacht, jetzt ist Gregor Gysi wieder voll da. Mit Witz und Angriffslust hat er nun verraten, wie die Linkspartei Ost und West fit machen will - und was Oskar Lafontaine in Wirklichkeit ausmacht.

Von Florian Güßgen

Er ist der Beckenbauer der Linken. Locker und elegant sieht er aus, mit seinem schicken, hellgrauen Anzug und der weinroten Krawatte. Locker und elegant tritt er auf - mal kämpferisch, mal witzig, mal selbstironisch. Gysi weiß, dass ihm eigentlich keiner böse sein kann, dass ihn alle immer sympathisch finden. Irgendwie. Wie Beckenbauer.

Ein paar Wochen nun war Gysi öffentlich kaum zu sehen. Seit diesem Dienstag ist er zurück - in der Zentrale der Linkspartei in Berlin, im Wahlkampf, im Mittelpunkt des Medien-Interesses. Klick-klick. Klick-klick. Keine Bewegung des quirligen, erdnahen Mannes, der den Kameras entginge, keine Äußerung, die nicht aufgezeichnet würde. Nein, sagt Gysi, gesundheitlich gehe es ihm prima, deshalb sei er nicht von der Oberfläche verschwunden. Urlaub habe er gemacht - und als Anwalt gearbeitet. Das sei sein Job, damit verdiene er sein Geld. Noch.

Fußballbund und Linkspartei

Noch. Denn demnächst soll Gysi wieder in den Bundestag. Wie der Deutsche Fußballbund die Ikone Beckenbauer braucht, so braucht die Linkspartei, einstmals PDS, ihre Ikone Gysi, den Ex-Vorsitzenden, den Ex-Senator, den Sympathieträger. Ausgerufen haben sie ihn schon als Spitzenkandidaten, die formelle Wahl soll demnächst vollzogen werden. Gysi soll die Linkspartei, im Bund mit dem großen Oskar Lafontaine und der kleinen WASG, in das Parlament zurückführen. Er hat sich dazu herabgelassen, er hat ihrem Werben nachgegeben. Wie Beckenbauer gelingt es Gysi immer wieder, den Eindruck zu erwecken, er habe gezaudert, hätte genötigt werden müssen, er sei eine Lichtgestalt wider Willen. Mehr aus Pflichtbewusstsein als aus Lust, so die Botschaft, stürze er sich in das banale Kampfgetümmel.

Dennoch läuft Gysi sich am Dienstag schon einmal warm für den Wahlkampf - mit vielen Versprechen, vor allem für den Osten. Was bei Beckenbauer die fußballerische Eleganz war, ist bei Gysi die Rhetorik. Wortreich umwirbt er das PDS-Stammgebiet in Ostdeutschland, erklärt, wie die Linkspartei den Osten - und natürlich auch alle strukturschwachen Gebiete im Westen - zu sanieren gedenkt.

"Unsere Erdöl- und Goldvorkommen sind begrenzt"

Die Pendlerpauschale etwa, so steht es in dem Papier von vier PDS-Kandidaten, das Gysi referiert, will die Linkspartei auf 40 Cent erhöhen. Junge Menschen sollen so im Osten gehalten werden. Ungleichheiten bei Löhnen, Gehältern und Renten will sie, fünfzehn Jahre nach der Wiedervereinigung, abschaffen, der Zugang der armen Länder zu Fördertöpfen soll erleichtert werden. Auch in Bildung will die Linkspartei investieren. Deutschland, in West und Ost, müsse sich seiner alten Qualitäten als Standort wieder gewahr werden, sagt Gysi. "Unsere Erdöl- und Goldvorkommen sind so begrenzt, dass deshalb keine ausländischen Investoren kommen," stichelt er. "Unserer Standortvorteil war immer eine hoch qualifizierte Belegschaft." Das klingt gut, das hört man gern - auch SPD, Union, Grüne und FDP sagen das so oder ähnlich.

Finanziert werden soll das alles durch Steuern für Besserverdiener - durch eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes von derzeit 42 auf 50 Prozent etwa, durch eine Abgabe auf Veräußerungserlöse. Irgendwann soll dann auch eine Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze bei der Rente dazukommen, um die Lohnnebenkosten zu senken. Auch dieser Schritt ginge auf Kosten der Wohlhabenden. Besserverdiener müssten den Beitragssatz - bei der Rente derzeit 19,5 Prozent - dann auf die volle Höhe ihres Einkommens zahlen. Offizielle Partei-Positionen sind diese Forderungen noch nicht - erst Ende August wollen die Linken ihr Programm verabschieden.

Schröders Reisen ins ostdeutsche Indonesien

Wie Lafontaine und etwas gewieftere WASG-Vertreter auch, spricht Gysi bei seinen Auftritten weniger zu den akademisch-kritischen Medienvertretern als vielmehr direkt zu seiner Klientel. Die Argumentationskette, die er in verschiedenen Varianten immer wieder anbringt, ist einfach: Die anderen, die Etablierten, so die Botschaft, haben Euch vergessen - Euch, die zu kurz gekommenen Ostdeutschen oder, je nach Laune, Westdeutschen, die Hartz-IV-Opfer. Wir, die Linkspartei, kümmern uns um Euch. Wir sind die letzten aufrechten Kämpfer, die Recken für eine bessere Welt. Deshalb müssen wir alleine gegen alle anderen kämpfen. Wundert Euch nicht, wenn es so aussieht, als lägen wir falsch, wenn Sie uns als Populisten brandmarken. Das ist nur Taktik, nur der Anschein, den diejenigen erwecken wollen, an deren Toren wir rütteln. Auch im Karl-Liebknecht-Haus variiert Gysi dieses Thema immer wieder.

Rot-Grün und Bundeskanzler Gerhard Schröder hätten den Osten vernachlässigt, sagt Gysi und illustriert dieses Versagen mit einem launigen Vergleich. "Schröder ist durch den Osten immer so gefahren wie bei einer Auslandsreise. Das war immer so, als sei er in Indonesien. Das ist grotesk." Nur die Linkspartei könne diese Diskussionskultur im Bundestag kippen, andere Themen auf die Agenda setzen. "Durch den Einzug der Linkspartei hoffe ich auf andere gesellschaftliche Debatten", sagt Gysi.

Gysi tänzelt ins Ungefähre

Der Beckenbauer der Linken weiß, dass es nicht ellenlange Ausführungen zu Finanzierungsfragen sind, die beim Wähler hängen bleiben, sondern Schlagworte, Eindrücke. Wird er kritisch befragt, weicht Gysi aus, tänzelt kurz ins Ungefähre, um dann mit einem scheinbar verbundenen Thema in die Offensive zu gehen. Als er etwa gefragt wird, ob es wirklich Sinn macht, die Pendlerpauschale zu verteidigen, um jungen Menschen im Osten zu halten, geht er auf diese Frage kaum ein. Stattdessen schwingt er sich binnen Sekunden auf zum zornigen Anwalt aller Eltern, die wollen, dass ihre Kinder nicht zu oft die Schule wechseln müssen und mit schlechten Zeugnissen nach Hause kommen. Die Pose zählt, es muss gut klingen, der Inhalt ist fast egal - auch Beckenbauer hat es nie geschadet, dass ihn eine große Zahl schreibender Beobachter immer als redseligen "Firlefranz" abtaten.

Gysi kann es sich leisten, ganz entspannt aufzutreten. Arm in Arm mit Lafontaine ist ihm ein Coup gelungen, ein Riesending. Linkspartei und WASG haben derzeit einen Lauf, in Umfragen liegen sie bei elf Prozent. Die Konkurrenz zittert, aufgemischt haben sie die Parteienlandschaft ohnehin schon. Fast schon überheblich klingt es da, wenn Gysi sagt, dass sich bei der SPD niemand vor einem Bündnis mit den wahren Linken fürchten müsse. Er, Gysi, habe da zwar prinzipiell nichts dagegen, finde aber, die Sozialdemokraten seien dafür im Jahr 2005 noch nicht weit genug. "Im Jahr 2009 könnte die SPD in einem Zustand sein, der es erlauben würde, mit ihr über eine Koalition zu diskutieren," fügt er hinzu.

"Lafontaine war bescheidener, als man es ihm zutraut"

Und weil er gerade bei der SPD ist, verteidigt Gysi, en passant, auch seinen Mitstreiter Lafontaine, der in dem Duo, um im Bild zu bleiben, wohl eher die Rolle des Haudrauf-Stürmers Gerd Müller einnehmen würde. Lafontaine werde in den Medien falsch dargestellt, sagt Gysi. Er habe sein Amt als SPD-Parteichef und Finanzminister damals - im März 1999 - keineswegs verantwortungslos hingeworfen. Im Gegenteil. Lafontaine habe einst erkannt, dass er seine Politik mit diesem Kanzler nicht mehr würde umsetzen können. Statt aber die Partei mit einem Ultimatum - Er oder ich! - vor eine Zerreissprobe zu stellen, habe er sich zurückgezogen, die eigenen Genossen verschont. "Da war Lafontaine bescheidener, als man es ihm zutraut", sagt Gysi. Und irgendwie erinnert er auch bei diesen Worten an den Fußball-Heroen aus Bayern. Auch der mit spätem Vaterfreuden gesegnete Beckenbauer kann moralische Grenzgänge als verzeihliche, manchmal sogar bewundernswerte, menschliche Eigenheiten verkaufen. Diese Chuzpe macht es schwer, auf einen der beiden wirklich böse zu sein.