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Grünen-Vorsitz: Cem Özdemir - eine deutsche Karriere

Das Gastarbeiterkind war ein Popstar der Politik, benahm sich auch so und stürzte ab. Jetzt gibt er sich seriös, geläutert - und darf Grünen-Parteichef werden. In diesem Job wird der 42-Jährige sein ganzes Talent zeigen müssen, um die Zweifel der anderen zu beseitigen.

Ein Porträt von Jan Rosenkranz

Zwei Streifen kleben rechts und links auf seinen Wangen. Dunkel, dicht und breit. Cem Özdemir trägt keine Koteletten, er trägt echte Blues-Brothers-Balken. Ansonsten sieht er aus wie früher: Hemd und Sakko, schlank und smart. "Der Cem" stellt sich im alten Hörsaal der Potsdamer Uni der Grünen Jugend vor. Natürlich seien Klima und Umwelt auch seine Kernthemen, erklärt er. Nur liege der Fall bei ihm einfach so: "Selbst wenn ich bei den Grünen für das Thema Sexualität zuständig wäre, würden mich die Leute vor allem zur Sexualität von Migranten befragen."

Der Vorzeigetürke Deutschlands

Manchmal ist Cem Özdemir eben ein bisschen kokett. Er weiß, dass er als Vorzeigetürke Deutschlands gilt. Dass er den Grünen, die in der Opposition zu verelenden drohen, ein bisschen Glanz verleihen kann, wenn sie ihn am Samstag in Erfurt zum Vorsitzenden wählen. Der selbsternannte "anatolische Schwabe" hat es dann in der Politik so weit gebracht wie kein anderes Gastarbeiterkind in diesem Land: der erste Parteichef mit Migrationshintergrund, wie es politisch korrekt so schlimm heißt.

Er wäre zum zweiten Mal der erste. Das erste Mal war 1994. Özdemir zieht als erster Deutsch-Türke in den Bundestag ein. "Heute kann man gar nicht mehr ermessen, was das für eine Sensation war", sagt Tarek Al-Wazir, der hessische Grünenchef. Für ihn, den Halb-Jemeniten, hat Özdemir schon jetzt "eine historisch bleibende Rolle".

Im Frühjahr, als der Realo-Flügel händeringend nach einem Kandidaten für die grüne Doppelspitze sucht, als einer nach dem anderen aus privaten oder beruflichen Gründen abwinkt, da sagt auch Cem Özdemir: Das traue ich mir nicht zu. Er will zwar zurück nach Berlin, dorthin, wo seine Familie lebt. Seine Frau Pia Castro, eine gebürtige Argentinierin, und seine Tochter Mia Rasha. Doch sie ist gerade drei und er will nicht zum "Grüß-Gott-Onkel" werden.

Der ungeliebte Posten

Beruflich schwebt Özdemir ein Bundestagsmandat vor. Grünen-Chef? Das sollen andere machen. Es ist ein ungeliebter Posten. Verdammt viel zu tun. Verdammt wenig zu sagen. "Zelt-Mission" hat Joschka Fischer die Zentrale genannt. "Unsere arme Verwandtschaft" spottet man in der Fraktion, wo ein Abgeordneter über mehr Personal verfügt, als der Chef der ganzen Partei. Trotzdem wirft Özdemir im Juni seinen Hut in den Ring. Seine politischen Freunde haben ihn überzeugt - und er glaubt, dass er beides haben kann: Amt und Mandat.

Es ist ein grauer Berliner Herbstnachmittag. Cem Özdemir sitzt im Café "Übersee" in Kreuzberg und rührt ausgiebig in seinem marokkanischen Minztee. Den bekommt er hier, ohne zu bestellen. Er ist hier zu Hause. Auf die Frage, warum er den ungeliebten Posten übernehmen will, den sonst keiner haben wollte, zaubert er Nachdenklichkeit ins Gesicht und antwortet in wohlgestanzten Phrasen: "Ich bin kein Typ, der so was schnell entscheidet." Und: "Die Leute haben den selbstverständlichen Anspruch, dass ihre Interessen gut vertreten sind." Und: "Das ist ein anspruchsvoller und wichtiger Job." Dazu lächelt er sehr verbindlich.

Özdemir weiß um seine Wirkung. Er ist einer der wenigen Grünen, die unfallfrei eine Talkshow überstehen. Er ist präsentabel, charmant, schlagfertig, und er pflegt seine guten Manieren. Diese Wirkung hat er perfektioniert. Sie ist seine Waffe im Kampf um Anerkennung. Um das Dazugehören.

Die Bindestrich-Mentalität

"Ich bin zwar ganz gut zu Fuß, aber nie eingewandert", schreibt er mit 31 Jahren in seiner Biografie. Titel: "Ich bin ein Inländer". Der Vater stammt aus einem Dorf in Anatolien, die Mutter aus Istanbul, in Deutschland lernen sie sich kennen. Er arbeitete bis zur Rente in einer Fabrik für Feuerlöscher, sie betrieb eine Änderungsschneiderei. Kleines Gastarbeiterschicksal im schwäbischen Bad Urach. 1965 wird der einzige Sohn Cem geboren - ausgestattet mit einer Bindestrich-Mentalität, wie er das nennt. Deutsch-türkisch.

Es ist sein Schicksal. Fluch und Segen zugleich. Für eine grüne Karriere von Vorteil, für den Alltag in Deutschland oft nicht ganz einfach.

"Kannst du ja nichts dafür, dass deine Eltern Türken sind", hat ihn ein Freund mal in Schutz nehmen wollen. Er kann unendlich viele solcher Episoden erzählen. Kleine Geschichten, die er auf Knopfdruck parat hat. Erinnerungen, die aufploppen wie Werbefenster. Er hat nichts vergessen. Keine Kränkung. Keine Niederlage. Keine noch so kleine Gemeinheit.

Nicht die Sache mit der Spritzpistole, die ein Junge im Kindergarten verbummelt hatte, die aber wie selbstverständlich Cem sofort rausrücken sollte. Auch nicht, dass Klaus, der nachmittags Super-8-Filme zeigte, 50 Pfennig Eintritt kassierte - nur von ihm und sonst von keinem. Erst recht nicht, wie die Lehrerin ihn in der ersten Klasse sitzen lassen wollte und der Mutter sagte: "Beim Cem ist es ja eh egal, ob der sitzen bleibt oder nicht. Den werden Sie ja wahrscheinlich in die Türkei zurückschicken."

Egal, ob es wirklich jedes Mal an seinem Ausländersein lag. Er hat es so empfunden. Es hat sich eingebrannt. Es sitzt ganz tief.

Mit 28 Jahren zum Popstar

Es ist der Motor seines Ehrgeizes. Dazugehören. Besser sein. Besser aussehen. Besser essen. Özdemir passt sich nicht einfach nur an, er setzt immer noch einen drauf. Claudia Roth, die zweite Grünen-Vorsitzende, sagt: "Der Cem ist noch schwäbischer als ich." Als er mit 28 Jahren Bundestagsabgeordneter wird, ist er nicht nur erfolgreich. Er wird eine Sensation.

Ausnahmetalent. Joschka-Freund. "Multikulti-Mann des Jahres 1997". Innenpolitischer Sprecher. Er trägt Autogrammkarten in drei Varianten mit sich herum. Als Bildschirmschoner gibt es ihn auch. Die Medien lieben ihn, und er liebt sich im Großformat. Irgendwann hebt er ab. Popstar ohne Inhalt.

2002, mitten im Polit-Jetset mit Partys, Essen und Dressman-Kampagne, mitten in diesem großfußigen Leben sagt er: "Ich will erreichen, dass es Leute gibt, die sagen: Euch Grüne kann man nicht wählen. Aber der Özdemir - bella figura." Er macht auf ganz dicke Hose. Er lädt ein. Zahlt alles. Nur Steuern zahlt er nicht. Er ist pleite, als das Finanzamt 70.000 Mark Nachzahlung fordert. Der dubiose PR-Berater Moritz Hunzinger gibt ihm Kredit. 80.000 Mark, günstige Konditionen. Der Anfang vom Ende. Der Kredit fliegt auf. Und es drohen weitere Enthüllungen: über Bonusmeilen, die er auf Staatskosten erflogen und privat verflogen hatte. Er geht k.o., Rücktritt mitten im Wahlkampf. Rücktritt in Schande.

Übers Ziel hinausgeschossen

Özdemir bleibt nichts als eine dumme Erklärung: "Ich habe mein Geld netto für brutto genommen. Was reinkam, habe ich ausgegeben. Nennen Sie mich naiv." Plötzlich ist er der Emporkömmling, der übers Ziel hinausgeschossen ist. Er trägt diesen Makel bis heute. Er findet das ungerecht. Er hat doch gebüßt. Hat Pause gemacht und eine Schleife übers Europaparlament gezogen. Ist ernsthafter geworden. Zurückhaltender auch. Es soll jetzt gut sein. Finden auch die meisten Grünen.

"Hinfallen ist nichts, was mir unvertraut ist im Leben", sagt Cem Özdemir an diesem trüben Nachmittag im Café. Und dass er weiß, "dass die Bedingungen eben nicht für alle gleich sind". Das hat er erst kürzlich wieder erlebt. Özdemir bewirbt sich bei den baden-württembergischen Grünen um einen sicheren Listenplatz für die Bundestagswahl. Es ist ihm wichtig. Er will nicht schlechter gestellt sein als seine Co-Chefin Roth. "Ich bin sehr sensibel, was doppelte Standards angeht", erklärt er den Delegierten. Sie bejubeln seine Rede. Aber sie lassen ihn durchfallen. Zwei Mal. Gegen Leute, die nie in Talkshows eingeladen werden. Typisch grüne Idiotie: Sie finden ihn gut - und demontieren ihn.

Von der Wehmut zur Einsicht

Özdemir packt seinen Rucksack und geht. 36 Stunden Funkstille. Samstagabend sieht er im Fernsehen, wie Vitali Klitschko bei seinem Comeback den Weltmeister Samuel Peter besiegt. Am Montag erklärt er: "Ich habe in meinem politischen Leben gelernt, dass es sich lohnt zu kämpfen." Seht her: Cem Özdemir geht auch mit Niederlagen ganz pragmatisch um. Pragmatisch, vernünftig, realistisch. Kein Traumtänzer. Er ist eben Realo, wenn auch unorthodox. Einer, dem selbst im eigenen Lager nicht alle recht trauen. Der manchen zu wendig ist. Der in Kreuzberg eine schicke Dachgeschosswohnung kauft und dann die Moschee aus dem Haus klagt. Der zu sehr nach Jamaika riecht. Der schon immer eng in Kontakt stand mit den politischen Gegnern.

In Bonn gehörte er zur "Pizza-Connection", junge Abgeordnete von CDU und Grünen, die sich beim Italiener trafen. In Brüssel lebt er in einer WG mit dem FDP-Abgeordneten Jorgo Chatzimarkakis, einem Deutsch-Griechen. Er kocht. Özdemir putzt. "In vielen politisch relevanten Fragen können wir uns nicht einigen, schon beim Thema Umwelt kommen wir kein Stück zueinander", sagt Özdemir. Und so trennt der Grüne den Müll in kleine Häufchen, auch wenn es in Brüssel keine Mülltrennung gibt - und der Gelbe wirft ihn dann im großen Haufen weg.

Viele haben Zweifel

Özdemir will eben alles richtig machen. Überkorrekt. Übervorsichtig ist er inzwischen geworden. Und politisch nur schwer zu verorten. Wenn er jetzt, mit gerade einmal 42 Jahren, Parteichef wird, muss er beweisen, was sein Talent wert ist. Ist er strategisch genug? Kann er führen? Beherrscht er die Themen von Afghanistan bis Zwischenlager? Es gibt nicht wenige, die Zweifel haben, ob er das packen kann. Sein Mitbewohner "Chatzi" hat schon eine ganz andere Vision: "Ich möchte, dass Cem Özdemir einmal der erste Bundespräsident mit ausländischem Namen wird."