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Guido Westerwelle: Der Leichtmatrose

Nur die Union steckt in der Krise? Von wegen: Auch die Liberalen leiden schwer am Zustand ihrer Partei. FDP findet nicht mehr statt. Ihre Krise hat einen Namen: Guido Westerwelle.

Hier ist der Guido!", meldet sich Guido Westerwelle gern, wenn er Leute anruft, die er ein bisschen mehr duzt als andere. Zum Beispiel Angela Merkel. "Wo ist der Guido?", rätseln indes selbst hochrangige FDP-Politiker, die kein Problem haben, ihn jederzeit ans Handy zu bekommen. Wo ist der FDP-Chef? Unterwegs. Zum Beispiel in Marokko, wo er Premier Driss Jettou trifft. Oder bei Gábor Kuncze. Gábor - wer? Der ist Chef der ungarischen Liberalen.

Nein, der FDP-Vorsitzende ist nicht abgetaucht. Das lässt sich nicht behaupten. Mal plaudert er mit Gregor Gysi über das Leben an sich, mal mit der "Börsen-Zeitung" über die Frage: "Welche Gesellschaft will die FDP?" Ameisenemsig gibt er Interviews.

Der Mann liefert

sich seiner Geltungsgier aus. Politische Botschaften, die nicht schon schimmeln, setzt er allerdings nicht in die Welt. Auch auf dem Stuttgarter Dreikönigstreffen der FDP in der vergangenen Woche war er außerstande, seiner Partei Orientierung zu geben, die über den Tag hinausreicht. Er rief mal wieder zur Wende auf. Mit "neuem" Programm will er an die Macht. Steuersenkung, Bürokratieabbau, Bildungsreform - Dauerlutscher der FDP.

Gibt es uns überhaupt noch, fragen sich viele Parteimitglieder? Die Liberalen haben keinen Vorsitzenden, der es schafft, die FDP zum Thema zu machen. Ihre Wahrnehmung tendiert gegen null. Denn das Thema des Guido Westerwelle heißt: Guido Westerwelle.

Die Krise der Union ist in aller Munde - sie wird dem Publikum auf offener Bühne lautstark vorgeführt. In ihrem Schatten wuchert die stille Krise der Liberalen, die noch kein Thema ist für die große Öffentlichkeit, aber die Partei zunehmend in die Verzweiflung treibt. In einem Jahr ist die CDU/CSU in den Umfragen von 49 auf 38 Prozent abgestürzt. Die FDP dümpelte damals und dümpelt heute bei sieben Prozent - enttäuschte Bürgerliche werden von ihr nicht aufgefangen, wie das im anderen Lager die Grünen für die SPD erledigen. Das aber bedroht die Mehrheitsfähigkeit der gesamten Opposition. Folglich war die Krise des liberalen Wunschpartners auch Thema auf der CDU-Klausur mit Angela Merkel am vergangenen Wochenende in Kiel. In ihrer Sorge sind sich die Wahlstrategen von Christdemokraten und Liberalen einig: Die FDP hat ein drängendes Führungsproblem.

Ein Montag wie viele andere. Die FDP-Führung hat getagt, der Vorsitzende bittet zur Pressekonferenz. Drei Journalisten sind gekommen. Beschlossen wurde an diesem Tag der Ruf nach Studiengebühren, neu gesungen das alte Lied von der Abschaffung der Mitbestimmung. Zwei Fragen zum Thema Studiengebühr, mehr will niemand von Westerwelle wissen.

15 Schritte entfernt

gabelt der Ehrenvorsitzende Walter Scheel Maccheroni alla puttanesca, schüttelt leicht den Kopf über die Farce einer Pressekonferenz und nimmt einen Schluck Weißwein. Scheel ist überzeugt, dass von seinen vielen schwachen Nachfolgern im Amt des FDP-Vorsitzenden Westerwelle der Schwächste ist. "Der Mann muss weg", sagt er zu Parteifreunden. Darin ist er sich einig mit Hans-Dietrich Genscher, dessen Urteil ebenfalls feststeht: "Der hat keine liberalen Inhalte. Das ist der schwächste Vorsitzende, den die FDP je hatte." Dem Drei-königstreffen blieb Genscher fern.

Westerwelle fesselt nicht mehr mit neuen Ideen. Und niemand hört mehr hin bei den ständig gleichen Durchsagen: Wachstum und Steuersenkungen. "Es fehlt jede Substanz, jedes Profil", klagt Vorstandsmitglied Mehmet Daimagüler. Auch die Jungen in der FDP wie Daimagüler sind unzufrieden mit ihrem Vorsitzenden, der kaum älter ist als sie selbst und als früh Erstarrter daherkommt.

Die blassblauen Augen wirken kalt, die randlosen Gläser der Brille machen den Blick ausdruckslos, wenn er sich auf dem Weg zum Gegenüber im Nichts verliert. Die metallische, viel zu oft viel zu laute Stimme will Bedeutung und Willensstärke vermitteln. Und lässt das Gleiche vermissen wie der Blick: Nähe und Vertrauen. Lächeln wird an- und ausgeknipst. "Kampfstrahlen" nennen junge Parteifeinde Westerwelles Gesichtsausdruck, wie Fritz Goergen in seinem Buch "Skandal FDP" schreibt. Goergen kennt Westerwelle von Nahem, er war sein Wahlkampfberater vor der letzten Bundestagswahl. Den ARD-Wetterverkünder Karsten Schwanke bewundere Westerwelle: "Wie der den Wetterbericht vorträgt, ist unschlagbar. Der verkauft ja noch drei Tage Regen wie vier Tage Sonnenschein."

Genau so hatte er einst als Generalsekretär Leben in die nach der sozial-liberalen Ära vermuffte FDP gebracht. Als junger Haudrauf erreichte er die Herzen und Hirne des FDP-Publikums. Da kam endlich einer frech und fröhlich daher. Einer, der auch vor Helmut Kohl nicht dienerte. Mitte der 90er Jahre legte er einen frischen Programmentwurf vor, mit dem die Liberalen in der Parteienlandschaft gute Figur machten. Damals schrieb er seiner Partei einen Kernsatz auf: "Die FDP kann die Gewinnerin der Umbrüche in der Parteienlandschaft werden, wenn sie den Mut zur Unverwechselbarkeit und zur Eigenständigkeit aufbringt."

Als FDP-Chef hat

er die Maxime auf pittoreske Weise umgesetzt: Container-Guido betrat die Szene. Schluss war mit dem reformbegierigen Generalsekretär. Fortan wurde ihm der Gag zum geheiligten Mittel. Jetzt war da einer, der mit Zwölf-Sekunden-Spots Politik zu machen versuchte. Der mit der aufgeprägten "18" auf der Schuhsohle den Marktschreier gab. Dem Inhalte nur noch das Podest zur Selbsterhöhung waren. Vor der Wahl 2002 war selbst die Regierungsbeteiligung der FDP für den Kanzlerkandidaten am Steuer des Guido-Mobils ausgemachte Spaßsache. Rot-Gelb oder Schwarz-Gelb - ganz egal, Hauptsache dabei.

Dass Schwarz-Gelb am Ende die Mehrheit verfehlte, hatte nicht unwesentlich Westerwelle zu verantworten. Viel zu spät rang er sich dazu durch, Jürgen Möllemanns fatale Antisemitismuskampagne zu stoppen. Weil er dem Treiben seines Antreibers intern zunächst zugestimmt hatte? Freunde Westerwelles sind sicher, dass er das Scheitern des "Projekts 18" und Gefühle der Mitschuld an Möllemanns Tod bis heute nicht bewältigt hat.

Nach der verlorenen Wahl war erneut Modellwechsel angesagt. Der FDP-Chef erklärte die "Partei für das ganze Volk", die er bis dato propagiert hatte, für erledigt. Jetzt soll die FDP "programmatische Avantgarde" sein. Doch politisches Neuland meidet sie konsequent. Keine liberale Botschaft, nirgends. Nur Machtdrang.

Am Ende der Metamorphosen besteht das Prinzip Westerwelle darin, dass er keines hat. Keines von Dauer. Mit einer Ausnahme: Stets ist er der Verkäufer seiner selbst. Verliebt in ein unwahres Bild von sich selbst. Narziss und Goldmund. Zu erleben etwa bei "Beckmann". Da saß ein sportlicher, humorvoller Bursche vor der Kamera, der sich bei schwierigen Fragen nach seiner Homosexualität heiter entspannt gab, sich direkt den Zuschauern zuwandte und lächelnd offenbarte, ihn habe seine Homosexualität nie beschwert. Alle Welt, so die Botschaft, soll teilhaben an der neuen Freiheit des Guido W.

Eine vertane Chance.

Das sehr späte Coming-out als Schwuler hätte Gelegenheit geboten zu Ehrlichkeit und Selbstfindung. Die persönliche Befreiung als Bedingung auch für einen politischen Neuansatz. Westerwelle hätte zu sich stehen, die Maske abnehmen und endlich authentisch sein können. Sagen müssen, dass er in Wahrheit entsetzlich gelitten hat unter der jahrzehntelangen Lebenslüge. Dass er zuweilen niedergeschlagen mit einer Flasche Sekt in die Badewanne flüchtete. Dass er bei öffentlichen Auftritten immer wieder zwei gute Freundinnen vorschob, um sein Anderssein zu tarnen.

Auch wer Westerwelle lange kennt, kennt ihn noch lange nicht. "Der Mensch Westerwelle ist gut verborgen", sagt einer, der ihn seit Jahren aus der Nähe beobachtet. "Er verwendet ein hohes Maß an Disziplin darauf, die Fassade der Marke Westerwelle zu gestalten." Der Liberale gehört zu jenen Politikern, denen - so ein Wort Egon Bahrs - das "innere Geländer" fehlt. Die politische Positionen mit der Gemütsverfassung wechseln. Lange hatte die FDP die völlige Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft mit der Ehe abgelehnt. Kaum hatte sich Westerwelle bekannt, votierte er ("eine schlichte Selbstverständlichkeit") für ein Adoptionsrecht Homosexueller.

So weit, so liberal immerhin. Doch die Chance, den klassischen Liberalismus, in dem gesellschaftliche und wirtschaftliche Freiheit in einem ethischen Zusammenhang standen, nun zeitgemäß neu zu definieren, hat er verpasst. Steuersenkung ist und bleibt sein Thema. Selbst bei der asiatischen Flutkatastrophe: Westerwelles Beitrag zum nationalen Hilfsprogramm bestand in dem Vorschlag, die Spenden aus dem ersten Monat des Jahres 2005 sollten noch bei der Steuererklärung für 2004 abgesetzt werden dürfen.

Als Bürgerrechtspartei ist

die FDP längst durch die Grünen abgemeldet. Der Vorsitzende indes hängt dem fatalen Irrglauben an, die Attraktivität der Grünen sei kein Problem für die Liberalen. Die Wahlergebnisse der jüngeren Zeit künden vom Gegenteil: Gewiss, die Liberalen sitzen mit 6,1 Prozent wieder im Europaparlament. Aber: Die Grünen sind dort mit 11,9 Prozent doppelt so stark. In vielen Bundesländern liegt Grün vor Gelb. In den Stadtstaaten Hamburg und Bremen sind die Müslis von gestern als die Modernen von heute drei- bis viermal so stark wie die Liberalen. Grün wildert im gehobenen Bürgertum, das einst treu zur FDP stand. "Weil Westerwelle", sagt der Bürgerrechts-Liberale Gerhart Baum, "kaltschnäuzig auf die linksliberalen Themen verzichtet und damit die Tür für die Grünen in den Großstädten geöffnet hat."

Die Freien Demokraten leiden an der inhaltlichen Verödung. Westerwelle ist als FDP-Chef zwar vorerst unangreifbar. Ihn schützt, dass es derzeit keine Alternative gibt. Doch aufmerksam beobachtet die Partei, wie Wolfgang Gerhardt an der Spitze der Fraktion neues Profil gefunden hat und dem ideenlosen Parteiapparat Westerwelles zunehmend die politische Führungsrolle fürs Wahljahr 2006 entzieht. Gerhardts, nicht Westerwelles Leute schreiben das Wahlprogramm. Kein Zufall auch, dass die Fraktion Gerhardts stürmisch gefeierte außenpolitische Rede vom FDP-Parteitag in Dresden als Sonderdruck verschickt. Der Fraktionschef setzt Duftmarken.

Zum Beispiel mit einem Liberalismus-Kongress, auf dem er jüngst diskutieren ließ, was an der FDP überhaupt noch liberal ist. Kein angenehmer Termin für Westerwelle. Schmallippig sitzt er in der ersten Reihe und muss sich anhören, wie Werner Maihofer, der frühere Bundesinnenminister, beklagt, der Liberalismus beginne "undeutlich zu werden". Die FDP habe sich zu sehr auf das Thema Wirtschaft verengt. Sie solle endlich aufhören, "den Sozialstaat als Unglücksfall zu betrachten". Das schmerzt. Maihofers Kritik sei "völlig falsch", blafft Westerwelle später zurück. Er verteidige ja den Sozialstaat, attackiere nur den Wohlfahrtsstaat. Das Publikum kichert. Burkhard Hirsch, einst Galionsfigur des sozial-liberalen Flügels, schüttelt den Kopf: "Er wird seiner Aufgabe nicht gerecht. Westerwelle schafft die FDP schon noch."

Der verspricht zwar artig:

"Wir wollen uns den Realitäten stellen." Doch wo er steht, bleibt undeutlich, seit ihm Möllemann als strategisches Rückgrat fehlt. Ein Themenhopper, der die bescheidene Wirklichkeit der FDP schönredet. Edmund Stoiber hat den wunden Punkt getroffen, als er stichelte, Schröder und Fischer seien keine "Leichtmatrosen" - und damit Westerwelles politisches Gewicht beschrieb. Eine nüchterne Standortbestimmung müsste den in Alarmstimmung versetzen. Im Bundestag hört ihm noch nicht einmal die eigene Fraktion geschlossen zu. Die Manager nehmen ihn nicht ernst. Die Parteifreunde sind seiner ziellosen Unrast überdrüssig. Doch der tut, was er immer schon am liebsten getan hat: Westerwelle redet über Westerwelle. Auf allen Kanälen, in jeder Gazette. Immerzu auf der Suche nach jener Authentizität, die ihn an Möllemann so fasziniert hat.

Für den Göttinger Parteienforscher Franz Walter zahlt die FDP einen hohen Preis: Sie sei "führungslos, themenlos, ohne Ideen, Identität und Gesicht". Nur Guido ist da.

Hans Peter Schütz / print