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Guido Westerwelles Entschuldigungsbrief: "Ja, ich habe Angst"

Mitfühlender Liberalismus? Nix da. Guido Westerwelle drischt wie ein Berserker auf Hartz-IV-Empfänger ein. Aber er meint es nicht so. stern.de legt dem FDP-Vorsitzenden eine Entschuldigung in den Mund.

Eine Glosse von Lutz Kinkel

Hey, ihr da draußen. Ihr kennt mich nur als Anzugsträger, Krawattenmann und Leistungsapostel. Als Krawallo der schwarz-gelben Regierung. Aber glaubt mir: So bin ich nicht. Ich bin Guido Westerwelle, ich esse gerne Salat und bin ein mitfühlender Liberaler. Und ich bekenne: Ja, ich habe Angst.

Versetzt Euch doch mal nur eine Minute - nur eine Minute! - in meine Lage. Elf Jahre lang habe ich die Opposition geführt, elf Jahre habe ich der Angela die Hölle heiß gemacht. Gefeiert haben sie mich! Bester Redner des Bundestags. Letzter Verfechter der Marktwirtschaft. Held der FDP. Und dann die Bundestagswahl: 14,7 Prozent haben wir geholt. Das war historisch. Das war ich.

In den Koalitionsverhandlungen haben wir der Union alles in den Vertrag geschrieben, was diese Weicheier 2005 noch selber wollten. Kopfpauschale, Steuersenkungen, Atomkraft, meine geliebte geistig-politische Wende. Und was soll ich Euch sagen? Volker Kauder stand in Tränen vor mir und sagte: "Danke, danke, danke. Dafür habe ich Sie gewählt, Herr Westerwelle!" Und nachts, als ich am Wasserglas nippte und die anderen mal wieder in fettige Salamibrötchen bissen, kam auch der Seehofer angekrochen. Duzen wollte er mich. Ein bisschen Freundschaft, weil ich mehr Prozente geholt hatte als er. Ich hab' gesagt: "Horst, Du darfst." Dann gab er mir seine schwielige Hand. Er hatte Kummer.

Und jetzt? Was ist jetzt?!!! Außenminister soll ich sein. Vizekanzler. Parteichef. Hat irgendwer irgendeine Ahnung, was das bedeutet? Ich bin 24 Stunden am Tag unterwegs, manchmal auch 26. Nur noch Termine! Ständig Englisch reden! Ständig sabbelt dieser Guttenberg dazwischen! Und dann immer diese blöden Anrufe vom Genscher! Er sagt, ich soll diesen Satz auswendig lernen "Wir werden die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen festigen" und ihn bei jeder Gelegenheit aufsagen. Dann würde ich ein ganz Großer werden, so wie er. Geliebt, geachtet, ein Weltmann.

Ich kann es nicht. Und ich habe Angst. Unsere Umfragewerte sind beschissen. Wenn wir in Nordrhein-Westfalen aus dem Landtag fliegen, ist das der Anfang vom Ende. Und die Angela guckt einfach nur zu. Sie hat mit ihrem präsidialen Rumgewaber die SPD fertig gemacht, jetzt will sie uns fertig machen. Nach der Bundestagswahl 2013 sind die Grünen an der Reihe. So ist es. Angela will wieder zurück zur DDR: Ein Land, eine Partei, und eine Vorsitzende, die bis zur Vergreisung regiert. Ich sage nein! Nicht mit mir! Ich habe mich nicht jahrzehntelang abgestrampelt, um als Angies Ex zu enden. Ein weiteres Foto in ihrem Erinnerungsalbum, das sie mit kaltem Lächeln durchblättert, während sie im Borchardt Tartar spachtelt. Kohl klebt schon drin, Schäuble, Merz, Steinmeier, Müntefering - die ganz kleineren Chargen nicht mitgezählt. Nicht mit mir!

Versteht mich doch. Mein Vorbild ist nicht Helmut Kohl, mein Vorbild ist nicht Hans-Dietrich Genscher, mein Vorbild ist Gerhard Schröder. DER hat Mut gehabt. DER hat das Land umgebaut. DER hat einen Donnerhall produziert, der noch Generationen einen Tinnitus verpassen wird. Von mir denken alle, ich sei ein Luftikus, ein Schönwetterpolitiker, ein Mann ohne Substanz. So ist es nicht. Ich habe es allen gezeigt, und ich werde es allen zeigen. So war es in der Schule, so ist es jetzt. Deshalb werde ich die Angela weiter nerven. Mit der Kopfpauschale. Mit den Steuersenkungen. Mit dem Umbau des Sozialstaats. Mit der Atomkraft. Sie soll sich endlich bekennen. Zu mir. Zu uns.

Es geht nicht um Euch, liebe Hartz-IV-Empfänger. Ihr seid bei der FDP bestens aufgehoben, wir wissen, wie man Spenden organisiert, um das Überleben zu sichern. Klar, wir werden Euch die Bezüge ein bisschen kürzen. Aber ihr könnt dafür Workshops in der FDP-Zentrale besuchen. Einmal waschen und rasieren, da hatte der Kurt Beck schon recht, und schon sieht die Welt ganz anders aus. Dann - zack! - hinein in die nächste Sparkasse und mal eine Debatte über soziales Engagement, Businesspläne und Work-Life-Balance führen. Ihr werdet sehen: Das bringt Euch viel mehr als das ewige Gejammer.

Ich habe auch nie gejammert. Ich habe mir die Schuhe fest zugebunden. Jetzt stehe ich da. Ich kann nicht anders.

Euer

Guido Westerwelle