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Anschlag : Todesschütze von Hanau kurz vor der Tat wegen Falschparkens kontrolliert

Bevor Tobias R. in Hanau ein Blutbad anrichtete, wirkte er ganz ruhig. Dass die Polizei erst rund fünf Stunden, nachdem der erste Schuss fiel, in die Wohnung des mutmaßlichen Attentäters eindrang, wirft aber Fragen auf.

Berlin: Horst Seehofer zu Beginn der Sondersitzung des Innenausschusses des Bundestages zum Anschlag in Hanau

Berlin: Horst Seehofer steht zu Beginn der Sondersitzung des Innenausschusses des Bundestages zum Anschlag in Hanau mit Peter Frank (M.), Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, und Holger Münch (l.), Präsident des Bundeskriminalamtes

DPA

Der Todesschütze von Hanau war etwa eine Stunde vor Abgabe des ersten Schusses wegen Falschparkens kontrolliert worden. Wie Teilnehmer einer nicht-öffentlichen Sondersitzung des Innenausschusses am Donnerstag berichteten, stand sein Auto in der Nähe des ersten Tatorts. Er habe bei der Kontrolle nicht aggressiv reagiert, erfuhren die Teilnehmer vom Generalbundesanwalt. 

Hinweise auf mögliche Mitwisser oder Unterstützer des Todesschützen gibt es unterdessen nicht. Es werde aber weiter ermittelt, sagte Generalbundesanwalt Frank in der Ausschuss-Sitzung, wie AFP weiter aus Teilnehmerkreisen erfuhr. Die Ermittler beschäftigte sich mit mehreren Auslandsreisen des Tatverdächtigen, insbesondere mit einer USA-Reise vom November 2018.

Der Chef des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, sagte den Angaben zufolge in der Ausschusssitzung, der Tatverdächtige sei intensiv bei YouTube unterwegs gewesen und technikaffin. Er hatte demnach seit August 2019 einen europäischen Waffenschein, so dass er Waffen auch ins Ausland mitnehmen konnte. Gerade in diesem dieses Jahr habe häufig das Schießen trainiert. Der Vater des Verdächtigen habe noch nicht vernommen werden können, er habe auch eine sehr auffällige Persönlichkeit.

Polizei betrat erst um 3 Uhr die Wohnung des Schützen 

Den Angaben zufolge erschoss der mutmaßliche Attentäter Tobias R. am Mittwoch vergangener Woche in der hessischen Stadt innerhalb von zwölf Minuten neun Menschen. Er suchte offensichtlich gezielt Menschen mit ausländischen Wurzeln als Opfer aus. 

Die Abgeordneten berichteten unter Berufung auf Frank, der Attentäter habe um 21.58 Uhr zuerst einen Menschen auf der Straße erschossen. Dann sei er geflohen und habe unterwegs einen zweiten Menschen getötet, bevor er weiter zur Bar Midnight fuhr und dort vier Schüsse durch die Tür abgab. An diesem Tatort sei ein Mensch gestorben, hieß es. Als er weiterfuhr, tötete der Mann einen weiteren Menschen. Im Vorraum eines Kiosks habe er dann vier Menschen getötet. In der benachbarten Arena Bar gab es demnach einen Toten und mehrere Verletzte. 

Um 22.10 Uhr sei der Todesschütze dann mit dem Auto zur Wohnung seiner Eltern gefahren. Dort soll sein Auto - nach Auswertung einer Video-Aufnahme und Kennzeichen-Abfrage - um 23.10 Uhr festgestellt worden sein. Wie ein Abgeordneter berichtete, klingelte die Polizei erst - vergeblich - an der Tür. Dann sei eine Drohne losgeschickt worden, um durch das Fenster schauen zu können. Das Spezialeinsatzkommando sei um 3.03 Uhr in die Wohnung eingedrungen, berichteten mehrere Teilnehmer der Sitzung übereinstimmend.

Ihren Angaben zufolge lag die Mutter, die zuletzt pflegebedürftig gewesen war, tot im Wohnzimmer. Die Leiche von Tobias R. sei am Kellerabgang gefunden worden. Die Grünen fragten, warum es so lange gedauert habe, bis die Polizei zugriff. 

Walter Wüllenweber

Täter verfügte über mehr als 400 Patronen 

Die Polizei fand nach Angaben von Teilnehmern der Sitzung drei Schusswaffen: eine lag im Auto, eine bei der Leiche von Tobias R., eine weitere an einem anderen Ort in der Wohnung.

Die Abgeordneten erfuhren, der Todesschütze habe insgesamt 52 Schuss abgegeben. Im Wagen lagen noch 18 weitere Patronen. In einem Rucksack in seinem Zimmer fanden Ermittler demnach später noch 350 Patronen.

Tobias R. litt offensichtlich unter Wahnvorstellungen. Er hatte im November 2019 ein Schreiben an den Generalbundesanwalt geschickt, in dem er erklärte, er werde illegal überwacht. 

ivi / AFP / DPA
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