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Wahlsieg von Henriette Reker in Köln Erleichterung, Hoffnung und ein geschockter Musiker


Nach dem Attentat ist Henriette Reker mit 52,66 Prozent der Stimmen zur Oberbürgermeisterin von Köln gewählt worden. Auf die 58-Jährige warten Herkulesaufgaben - wenn sie aus dem künstlichen Koma erwacht ist.
Von Frank Gerstenberg

Diese 36 Stunden werden die Kölner wohl so schnell nicht vergessen. Am Samstagmorgen das Attentat auf die Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker, 58, und vier weitere Wahlkämpfer. Der Schock, die bundesweite Bestürzung und Anteilnahme, die Menschenkette vor dem Rathaus und nun dieses Ergebnis: 52,66 Prozent der 815.053 Wahlberechtigten wählen die Juristin und Kölner Sozialdezernentin. Zum ersten Mal führt eine Frau die viertgrößte Stadt Deutschlands, und dann noch eine, die keiner politischen Partei angehört, aber von fast allen Parteien unterstützt wird.

Im Consilium, einem bekannten Kölner Restaurant zwischen dem Sitz des einstigen römischen Statthalters und dem Historischen Rathaus, versammeln sich an diesem Sonntagabend die Anhänger der schwerverletzten Kandidatin, die den Auskünften der Ärzten zufolge nicht mehr in Lebensgefahr schwebt, aber nach wie vor auf der Intensivstation eines Kölner Krankenhauses im künstlichen Koma liegt.

"Eine wunderbare, liebevolle Frau"

Noch am Sonntagmittag ist Josef Rayes, 62, Inhaber des Consiliums, von den Ereignissen des Vortages tief beeindruckt: "Man findet schwer Worte nach dieser schrecklichen Tat." Er kennt Henriette Reker sehr gut, "eine wunderbare, liebevolle Frau." Es sei "unfassbar, dass ein Mensch dafür bestraft wird, dass er seinen Job gut macht." Vielen Kölnern spricht er damit aus der Seele. Ganz gleich, wie die Wahl ausgehe, sagt er dem stern sechs Stunden, bevor die 1024 Wahllokale in der Rheinmetropole schließen: "Die Demokratie hat jetzt schon gewonnen, weil die Wahl stattfindet."

Auch deshalb stand nie zur Debatte, die Wahlparty ausfallen zu lassen. Auch wenn es angesichts der dramatischen Ereignisse "keine Riesenfeier" geben wird: "Die vielen Menschen, die über Monate für Henriette Reker Wahlkampf gemacht haben, haben sich diesen Abend verdient." Die SPD-Anhänger natürlich auch, aber die haben ihre Zelte heute woanders aufgeschlagen.

Es gibt nur ein Thema: Henriette Reker

Ab 17 Uhr füllt sich das Consilium. Viele Shakehands und Umarmungen unter den Kölnern, man kennt sich. Auch Spitzenpolitiker wie der in Köln lebende Bundestagsabgeordnete der Grünen, Volker Beck, sind unter den Gästen. Josef Rayes lässt Fingerfood und Kölsch servieren. Ganz gleich, in welcher Ecke man steht, es gibt nur ein Thema: Henriette Reker. Wie geht es ihr? Werden mehr als 49 Prozent wie zuletzt im Oktober 2009 wählen? Wird das Attentat die Wahl beeinflussen, wird Reker die absolute Mehrheit erreichen, die ihr sechs Wochen zuvor in einer Umfrage von Infratest Dimap und WDR voraus gesagt wurde? Und: Man spürt die Erleichterung unter den Kölnern, dass sie überhaupt diese Fragen stellen dürfen. Nur knapp hatte das Bowie-Messer des Attentäters die Halsschlagader verfehlt, niemand will sich das ausmalen.

Um 18 Uhr stehen Grüne einträchtig neben CDU- und FDP-Mitgliedern und Freien Wählern vor den Fernsehschirmen im Lokal und im Innenhof. Sie alle haben die parteilose Reker in einem breiten Bündnis unterstützt. Fast alle Parteigrenzen sind aufgehoben, das hat es so in der Domstadt noch nie gegeben, die mehr als jede andere Stadt für ihren "Klüngel" bekannt ist. Nach den ersten Prognosen um kurz nach 18 Uhr liegen Reker und ihr SPD-Kontrahent Jochen Ott (41) noch relativ nah beieinander.

Ott "reicht" Reker symbolisch "die Hand"

Die Situation ändert sich kurz darauf dramatisch. Minütlich legt die parteilose Kandidatin zu, während Ott immer an Boden verliert. Um 18.30 Uhr der erste große Jubel im Consilium: Henriette Reker hat die 50-Prozent-Marke geknackt. Auch wenn jetzt erst 535 der 1024 Wahllokale ausgezählt sind, steht fest, der Sieg ist ihr nicht mehr zu nehmen. Um 19.30 Uhr steht es 52,44 gegen 32 Prozent, am Ende haben 325.000 Kölner ihre Stimme abgegeben (40,28 Prozent). Jochen Ott gratuliert und "reicht" Henriette Reker aus dem Historischen Rathaus symbolisch "die Hand".

Im Consilium herrscht Erleichterung, die Stimmung ist entspannt, angesichts der nach wie vor unklaren Gesundheitslage der neuen Oberbürgermeisterin aber für kölsche Verhältnisse ungewohnt gedämpft. "Jetzt freuen wir uns aber erstmal", sagt die Geschäftsführerin der Kölner Grünen, Diane Siebert (58). Sie hatte Reker in den vergangenen Wochen "kennen und schätzen gelernt" und war nach dem Attentat geschockt wie so viele in Köln. Wie sie setzen auch Marc Urmetzer (24) und Michael Gehemzig (32) enorme Hoffnungen in Henriette Reker. Beide sind FDP-Mitglieder und haben von der bisherigen Politik in Köln schlicht die Nase voll. "Es ging hier nichts mehr. Wir haben den Anschluss an die großen Städte verloren und müssen quasi bei Null anfangen", sagt Gehemzig, der als Außendienst-Mitarbeiter arbeitet.

"Diese Stadt wird seit Jahren nicht gemanagt"

Der Einsturz des Stadtarchivs im März 2009, der Opernbau, die Posse um die ungültigen Wahlzettel für die OB-Wahl am 13. September seien nur die bekanntesten Pleiten- Pech-und-Pannen-Aktionen der vergangenen Jahre. Tatsächlich seien wichtige Infrastrukturprojekte wie die Sanierung der maroden Brücken vernachlässigt, verschleppt oder halbherzig angegangen worden. "Diese Stadt wird seit Jahren nicht gemanagt", pflichtet Marc Urmetzer bei. Mit dem bisherigen Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) geht er hart ins Gericht: Er habe "jede Veranstaltung besucht, auf der er Hände schütteln konnte." Ziele und Konzepte für diese Stadt habe der 65-Jährige nie gehabt. Keine Einzelmeinungen, wenn man sich umhört. "Die 17.000 Mitarbeiter seiner Verwaltung hatte er nie im Griff", sagt Urmetzer.

Genau dies trauen die Kölner offenbar Henriette Reker zu. Sie werde nicht jede Veranstaltung besuchen, aber dafür die Verwaltung "effizient managen", glaubt Marc Urmetzer. Als Bezirksvorsteher des Problemstadtteils Köln-Chorweiler habe er Reker kennen gelernt. Als es etwa darum ging, in dem nördlichen Stadtteil eine Flüchtlingsunterkunft einzurichten, habe die rechtsnationale pro NRW versucht, die Informationsveranstaltung für die Bürger Chorweilers massiv zu stören. "Sie hat den Störern zugehört, ist aber nicht von ihrer Linie abgewichen. Sie hat ihnen erklärt, warum sie das macht und warum das richtig ist." Zugewandtheit und Entschlossenheit zeichnen Reker aus, sagt der Grünen-Vorsitzende Hans Schwanitz.

Auf Reker kommen Herkulesaufgaben zu

Es scheinen gleichwohl Herkulesaufgaben, die da auf die schwerverletzte Reker zukommen, deren australischer Ehemann Perry Sommers (55) bereits signalisiert hat, dass sie die Wahl annehmen wird. Unter dem Zelt im Innenhof des Consiliums steht ein Mann mit einem schwarzen Hut, grauen langen Haaren und einem silbernen Ring im rechten Ohr. Auch er glaubt, dass Reker es "packt". Klaus "Major" Heuser, einstiger Gitarrist und Songschreiber der Rockgruppe BAP, kennt Reker gut, seine Frau war mit ihr wochenlang im Wahlkampf unterwegs. "Sie ist unabhängig, und genau das braucht diese Stadt." Heuser ist sich darüber im Klaren, dass der Spielraum für jeden Oberbürgermeister, besonders in einer verschuldeten Stadt wie Köln, "nicht sehr groß ist". Wovon er jedoch überzeugt ist: "Reker wird die Mitarbeiter der Stadt nicht nach ihrer Parteizugehörigkeit, sondern nach ihren Fähigkeiten einsetzen."

Der Anschlag auf die beliebte Kandidatin hat auch bei Heuser Spuren hinterlassen: "Das Schlimme ist, es hätte jeden treffen können, der hier heute Abend im Consilium steht und sich über Monate ehrenamtlich für die Kölner Politik eingesetzt hat." So wie die CDU-Ortsvorsitzende von Köln-Braunsfeld, Marliese Berthmann. Sie stand am Samstag um 9 Uhr auf dem Wochenmarkt in dem westlichen Kölner Stadtteil neben Reker, der Attentäter stach ihr mit dem Messer in den Unterleib. Um kurz nach 20 Uhr kommt sie am Sonntagabend ins Consilium: "Ich mache doch nicht acht Wochen Wahlkampf, um mich von so einem Idioten außer Gefecht setzen zu lassen", sagt Berthmann. Es scheint nochmal "jot jejange" zu sein in Köln.


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