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Messerattacke auf Henriette Reker Kölner stehen gegen "Angriff auf die Demokratie" zusammen


Nach dem Attentat auf die Kölner Lokalpolitikerin Henriette Reker haben sich Hunderte Menschen zu einer Menschenkette vor dem Kölner Rathaus versammelt und Kerzen hochgehalten. Viele geben Strömungen wie Pegida eine Mitschuld an dem Attentat.

Das Attentat auf die Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker und vier weitere Politiker und Wahlhelfer hat die Kölner geschockt, aber nicht gelähmt. Sie wählen trotz des Anschlags heute ihr neues Stadtoberhaupt, die schwerverletzte Reker will ihre Stimme von der Intensivstation aus abgeben. Gestern Abend standen über 300 Menschen in einer Kette vor dem Historischen Kölner Rathaus in der Altstadt, unter ihnen auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), SPD-OB-Kandidat Jochen Ott, Grünen-Landeschefin Mona Neubaur, CDU-Landesvorsitzender Armin Laschet und FDP-Parteichef Christian Lindner. "Wir stehen hier zusammen als Demokraten, um ein Zeichen zu setzen gegen diese verabscheuungswürdige Tat", sagt Hannelore Kraft, die wie viele andere eine brennende rote Kerze vor sich hielt.

Samstag, 8.50 Uhr. Der Marktplatz im Kölner Stadtteil Braunsfeld an der Aachener Straße füllt sich langsam. Die Kölner machen ihre Wochenendeinkäufe und schlendern an den Wahlkampfständen von CDU,  Grünen, FDP und SPD vorbei, die nah beieinander stehen. Es ist frisch, die Sonne kommt an diesem Tag nicht recht durch. Henriette Reker verteilt Rosen. "Das passt so zu ihr", sagt die Geschäftsführerin der Kölner Grünen, Diane Siebert, 58. "Frühmorgens auf dem Marktplatz stehen und auf die Leute zugehen." Siebert erlebte Reker in den vergangenen Wochen hautnah. Die Grünen haben sich trotz der Zusammenarbeit in Stadt und Land gegen den SPD-Kandidaten Jochen Ott ausgesprochen und setzen große Hoffnungen auf die parteilose Sozialdezernentin, ebenso wie die CDU, die FDP und die Freien Wähler.

Auf den Wahlplakaten in Köln, der viertgrößten Stadt Deutschlands, sieht man Reker mit einem offenen Lachen und offenen Armen. Genauso geht sie gestern Morgen nach Augenzeugenberichten auf diesen unscheinbaren Mann zu, der sich ihr nähert. Der nimmt mit der einen Hand die Rose entgegen und sticht mit der anderen zu. Zweimal in den Hals. Rekers bricht blutüberströmt und lebensgefährlich verletzt zusammen.

In Sekunden hat der Attentäter vier weitere Menschen verletzt: darunter Rekers Wahlkampfmanager Pascal Siemens, die CDU-Ortsvorsitzende von Köln-Braunsfeld, Marliese Berthmann, und die FDP-Stadträtin Katja Hoyer, Ehefrau des ehemaligen FDP-Vizefraktionschefs Werner Hoyer. Panik, Schreie.  Stephan Horn von den Grünen steht mit dem Rücken zum Geschehen. Sein Parteifreund Martin Bachmann reagiert am schnellsten und hält, wie er gegenüber stern berichtet, den Angreifer mit einem Wahlkampfschirm in Schach, bis nach Medienangaben ein Bundespolizist, der mit seiner Frau zufällig auf dem Markt in Braunsfeld ist, den widerstandslosen Täter überwältigt. Es ist der 44-jährige arbeitslose Maler und Lackierer Frank S. aus Köln-Nippes. In der Hand hält er noch seine Tatwaffen: ein Butterfly-und ein Bowie-Messer mit einer etwa 30 Zentimeter langen Klinge.

Das bislang bekannte Motiv: Fremdenhass. Wie Kölns Polizeidirektor Norbert Wagner auf der Pressekonferenz sechs Stunden nach der Tat berichtet, soll Frank S., der sich früher in rechtsradikalen Kreisen herumgetrieben haben soll, bei der Vernehmung sinngemäß gesagt haben: "Ich habe das wegen Rekers Flüchtlingspolitik" getan. Die 58-jährige Sozialdezernentin hat sich in den vergangenen Wochen nicht nur um ihren Wahlkampf, sondern auch um die Unterbringung von tausenden Flüchtlingen gekümmert.

Bürger sehen Tat als Folge der "Brandstifter" von Hogesa und Pegida

Friedrich D.* und seine Tochter kennen die Arbeit von Henriette Reker sehr genau. Beide sind Mitarbeiter der Kölner Stadtverwaltung und haben eine hohe Meinung von der Juristin, die erste Oberbürgermeisterin der Stadt Köln werden möchte.  "Sie ist nett, freundlich und hat immer ein offenes Ohr", sagt der 54-jährige Verwaltungsfachmann. "Geschockt" sei er, "entsetzt", wie seine gesamte Familie. Am frühen Nachmittag hätten sie es in den Nachrichten gehört und das Radio danach nicht mehr ausgeschaltet. Als es hieß, dass sich um 18 Uhr vor dem Rathaus eine Menschenkette bilde, seien sie "sofort losgefahren" aus dem etwa 30 Kilometer entfernten Lohmar nach Köln. "Wir wollen Flagge zeigen gegen diesen feigen Angriff auf die Demokratie", sagt die Tochter, die ihren Namen nicht nennen will. Denn um nicht weniger gehe es hier: "um die Demokratie, um die Frage, ob politische Arbeit noch möglich ist."

Die Tochter ist wütend. "Hier setzt sich eine Frau dafür ein, dass Kommunalpolitik stattfindet und wird niedergestochen." Das Klima für solche Taten werde von den "Brandstiftern" wie Hogesa und Pegida bereitet. Gegen deren Aufmärsche in Köln habe sie demonstriert und wird "das auch weiter tun", auch am 25. Oktober wenn die fremdenfeindliche Hogesa wieder durch Köln marschieren darf.

Vielen Kölnern, die sich am Samstagabend im Nieselregen vor dem Rathaus versammeln, spricht sie mit ihrer Wut und ihrem Eintreten für die Demokratie aus der Seele. Für ihren Vater ist es "unvorstellbar, dass das Gedankengut des Täters so präsent ist und sich durch Demos wie die von Hogesa weiter ausbreiten darf".  Bedrückend ist die Stimmung in diesen Minuten vor dem Rathaus, als noch nicht klar ist, wie schwer verletzt Henriette Reker und die anderen Opfer sind und ob sie wieder ganz gesund werden. 

Reker wird wahrscheinlich vollständig genesen können

In Köln haben sofort nach der Tat alle Parteien ihren Wahlkampf eingestellt, berichtet der Gründen-Vorsitzende Hans Schwanitz stern. Für ihn ist die Tat "unerträglich", aber auch, dass "sich solche Menschen derart aufputschen und politische Diskussionen mit Gewalt lösen wollen". Die Aufmerksamkeit für "dieses feige Attentat" müsse "weit über Köln hinausgehen", meint der Kölner Grünen-Vorsitzende. Dass Hannelore Kraft und die anderen überregionalen Politiker sofort zur Menschenkette gekommen sind, sei "sehr wichtig gewesen". Seines Wissens nach war es das erste Attentat auf eine Lokalpolitikerin in Deutschland. Seine Parteifreundin Diana Siebert möchte schreien angesichts dieses "unfassbaren Geschehens" in der krisengeschüttelten Stadt Köln: "Das hat Henriette Reker nicht verdient. Sie nimmt die Leute ernst, in jeder Situation. Sie kann Menschen gewinnen. Dass das durchkreuzt wird, ist so eine Ungerechtigkeit."

Am späten Samstagabend kommt immerhin noch eine gute Nachricht aus Köln: Laut Professor Karl-Bernd Hüttenbrink, Direktor der Klinik für Hals- Nasen- und Ohrenheilkunde der Uniklinik Köln, wird Henriette Reker "wahrscheinlich", wieder "vollständig" gesund. Professor Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Uniklinik Köln, bestätigt am Samstagabend, dass die Operation "sehr gut verlaufen" und Reker außer Lebensgefahr sei. Zum Gesundheitszustand der vier weiteren Opfer gab es bis Mitternacht hingegen noch keine Informationen.

*Name geändert


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