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Homosexuelle Eltern: "Das ist mein Kind!"

Eine Studie des Justizministeriums zu homosexuellen Eltern kam zum Ergebnis: "Da, wo Kinder geliebt werden, wachsen sie gut auf". Also sollte die Homo-Ehe endlich rechtlich gleichgestellt werden.

Von Tim Farin und Annika Müller

Thomas Welter, 40, ist ein Mann, bei dem Politiker gerne ins Schwärmen geraten. Der promovierte Volkswirt hat zwei Kinder, für die er jeweils sechs Monate in Elternzeit ging. Spielplatz, Vorlesen, Singen, "Vati" Thomas nimmt sich viel Zeit für den fünfjährigen Julius und die eineinhalbjährige Lucie.

"Papa" Ingmar Zöller, 41, auch. Zöller ist promovierter Augenarzt und seit 2002 verheiratet - mit Thomas Welter. Jetzt sind sie zu viert: Schwule Eltern und Nachwuchs in Berlin. Und es geht nicht viel anders zu als anderswo. Beim Abendbrot vertilgt Julius Wurstbrot und Wassermelone, Lucie bohrt sichtlich vergnügt mit den Fingern Löcher in ein Stück Butter. Muss das sein?!

Adoptionsrecht für Homosexuelle

Dass es so etwas gibt - verheiratete homosexuelle Paare mit Kleinkindern - ist vielen erst bewusst geworden, als Justizministerin Brigitte Zypries eine Studie zum Thema vorlegte. Darin heißt es schlicht: "Dort, wo Kinder geliebt werden, wachsen sie auch gut auf." Und da das bei homosexuellen Paaren weitgehend der Fall ist, fordert Zypries für sie das volle Adoptionsrecht.

Zöller und Welter haben es nicht.

Vera, 44, und Judith Steinbeck, 48, auch nicht.

"Wir zeigen unsere spießige Seite"

Die beiden Psychologinnen sind seit 2001 verheiratet. Judith Steinbeck hat die inzwischen neunjährige Kim, die in Vietnam geboren wurde, adoptiert. Danach bekam Vera einen leiblichen Sohn, den jetzt zweijährigen Nils. Der Vater ist ein anonymer Spender einer dänischen Samenbank. Auch Familie Steinbeck lebt in beinahe idyllischen Verhältnissen: Durch den Garten tobt Labrador-Mischling Aquino, auf der Veranda verputzen die Kinder ihr Frühstück - frische Brötchen, Leberwurst, Gurken und Pfirsiche. Lesbische Eltern und Nachwuchs in der Nähe von Köln.

Als die Steinbecks vor sieben Jahren aus der Stadt in ihr neues ländliches Zuhause zogen, luden sie die Nachbarn zum Rundgang durch ihr Anwesen ein - auch das Schlafzimmer stand demonstrativ offen: kein Lack und Leder, sondern karierte Bettwäsche. "Wir zeigen unsere spießige Seite, und das kommt gut an", sagt Vera. Um für Tochter Kim in der Schule gleich klare Verhältnisse zu schaffen, gingen die Mütter zur Einschulung direkt auf die eher konservative Rektorin zu. Seither gebe es keine Probleme, sagen sie.

Probleme schafft die Rechtslage. Denn eine Adoption ist für homosexuelle Paare extrem schwierig. Wer nicht auf wohlwollende Sachbearbeiter trifft, hat von vornherein keine Chance. "Die reine Willkür", sagt Ingmar Zöller, während er versucht, Julius anzuziehen und gleichzeitig dessen Schwester im Auge zu behalten. Beide Kinder sind schwarz, sie wurden in Chicago geboren.

"Soll ich das Kind zurückschicken?"

Ist die Adoption trotz aller Widrigkeiten möglich, schließt sich das nächste Problem an: Im Gegensatz zu heterosexuellen Paaren darf bei Homosexuellen nur ein Elternteil das Kind adoptieren - obwohl sich beide gleichermaßen zuständig fühlen. Ingmar Zöller und Vera Steinbeck haben für die Adoptivkinder ihrer Partner nur das so genannte "kleine Sorgerecht". Sie haben die Vollmacht, Dinge des alltäglichen Lebens mit zu entscheiden - ein verwandtschaftliches Verhältnis besteht offiziell nicht.

"Es gibt sozusagen Eltern erster Güte und Eltern zweiter Güte ", zürnt Elke Jansen, vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD). Sie berät sogenannte "Regenbogenfamilien" und erlebt täglich, dass alle Sonntagsreden der Politik zur Gleichberechtigung von homosexuellen Paaren für die Tonne sind. Bei einer Homo-Ehe seien zwar die Pflichten gleichwertig geregelt, nicht aber die Rechte.

Thomas Welter kann davon ein Lied singen. Lucies Adoption ist in Deutschland noch nicht rechtskräftig, der Papierkrieg mit den Behörden nimmt kein Ende. Die zuständige Richterin ließ kürzlich wissen, es bestünden erhebliche Zweifel, ob die Adoption dem Kindeswohl diene. "Wie, ich diene nicht dem Kindeswohl? Das ist mein Kind!", entfährt es ihm. "Was soll ich machen? Es in eine Kiste packen und zurückschicken?" Auch die Adoption von Julius zuvor verlief ähnlich schleppend.

"Eine Unverschämtheit"

Bei den Steinbecks existieren ähnliche Vorbehalte. Leibliche Kinder wie Nils können "stiefkindadoptiert" werden, das heißt, Judith Steinbeck darf Mutter werden - vorausgesetzt, sie lässt zwei Hausbesuche der Behörden über sich ergehen. Es soll geprüft werden, ob Nils bei ihr auch gut aufgehoben ist. "Eine Unverschämtheit", findet sie, schließlich sei sie ja längst Mutter für beide Kinder. Die Steinbecks überlegen, ob ihr Fall das Zeug zur Musterklage hat.

Die Forderung, die Welter, Zöller und Jansen vom LSVD stellen, ist eigentlich ganz einfach: Komplette rechtliche Gleichstellung der Homo-Ehe. Jansen will, dass es im Grundgesetz aufgenommen wird, dass kein Mensch wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden dürfe.

Ob sich dafür jemals Mehrheiten im Bundestag finden? Laut Studie leben derzeit etwa 10.000 Kinder in Regenbogenfamilien, mindestens 6600 davon in eingetragenen Lebenspartnerschaften. "Da kann man sich doch fragen, ob man deren Situation nicht verbessern kann", sagt Thomas Welter.

"Man soll uns wahrnehmen"

Vorerst bleiben ihm und den Steinbecks nur die Rolle von Pionieren. Sie müssen sich immer wieder erklären und der öffentlichen Debatte stellen. Es gäbe eben noch zu wenig Vorbilder für schwule Eltern, sagt Welter. Vera Steinbeck ist es gerne: "Man soll uns ja wahrnehmen, nur so können sich die Dinge verbessern", sagt sie.

Der politische Wille, die Rechtslage zu ändern, scheint zumindest bei SPD, FDP und Grünen da zu sein. Nur eine will davon offenbar nichts wissen: Familienministerin Ursula von der Leyen. Zur Studie meint ein Sprecher ihres Hauses, man habe sich "das Ding besorgt" und werde es sich jetzt erst einmal genau anschauen. Es sei allerdings sehr unwahrscheinlich, dass das Ministerium einen Kommentar abgeben werde.

Von:

Tim Farin und Annika Müller