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Integrations-Experte Laschet: "Was Sarrazin macht, verletzt Menschen"

Thilo Sarrazins steile Thesen über Integration erregen die Gemüter - helfen in der Praxis aber nichts. Sagt der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet im stern.de-Interview.

Thilo Sarrazin hat der deutschen Integrationspolitik ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Was halten Sie als Fachminister für Integration davon?
Man kann Defizite benennen und darf sie auch benennen, wenn man sie bekämpfen will. Aber was Thilo Sarrazin macht, enttäuscht Menschen, verletzt Menschen und bringt sie nicht weiter. Herr Sarrazin könnte seine Beschimpfungen genauso gut gegen die deutsche Unterschicht richten. Ich nenne ein Beispiel: Fälle von Kindesmisshandlung und -verwahrlosung finden in der Regel in deutschen Familien und weniger in Zuwandererfamilien statt. Sarrazin stellt nicht der Integrationspolitik ein vernichtendes Zeugnis aus, sondern er liefert Argumente weshalb sie notwendig ist.

Sarrazin kritisiert vor allem, dass viele Zuwanderer sich nicht bilden wollen und sich weigern, Deutsch zu lernen.
In Berlin sind die Bildungschancen von Zugewanderten so schlecht wie nirgendwo in Deutschland. Insofern rechnet Sarrazin hier auch mit seiner eigenen Politik ab, die er jahrelang gemacht hat.

Hauptproblemgruppe sind für Sarrazin Türken und Araber. Viele von ihnen seien "weder integrationswillig noch integrationsfähig".
Es ist unfair, die Probleme an einzelnen Ethnien festzumachen. Wir haben zum Beispiel aus der Türkei jahrelang die bildungsfernen Schichten als Gastarbeiter angeworben. Wie sollen deren Kinder heute die Bildungseliten sein? Dies kann man nicht mit bildungsbeflissenen asiatischen Zuwanderern vergleichen.

Sarrazin schlägt als Lösung vor: Kein Zuzug mehr, außer für Hochqualifizierte. Wer heiraten wolle, müsse dies im Ausland tun.
Die Familienzusammenführung ist grundgesetzlich geschützt, die können wir gar nicht verbieten. Deutschkenntnisse der nachziehenden Ehepartner abzuverlangen war richtig. Im Übrigen löst es kein Problem, eine gesamte Volksgruppe einfach als integrationsunfähig zu definieren. In den Städten von Nordrhein-Westfalen haben 38 Prozent der Kinder zwischen 0 und 6 Jahren eine Zuwanderungsgeschichte. Diese Kinder sind Teil unseres Landes, sie sind hier geboren. Sie sind es, die in 20 Jahren unser Sozialprodukt mit erwirtschaften müssen.

Aber ist es so falsch, zu sagen: "Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert"?
Integration ist eine gemeinsame Leistung. Wem hilft diese These? Die Kinder der Zugewanderten sind da und wir brauchen sie. Wir müssen sie fördern, und dabei handeln wir nicht nur aus karitativen Motiven, sondern das entspricht dem puren Eigennutz der alternden, deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Über ihre höhere Geburtenrate würden türkische Zuwanderer Deutschland erobern, behauptet Sarrazin - so wie im ehemaligen Jugoslawien die Kosovaren das Kosovo...
Die Geschichte des Kosovo ist etwas komplizierter. Dies ist das Denken des Diktators Milosevic, der so seine großserbische Aggressionspolitik begründet hat. Der Kosovo-Konflikt ist nicht durch Geburtenrate entstanden, sondern liegt in der Rede Milosevics auf dem Amselfeld 1989 begründet, mit der er Krieg und Vertreibung über den Balkan brachte, und die Staatlichkeit Jugoslawiens aufs Spiel setzte.

Was halten Sie von Sarrazins Forderung, in der Familienpolitik umzustellen - weg von Geldleistungen, hin zur direkten Förderung von Kitas und Schulen?
Das sehe ich genauso. In der Tat können wir Gerechtigkeit auf Dauer nicht durch Transferleistungen herstellen, sondern nur durch Bildung und gesellschaftlichen Aufstieg. Dazu brauchen wir gute Kinderbetreuung, exzellente Schulen, auch Ganztagsschulen mit Mittagessen, eine effektive Familienpolitik vor Ort. Das Ziel muss sein: Aufstieg ist möglich, unabhängig von Herkunft und Status der Eltern.

Tilman Gerwien