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INTERVIEW: Die Katholiken und ihre Probleme mit dem Freitod

»Bewusster Selbstmord ist Sünde, aber Gott hat besondere Nachsicht für die Not der Gebrochenen.« Interview mit dem katholischen Weihbischof Hans-Jochen Jaschke aus Hamburg über die Probleme der Katholiken mit dem Freitod.

»Bewusster Selbstmord ist Sünde, aber Gott hat besondere Nachsicht für die Not der Gebrochenen.« Interview mit katholischen Weihbischof Hans-Jochen Jaschke aus Hamburg über die Probleme der Katholiken mit dem Freitod

Herr Jaschke, das fünfte Gebot heißt ganz einfach: Du sollst nicht töten.

Ja. Es erinnert uns daran, dass Gott der Herr über das Leben ist. Die Menschen empfangen das Leben aus Gottes Hand, und das heißt auch, dass wir unser eigenes Leben schützen müssen.

Im Klartext: Für die katholische Kirche ist Selbstmord eine Sünde.

Die Kirche hat immer deutlich gesagt, dass ein bewusster Selbstmord, ein Selbstmord aus freier Entscheidung, eine Sünde ist.

Der Schriftsteller Martin Walser hat unlängst für das Recht auf Selbstmord plädiert.

Ich finde das skandalös, ganz schrecklich.

Als »einfach wunderbar« hat er es bezeichnet, wie Ernest Hemingway sich erschossen habe: »Ich finde das ganz toll, wenn man das selbst wählt.«

Das ist doch zynisch. Der Mensch hat nicht die Freiheit, sein Leben zu beenden. Natürlich kann er es beenden, aber er ist ein Kind Gottes.

Es ist also eine Schande, wenn man sich tötet?

Ich sage: Selbsttötung kann nur in einer großen seelischen Verwirrung geschehen. Und wenn es nun Intellektuelle gibt, die das als Freiheitstat ansehen, dann finde ich das verheerend.

Bis vor 20 Jahren war es Katholiken verboten, Selbstmörder kirchlich zu bestatten.

Sie wurden in einem besonderen Feld des Friedhofs beerdigt, aber ein Verbot im strengeren Sinne gab es nicht. Man muss ja immer unterscheiden, ob ein Selbstmord ein Zeichen des Protestes gegen Gott ist, der Verwirrung oder ...

... vielleicht denken die Leute gar nicht an Gott, vielleicht sind sie einfach am Leben verzweifelt.

Ja, das sagen uns auch die Fachleute: Selbsttötung geschieht meist nicht bewusst, nicht freiwillig, sondern in einer verzweifelten Lage, unter großem Druck. Die Seele hat sich verdunkelt. Es ist ein Hilferuf.

»Ich verspreche dir die Treue in guten und bösen Tagen«, heißt es im kirchlichen Vermählungsspruch, »in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet.« Herr Kohl lebte in Berlin, seine Frau 700 Kilometer weit weg. Hat er sie, hart gefragt, allein gelassen?

Ich halte es für schäbig, hier weitere Vermutungen anzustellen. Die Ehrfurcht vor Hannelore Kohl und ihrem Mann verbietet uns das.

Dennoch: Könnte es nicht sein, dass ...

Ich will über nichts spekulieren!

»Ihre Seele krankte am Spendenskandal bis hin zu persönlichen, ehrverletzenden Angriffen«, glaubt Monsignore Erich Ramstetter, Freund und seelischer Beistand der Familie Kohl.

Ich habe Frau Kohl als kluge und sympathische Frau erlebt, die präzise urteilen konnte. Ihre Größe bestand darin, dass sie zurückgetreten ist hinter die Aufgabe, die sich für sie und ihren Mann gestellt hat.

Vielleicht ist sie ja genau daran gescheitert.

Wir sollten uns da jedes Urteils enthalten. Angesichts einer solchen Entscheidung müssen wir Zurückhaltung üben, der Entscheidung ehrfürchtig begegnen und den Mund halten.

Heute morgen in der U-Bahn haben sich zwei Frauen über Hannelore Kohls Tod unterhalten, und die große Frage war: »Kommt sie überhaupt noch in den Himmel?«

Ich bin sicher, dass Gott immer größer ist als wir Menschen. Er hat besondere Nachsicht und Liebe für jene, die in Not sind und verwirrt. Er hat sich den Gebrochenen zugewandt: Er macht ihr Leben gut, dass sie in den Himmel kommen, da bin ich mir sicher.

Ja?

Ja! Ich habe schon als Fünfjähriger für Selbstmörder gebetet.

Aber Ihre Kirche hat damit Probleme. Vor zwei Jahren erschoss sich ein Rentner im Petersdom. Abends gab es eine Messe, um die »entweihte« Kirche neu zu segnen und die »Besudelung durch die frevelhafte Tat« zu tilgen.

Nochmals: Den Selbstmord darf man nicht verherrlichen und zu einer Freiheitstat umstilisieren. Aber wenn er aus Not erfolgt, dann haben wir ehrfürchtig und barmherzig zu sein. Wir sollen dazu nicht zu viele Worte machen.

Als Sie von Hannelore Kohls Tod hörten, da ...

... habe ich in meiner Kapelle für sie sofort eine Kerze angesteckt. Und heute habe ich für sie einen Gottesdienst gehalten. Rein privat. Ich war da ganz allein.

Interview: Arno Luik