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Islam in Deutschland: Gauck korrigiert Wulff - zu Recht

"Der Islam gehört zu Deutschland." Das ist der einzige Satz, der von Wulff geblieben ist. Gauck hat ihn nun abgeräumt. Und empfiehlt sich damit als Präsident.

Ein Kommentar von Andreas Hoidn-Borchers

Warum sachlich, wenn's auch persönlich geht? Also los: Man muss Joachim Gauck nicht lieben. Wirklich nicht. Ich zum Beispiel gehöre zu dieser Minderheit. Als vor zwei Jahren die Herren Trittin und Gabriel den Rostocker Freiheitsapostel als grün-roten Kandidaten für das Amt des Staatsoberhaupts vorschlugen, nahm ich ihnen vor allem übel, dass ich plötzlich für Christian Wulff sein musste. Alles lieber als diesen pastoralen Schön-Redner und Gut-Menschler. Als Merkel sich dann in diesem Frühjahr lieber mit Gauck als mit dem Ende ihrer Koalition anfreunden mochte, dachte ich: Was soll's, diese Republik hat auch schon andere Präsidenten überlebt. Sänger, Wanderer, Rumrucker und Einsacker. Warum nicht auch einen Gauck. Fünf Jahre, dann ist es vorbei. Kann ja eh nicht viel anrichten.

Welch ein Irrtum - in mancher Hinsicht! Ende der Vorrede und hinein ins Vergnügen.

Kirche zurück ins Dorf geräumt

Christian Wulff, der Teilzeitamtierende im Bundespräsidialamt, hatte sich für seine Rede zum 3. Oktober 2010 über die "bunte Republik", in der wir leben, das gemacht, was er für Gedanken hält, und versucht, dies in einem einprägsamen Satz zusammen zu fassen. Dieser Satz lautete: "Der Islam gehört zu Deutschland." Es ist der einzige Satz, der vom sich modern und mutig wähnenden Staatsoberhaupt Wulff in Erinnerung geblieben ist. Schlimm genug. Noch schlimmer ist: Dieser Satz ist Quatsch. Und es ist ein Segen, dass Wulffs Nachfolger nun mit diesem Unsinn auf- und sozusagen die Kirche zurück ins Dorf geräumt hat.

Dabei hat sich Joachim Gauck nicht einmal von Wulff distanzieren müssen. Das war auch nicht nötig. Er teilt ja, wie er im Gespräch mit der "Zeit" sagt, dessen "Intention". Der Bundespräsident hat deshalb einfach nur das Richtige aus dem falschen Satz seines Vorgängers herausgelesen. Er hat gesagt, was Wulff sagen, aber so nicht ausdrücken wollte, vielleicht weil ihm dieser Satz, wie Gauck ihn jetzt formuliert hat, zu banal, zu wenig geschichtsbuchträchtig schien: "Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland." Und noch einmal der Interpret Gauck über den Redner Wulff: "Die Absicht war die, zu sagen: Leute, bitte einmal tief durchatmen und sich der Wirklichkeit öffnen. Und die Wirklichkeit ist, dass in diesem Lande viele Muslime leben." Fertig. Aus. Amen.

Nachfolger korrigiert Vorgänger

Von Karl Kraus stammt der Satz: "Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können - das macht den Journalisten." Zu glauben, einen Gedanken zu haben und ihn nicht ausdrücken zu können - das macht den Politiker, den schlechten zumindest. Man kann Wulff zugute halten, dass er sich den Satz von Beratern hatte einblasen lassen, dass er es auf dem Höhepunkt der Sarrazin-Debatte für nötig hielt, einen Kontrapunkt zu setzen. Vielleicht wollte er sich auch nur lieb Kind machen in dem Lager, das damals lieber Gauck im Amt gesehen hätte. Im Übrigen scheint dieses Land insgesamt und dem Auflagenerfolg von "Deutschland schafft sich ab" zum Trotz doch geistig weiter zu sein, als Wulff befürchtete - andernfalls hätte sein Satz für viel mehr Aufregung sorgen müssen.

Bemerkenswert ist jetzt allenfalls, dass ein Bundespräsident glaubt, eine Äußerung seines Vorgänger gerade rücken zu müssen; das hat es in dieser Form dann doch noch nicht gegeben. Und es macht Spaß zu beobachten, wie nun Gauck von den falschen Leuten kritisiert wird, von seinem früheren Unterstützer Cem Özdemir zum Beispiel - so wie Wulff im Oktober 2010 von den falschen Leuten gelobt wurde. Israel, Islam, auch die warmen Worte an den rausgeschmissenen Umweltminister - Joachim Gauck hat in wenigen Monaten mit unerwartet klarer Sprache doch für relativ viel unerwartete Klarheit gesorgt.

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Nein, man muss Joachim Gauck nicht lieben. Aber man kann sich allmählich an den Gedanken gewöhnen, sich mit ihm anzufreunden.

So, und können wir jetzt bitte mal zu etwas Wichtigerem zurückkehren?