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Interview

CDU-Kandidatenkür: Jens Spahn: "Für das, was auf uns zukommt, brauchen wir Halt"

Unter den Kandidaten im Rennen um den CDU-Vorsitz gilt Jens Spahn als der mit den geringsten Chancen. Doch der konservative Jungstar ist schon häufig mit Überraschungssiegen nach vorn gekommen. Ein Gespräch über Diskussionskultur, schwule Karnevalsprinzen – und wieso deutsche Muslime in die CDU kommen sollten.

Von David Baum

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Herr Spahn, seit zwei Wochen verfolgt das Land, wie Sie und ihre Mitbewerber um die Nachfolge Angela Merkels ringen. Inwiefern würde sich die CDU unter Ihrer Führung verändern?

Wir müssen uns wieder intensiver mit den großen Fragen unserer Zeit befassen. Raus aus dem Klein-Klein, hin zu Ideen, die bis weit in die 20er-Jahre hineinreichen. Als Parteivorsitzender würde ich zu einem Europaparteitag einladen, auf dem wir endlich mal wieder grundsätzlich über die Zukunft der EU diskutieren. Und zu einem Umweltparteitag, um zu debattieren, wie sich Klimaschutz, Generationengerechtigkeit und wirtschaftliche Vernunft zusammenbringen lassen. Nur wenn wir offen über unsere Vorstellungen diskutieren, miteinander ringen und so zu einer gemeinsamen Position kommen, können wir andere überzeugen.

Sie kritisieren die mangelnde Diskussionskultur in Ihrer Partei – dabei  ist einer, der öffentlich ständig Gegenpositionen bezogen hat, ins CDU-Präsidium und in die Regierung aufgestiegen – nämlich Sie! Wie passt das zusammen?

Als ich mehr Investitionen für den Verteidigungsetat gefordert hatte, tourte Herr Gabriel über die Marktplätze und sagte: der will Eure Renten kürzen und dafür Panzer kaufen. Im Präsidium habe ich Zuspruch für die Position bekommen, allerdings mit dem Hinweis, dass diese Position nicht beliebt sei. Stimmt vielleicht. Wer sich aber nur an dem orientiert, was beliebt ist, wird unser Land nicht in eine gute Zukunft führen. Verantwortung zu übernehmen heißt für mich, das Richtige zu tun, damit Deutschland auch in Zukunft stark bleibt.

Ist das schon die große Vision?

Mein Ziel ist es, den Bürgerinnen und Bürgern wieder deutlich zu sagen, wo wir hin wollen mit dem Land, mit Europa, was wir tun wollen, um ihr Leben besser zu machen. Um das Zusammenspiel von Wertebasis, Heimat, Tradition, Familie, Verbindlichkeit. Dann gewinnen wir auch Glaubwürdigkeit zurück.

Glauben Sie, dass es das ist, wonach sich moderne junge Menschen in Deutschland sehnen?

Gerade junge Menschen leben heute oft bewusst die Werte, für die wir in der CDU schon immer eintreten. Gerade für fortschrittliche Menschen, die im digitalen Zeitalter leben und weltoffen ticken, sich auch für das Fremde interessieren, und dabei mitten im Leben stehen, sind wir attraktiver als wir denken. Aber wir brauchen Bewusstsein für das Eigene, um für die großen Umwälzungen, die in den 20er-Jahren auf uns zukommen, bereit zu sein. Die Linken wollen das Gegenteil, sie wollen die Auflösung des Fundaments, die Entgrenzung. Das ist gefährlich, für das was auf uns zukommt, brauchen wir Halt.

Klingt nach der Quadratur des Kreises: ein progressiver Konservativismus.

Konservativ nach vorne denken, nicht reaktionär zurück wollen. Eigentlich ganz einfach.

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Wieso wollen Sie schon mit 38 Jahren unbedingt nach oben? Sie sind jung, sie haben Zeit.

Wir legen mit den Entscheidungen heute die Grundlagen dafür, wie sich Deutschland, wie sich Europa in den nächsten Jahrzehnten entwickelt. Da ist meine Generation in der Pflicht, Verantwortung zu übernehmen. Es geht darum, Deutschland als das freie, sichere und wohlhabende Land zu erhalten, das es ist. Es ist an uns, unsere freie Art zu leben zu verteidigen. Und mal ehrlich, wie alt muss man denn bei Ihnen in der Redaktion sein, um Verantwortung zu übernehmen?

Welche Werte sind denn in Gefahr – und wodurch?

Ich komme aus einem 3500-Einwohner-Dorf. Dort habe ich erlebt, wie sich Einstellungen verändern, ohne dass Zusammenhalt verloren geht. Gerade die Provinz ist fortschrittlicher als viele denken, ein schwuler Karnevalsprinz ist kein Aufreger mehr. Ich halte es deshalb für falsch, jetzt wieder die Öffnung der Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare in Frage zu stellen. Das widerspricht der gelebten Realität in diesem Land.

Sie spielen auf Ihre Konkurrentin an, die Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren immer noch ablehnt, obwohl es Gesetz ist. Mit ihrem Vergleich, man müsste dann auch Inzestehen erlauben, hat sie ihren Ruf als Liberale verspielt. Haben wir Annegret Kamp-Karrenbauer falsch eingeschätzt?  

Dass Annegret Kramp-Karrenbauer und ich bei dem Thema anderer Meinung sind, ist bekannt.

Sie gelten als rechts, weil Sie ständig die Migration thematisieren. 

Solche Einordnungen dienen dazu, eine Debatte in der Sache zu vermeiden. Das ist nicht meine Art Politik zu machen. Es interessiert mich nicht, ob etwas als rechts oder links wahrgenommen wird. Entscheidend ist doch, dass wir Fragen und Sorgen in der Bevölkerung ernst nehmen und für unsere Position der klugen Mitte offensiv werben. Das ist die Aufgabe von demokratischen Parteien! Und der sind wir vielleicht zu wenig gerecht geworden in den letzten Jahren.

Sie haben den Migrationspakt infrage gestellt, ist das nicht rechts?

Nein, im Gegenteil. Die Debatte der letzten Wochen hat dazu geführt, dass im Antrag der Unions- und SPD-Fraktion wesentliche Punkte klar gestellt werden. Wir geben den Bürgerinnen und Bürgern damit Antworten auf ihre berechtigten Fragen und werden das auch noch einmal auf dem Bundesparteitag diskutieren. Nichts ist schlimmer als der Eindruck, wir würden uns vor einer Debatte drücken. Das schürt Misstrauen. Ich bin mir sicher: mit dem Antrag und der Debatte bekommen wir Vertrauen zurück und erhöhen die Akzeptanz für unser Regierungshandeln.

Sind Sie denn nun gegen den Migrationspakt und Einwanderung im generellen?

Überhaupt nicht. Der demographische Wandel erfordert Einwanderung, aber das Wie ist entscheidend. Es ist eine der elementaren Zukunftsfragen unseres Landes und Europas, wie wir Hunderttausende Menschen aus anderen Kulturen integriert bekommen. Es wäre geradezu fahrlässig, das nicht diskutieren zu wollen.

Stellen Sie sich vor, wir würden jetzt hier mit jungen Migranten sitzen und müssten kurz zusammenfassen, was diese Bundesrepublik ausmacht. Was würden Sie sagen?

Es gilt der zentrale Satz, der unser Land stark gemacht hat: Unseren Kindern soll es einmal besser gehen. Wer daran mitarbeiten will, sich mit seinen Talenten einbringen will, Teil unserer Gesellschaft sein will, ist herzlich willkommen. Wenn es dem Land und der Wirtschaft gut geht, dann geht es uns allen gut. Das ist das starke Versprechen der sozialen Marktwirtschaft. Ich bin überzeugt: Das ist so aktuell wie noch nie. Dazu gehört auch die besondere Verantwortung aus unserer Geschichte, die eine ganz besondere Sensibilität im Umgang mit Andersdenkenden und Minderheiten mit sich bringt. Wir machen ein Angebot, mit dem auch eine Erwartungshaltung verbunden ist. Der "German Dream", wenn man so will.

Lange drucksten die Konservativen um die Frage herum, ob der Islam zu Deutschland gehört. Wie lautet die Formulierung von Jens Spahn?

Es geht erstmal um Menschen, um Bürger, die gehören natürlich dazu, egal welchen Glauben sie haben. Wer Menschen politisch nur nach ihrer Zugehörigkeit zu einer Minderheit definiert, macht sie klein. Die Frage, ob "der" Islam zu Deutschland gehört, lässt sich nicht beantworten, weil es "den" Islam nicht gibt. Andersherum wird ein Schuh daraus: Gehört Deutschland zu jeder Auslegung des Islam? Rechtstaat, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Akzeptanz von Minderheiten, klare Haltung gegen Antisemitismus – wird das akzeptiert? Wer dazu ja sagt, gehört auf jeden Fall dazu. Wer nein sagt, will scheinbar nicht dazugehören.

Kann der Islam folglich auch zur CDU gehören?

Klar sind Muslime willkommen, Juden oder auch Atheisten ebenso. Man muss kein gläubiger Christ sein, es geht darum, das christliche Menschenbild, für das wir stehen, zu verinnerlichen. Wir sind ja nicht die katholische oder evangelische Union, das C steht für ein Menschenbild, aber auch das D ist wichtig, das Demokratische. Es ist der Konsens mit den Kirchen: Das Paradies macht jemand anders, nicht wir hier auf Erden. Das gibt Gelassenheit.

War es falsch, dass die Innenminister mit den hyperkonservativen Islamverbänden verhandeln?

Wir schauen beim Islam zu oft darauf, was schriftgläubige Verbände fordern, die tatsächlich aber nur relativ wenige Menschen vertreten. Die vielen liberalen und säkularen Muslime in Deutschland fallen dabei unter den Tisch. Wir sollten mit denen sprechen, die die Würde des Einzelnen, in seiner Individualität, in seiner Freiheit, und auch in seiner Verantwortung anerkennen. Man kann nicht mit den "bisschen Radikalen" arbeiten, um die "ganz Radikalen" zu verhindern. Bundesminister Seehofer geht da gerade den richtigen Weg, indem er die Liberalen zurückholt.

Ist das eine Einladung an liberale Muslime, in die CDU zu kommen?

Na klar. Ich würde gerne mal mit der Union dazu eine Konferenz veranstalten: Wie können wir Deutschland und seine Werte im Islam stärker verankern. Das fängt bei der Ausbildung der Imame an und geht damit weiter, dass Moscheegemeinden nicht mehr aus dem Ausland finanziert werden.

Gutes Stichwort: Wie halten sie es mit der AfD? Da gibt es ja auch ein paar gemäßigte Vertreter, mit denen sie unter Umständen....

Nein. Eine Partei, die antieuropäisch ist, die mit Autokraten sympathisiert, die das besondere Verhältnis zu den USA in Zweifel zieht und Holocaust-Relativierer in ihren Reihen duldet, mit der kann es keine Zusammenarbeit geben.

Was hätte ein Bundeskanzler Spahn 2015 getan, als die Flüchtlinge an den Grenzen standen?

Schnell deutlich machen, dass die Aufnahme der Menschen aus Ungarn eine humanitäre Ausnahmesituation ist und Europa keine ungeordnete Massenmigration dulden wird. Und gleichzeitig Menschen aus den Krisengebieten ausfliegen lassen. Nämlich die, unsere Hilfe am meisten brauchen: Alte, Kranke, Frauen und Kinder.

Sie gelten als Polit-Maniac, als Rastloser. Verraten Sie uns, womit Sie runterkommen?

Ich gehe mit meinem Mann Daniel regelmäßig in die Oper. Manchmal lege ich mich daheim einfach bloß hin, liege da und denke an nichts. Das habe ich schon als Kind gemacht. Da schalte ich ab.

Das Gespräch mit Gesundheitsminister Jens Spahn führte David Baum.

Mehr zu Jens Spahn lesen Sie in der neuen Ausgabe des stern.

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