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Bei Lanz im ZDF: So erklärte Ex-Bundespräsident Gauck seine Forderung nach mehr Toleranz für rechts

"Mehr Toleranz in Richtung rechts"? Für dieses Zitat erntete Ex-Bundespräsident Joachim Gauck reichlich Gegenwind - und Applaus von ungewollter Seite. Bei Lanz im ZDF hat Gauck nun versucht, sich zu erklären.

Ex-Bundespräsident Joachim Gauck

Erklärte bei Markus Lanz sein Eintreten für "mehr Toleranz in Richtung rechts": Ex-Bundespräsident Joachim Gauck

DPA

Das Timing hätte kaum schlechter sein können. Just jetzt, da durch den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke die Bedrohung von rechts deutlich und begreifbar geworden ist, hat der frühere Bundespräsident Joachim Gauck in einem Interview mit dem "Spiegel" (Bezahl-Inhalt) für eine "erweiterte Toleranz in Richtung rechts" geworben. Dafür erntete er vielfach Unverständnis, teils harsche Kritik - und auch Applaus von rechts. Bei Markus Lanz im ZDF erklärte er am Donnerstagabend, dass er mit seiner Äußerung nicht gemeint habe, man solle mehr Verständnis für Rechtsradikale und rechte Gewalt aufbringen.

Anlass des Interviews und der Debatte ist Gaucks gerade erschienenes Buch "Toleranz - einfach schwer". Darin befasse er sich damit, "dass es eben nicht ganz einfach ist, tolerant zu sein", sagt er gleich zu Beginn des Gesprächs mit Lanz. "Es ist nämlich nicht so, dass wenn man tolerant ist, dass einem alles egal ist." Als einziger Gast dieser Lanz-Sendung hat Gauck dann ausführlich Raum zu erläutern, wie er den Toleranz-Begriff interpretiert, wie weit Toleranz gehen sollte und dass es Unterschiede zwischen konservativ, rechts und rechtsradikal gebe.

Sehen Sie das gesamte Gespräch von Markus Lanz mit dem früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck in der ZDF-Mediathek

Das sagt Joachim Gauck über Toleranz:

  • "Es gibt Dinge, die sind einem total widerlich, die lehnt man ab - aus inhaltlichen Gründen, aus menschlichen Gründen, die Themen sind unangenehm oder gestrig oder richtig reaktionär oder bösartig - du lehnst es ab, aber es ist noch nicht gegen die Gesetze, gegen unser Grundgesetz, und dann hat es ein Recht zu existieren."
  • "Heißt es, dass ich die mag, die ich da ertrage? Nein! Toleranz ist manchmal eine Zumutung."
  • "Jeder anständige Mensch, wie er auch denkt und wie er auch glaubt, findet Mord oder derartigen Hass oder Diskriminierung widerwärtig, und: hier ist der Staatsanwalt dran und nicht der tolerante Mitmensch."
  • "Im Buch wird ganz deutlich, dass zur Toleranz Intoleranz gehört. Toleranz würde nämlich untergehen, wenn wir auch gegenüber der Intoleranz tolerant wären." 
  • "Die Feinde von Demokratie, die Menschen mit 'gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit', die Hass verbreiten, das sind alles Dinge, die dürfen wir als Demokraten nicht tolerieren. Das heißt, der Tolerante muss auch entschlossen intolerant sein können."

Das sagt Joachim Gauck über rechts:

  • "Wenn ich über rechts spreche, meine ich nicht Rechtsradikale oder Rechtsextremisten, ich verachte diese Leute, aber ich meine Leute, die zum Teil so schwer konservativ sind, dass sie für mich und für viele andere schon reaktionär sind, aber sie sind noch nicht Gegner der Demokratie, die wollen keinen Hitler."
  • "Es gibt Leute, die mag ich nicht, und ich mag ihre Themen nicht und ich mag ihre Retro-Politik nicht, aber dass ich sie nicht mag, dass veranlasst mich nicht, sie im Grunde vom Spielfeld zu verweisen. Sie sind Teil der Debatte. Wenn ich jetzt mit ihnen streite, und ich muss mit solchen Leuten streiten, dann gehört auch das noch zur Toleranz, aber das wäre dann eine kämpferische Tolerenz."
  • "Fremdenfeindlichkeit finde ich widerwärtig. (...) Sie ist inhuman. Nicht inhuman ist es, darüber nachzudenken, was mit einem Land geschieht, das nicht genau mit seinen Bürgerinnen und Bürgern bespricht, wieviel Fremdheit kann dieses Land ertragen, wieviel Migration, wieviel Zuwanderung."
  • "Wir dürfen nicht sagen: Links darf alles, ganz links fast alles, in der Mitte die liberalen und konservativen dürften das Allermeiste, und die Edel-Grünen sowieso, und dann haben wir aber eine ganz begrenzte Zuweisung von Meinungsfreiheit bei dem, was wir rechts nennen, rechtsextrem ist dann schon faschistisch. Rechtsextrem trenne ich ab; das wollen wir nicht."
  • "Bei uns ist rechts schon negativ konnotiert, und da gehen wir zu weit. Da verengen wir die Möglichkeiten, und warum sollten wir das tun?"
  • "Es gibt so ein altes, linkes Denkmodell, das im Grunde alles, was rechts vom linken Denken ist, schon der Beginn von Faschismus ist. Das ist im Grunde eine Spätfolge der hier sehr stark dominierenden 68er-Kultur."
  • "[Die AfD-Politiker] sind gewählt, sie sitzen im deutschen Bundestag, ob mir das gefällt oder nicht, und da sitzen sie nun, und wir müssen jetzt gucken, wer von denen lässt sich unterstützen von wirklich rechtsextremen Typen, die sich manchmal wie ein 'Wolf im Schafspelz' in diesem Milieu tummeln."
  • "Nicht alle AfD-Wähler sind Faschisten und Nazis."
Rückblick: So waren die letzten fünf Jahre mit Joachim Gauck als Bundespräsident
dho