VG-Wort Pixel

Deutsche Zentrumspartei Mäßiges Interesse an Meuthen: Ex-AfD-Chef beschert seiner neuen Partei kaum Neumitglieder

Der ehemalige AfD-Bundesvorsitzende Jörg Meuthen
Der ehemalige AfD-Bundesvorsitzende Jörg Meuthen zeigt auf einer Pressekonferenz zu seinem Eintritt in die Deutsche Zentrumspartei seinen neuen Mitgliedsausweis
© Kay Nietfeld/ / Picture Alliance
Prominenter Neuzugang, aber noch kein Zugpferd: Der Beitritt des langjährigen AfD-Chefs Jörg Meuthen beschert der Deutschen Zentrumspartei kaum Neumitglieder. 

Es läuft, so will es Christian Otte verstanden wissen. Am vergangenen Freitag spricht der Bundesvorsitzende der Deutschen Zentrumspartei von einer "ganz bemerkenswerten Entwicklung", die das Jahr 2022 für seine Partei parat gehalten habe.

Zunächst einmal sei man "nach 65 Jahren der Abstinenz" in den Deutschen Bundestag zurückgekehrt. Der Parlamentarier Uwe Witt wechselte nach seinem AfD-Austritt zum Zentrum, vertritt die Partei seitdem (fraktionslos) im hohen Haus. "Nur fünf Monate später", betont Otte, könne man die erstmalige Vertretung der Partei im EU-Parlament verkünden. Denn ein weiteres, deutlich prominenteres Ex-AfD-Mitglied ist dazugestoßen: der langjährige AfD-Chef Jörg Meuthen.

An Meuthen, der die AfD nach sechs Jahren an der Spitze verlassen hatte, knüpft die heutige Kleinpartei mit langer Geschichte hohe Erwartungen. "Was uns bislang fehlt, ist die entsprechende Aufmerksamkeit, die Bekanntheit", so Otte bei der offiziellen Vorstellung des Neuzugangs. Das könne man schon daran ablesen, dass bei Günther Jauchs Quizshow "erst bei der 64.000-Euro-Stufe nach uns gefragt wurde". Zukünftig wolle man schon bei der 50-Euro-Frage erscheinen, "weil die einfach jeder beantworten kann."

Die Bekanntgabe von Meuthens Beitritt liegt nun sieben Tage zurück. Ist seitdem das Interesse an der Politik der Deutschen Zentrumspartei gewachsen?

Nur wenige Neumitglieder nach Meuthen-Beitritt 

Zu einer großen Mobilisierung hat Meuthens Beitritt bisher nicht geführt. "Das Zentrum hat derzeit 593 Mitglieder", sagt der Bundesvorsitzende Otte am Freitag auf Anfrage des stern, "davon sind etwa 35 seit der Bekanntgabe von Herrn Meuthen Betritt dazugekommen – ohne, dass dies im Einzelfall Rückschlüsse auf eine Kausalität zuließe". Darüber hinaus befänden sich weitere 28 Beitrittsgesuche im Prüfverfahren, sechs Beitrittsgesuche seien vom Bundesvorstand als "abschlägig beschieden" worden. Parteiaustritte habe es "meines Wissens nach keinen einzigen" gegeben, so Otte.

Innerhalb der Partei falle die Resonanz über den Neuzugang überwiegend gut aus. "Eine Mehrheit der Mitglieder und Funktionsträger im Zentrum hat sich positiv geäußert", so Otte zum stern, "vereinzelte Stimmen der Kritik bezogen sich ausschließlich auf die Frage, wie das Zentrum hierdurch von Dritten dargestellt werde."  

"Eine AfD 2.0 wird es mit mir nicht geben"

Bei seiner offiziellen Vorstellung versuchte Meuthen den Eindruck zu zerstreuen, das sein Beitritt eine politische Standortverschiebung der Zentrumspartei bedeuten könnte. Die Partei stehe für das, was in der deutschen Politik derzeit schmerzlich fehle: Für Aufklärung, ein klares Wertefundament und eine unideologische bürgerliche Vernunft, sagte der 60-Jährige. "Für radikales oder extremistisches Gedankengut gab es in der Zentrumspartei noch nie einen Platz. Und das wird auch bis in alle Zukunft so bleiben", versicherte er. Meuthen betonte, das Zentrum werde "definitiv nicht zu einem Sammelbecken ehemaliger AfD-Mitglieder werden. Eine AfD 2.0 wird es mit mir nicht geben."

Ende Januar hatte Meuthen die AfD verlassen und das mit einem aus seiner Sicht zu radikalen Kurs vieler AfD-Spitzenfunktionäre begründet. Er war mehr als sechs Jahre lang Co-Vorsitzender. Heute ist er fraktionsloser Europaabgeordneter. Er habe sich gegen die Gründung einer neuen Partei entschieden, weil er die Erfolgsaussichten eines solchen Projektes für wenig erfolgversprechend halte, sagte Meuthen. 

Zentrumspartei will sich "bundesweit reaktivieren"

An den politischen Zielen der Zentrumspartei habe sich mit dem Beitritt des ehemaligen AfD-Spitzenfunktionärs nichts geändert, versichert auch der Bundesvorsitzende Otte. Es bleibe bei dem Ziel: "Die Zentrumspartei bundesweit zu reaktivieren, um als bürgerlich-liberale Kraft auf einer christlich-sozialen Grundlage die Repräsentationslücke zu schließen, die sich im konservativen Parteienspektrum eingestellt hat", sagt er zum stern. "Es sollen auch Menschen erreicht werden, die sich von den maßgeblichen Parteien nicht (mehr) verstanden fühlen, zugleich soll aber die Anschlussfähigkeit an die Breite des demokratischen Spektrums erhalten bleiben."

Die 1870 gegründete Zentrumspartei hatte im Kaiserreich und in der Weimarer Republik als Vertreterin des politischen Katholizismus eine wichtige Rolle gespielt. In der Weimarer Republik stellte sie mehrfach den Reichskanzler. In der Bundesrepublik hatte sie dann aber schnell an Einfluss verloren, weil sich ein großer Teil ihrer Basis der neu gegründeten CDU zuwandte. 

Die knapp 600 Mitglieder, die das Zentrum nach eigenen Angaben bundesweit hat, verteilen sich auf vier Landesverbände und zwölf Kreis- oder Ortsverbände, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. In der Vergangenheit war die Partei mit radikalen Anti-Abtreibungskampagnen aufgefallen – die Partei habe die Kritik hinter sich gelassen, sagte Meuthen im ZDF.

Auf der Webseite der Deutschen Zentrumspartei findet sich weder ein Grundsatzprogramm, noch Erklärungen zu tagesaktuellen Themen, wenngleich sich die Partei im März "eindeutig gegen die kriegerischen Handlungen und den Einfall russischer Truppen" in die Ukraine positionierte. Zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen präsentierte das Zentrum ein Wahlprogramm und erreichte 0,058 Prozent der Stimmen

Bundespolitisch spielt das Zentrum keine Rolle. Meuthen legt dennoch Wert darauf, man solle die Partei nicht "als Kreisliga darstellen". "Sie hat eine ganz, ganz lange Geschichte, ist aber in der Tat in den letzten Jahrzehnten verdrängt worden und ist heute eine kleine Partei, man kann auch sagen Kleinpartei", sagte er im ZDF. "Aber es ist eine sehr sehr gute Partei mit einem sehr, sehr klaren Wertefundament." Erst einmal wolle er einfaches Mitglied sein. "Wenn es dann auf Führungsaufgaben herausläuft, nehme ich die natürlich gerne."

Mit Material der Nachrichtenagenturen DPA und AFP

Mehr zum Thema



Newsticker