Josef Fischer Ciao, Joschka!


Er war brillant und brutal, witzig und wehleidig. Bei ihm und mit ihm war immer was los. stern-Reporter Tilman Gerwien über sein Berufsleben mit dem Politiker Josef Fischer und dessen stilvollen Abschied von der Macht.

Die erste richtige Begegnung hatten wir im Wahlkampf 1998. Joschka Fischer war on the road für Rot-Grün, seinen großen Traum. Er saß im Wahlkampfbus, in einer violett-rosa gepolsterten Plüschecke. Ich war junger Korrespondent beim stern, ich kannte ihn nur aus dem Fernsehen. Für mich war er ein Denkmal. Bevor ich mit dem Denkmal sprach, hatte ich mir Fragen aufgeschrieben. Ich wollte auf keinen Fall Fehler machen.

Es wurde ein zähes Gespräch, manchmal gähnte das Denkmal. Dann sagte ich: "Sie erinnern mich an Helmut Kohl." Das gefiel ihm. Er sagte: "Bleiben Sie ruhig noch." Und dann hob er an zu einem gewaltigen Vortrag über die "Nachkriegskontinuitäten deutscher Außenpolitik". Der Vortrag war brillant, witzig, treffend. Dann war wieder Stille. Irgendwann sagte er: "Gucken Sie mal aus dem Fenster. Sehen Sie das Schaf da auf der Wiese? Das sieht aus wie Michael Glos."

So war Joschka Fischer.

Bei ihm und mit ihm war immer was los. Wir sind in Indien auf Elefanten geritten, haben uns in Usbekistan Hässlichkeiten an den Kopf geworfen. Im Flugzeug analysierte er den "kaukasischen Krisenbogen", im stern plauderte er, nicht ohne Koketterie, über seine Steinewerfer-Vergangenheit: "Ja, ich war militant!" Wer sich nicht an der journalistischen Vervollkommnung des Gesamtkunstwerkes Fischer beteiligen wollte, wurde von ihm gern mal exkommuniziert. Er konnte brutal sein und verletzend. Es gibt auch jetzt keinen Grund, das zu vergessen.

Dann dieser Sommer, sein letzter Wahlkampf. Am Ende war er nur noch müde, kaputt. In einem bayerischen Gasthaus aß er mit Journalisten und Wahlkampfteam zu Mittag und hatte Mühe, den mächtigen Krustenbraten zu vertilgen, den man ihm hingestellt hatte. Keiner sagte was. "Die Horde versammelt sich zum Essen und verzehrt still die Beute", stellte er fest. "Das gemeinsame Essen ist für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft absolut konstitutiv, das muss man natürlich sehen." Wer schafft das sonst noch, ein simples Wirtshausessen mit einer ganz persönlichen Anthropologie der Nahrungsaufnahme zu verbinden?

Immer war alles mit Bedeutung aufgeladen. Ständig ging es um Kampf und Drama und Sensation. Fischer - das hieß, den alten Jungstraum zu leben, dass dieses Dasein vielleicht doch noch mehr bereithält als brave, wohltemperierte Mittelmäßigkeit. Rangeln und raufen, Siege erringen, Grenzen austesten. Was Jungs so machen - wenn man sie Jungs sein lässt.

Ich bin auch noch mal in seinen Wahlkampfbus gestiegen. "Was führt Sie denn nochmal in meine rollende WG?", wollte er wissen. Am liebsten wäre ich ehrlich gewesen und hätte gesagt: "Sentimentalität." Aber ich habe mich nicht getraut. Zweimal sind wir noch gelaufen. Er wollte sich immer noch messen. Er sagte: "Sie sind ja so jung, da sind sie natürlich schneller." Für Fischersche Verhältnisse war das schon fast so was wie Altersmilde. Man spürte, dass er anfing, loszulassen.

Dazwischen wuchtete er sich noch mal auf die Bühnen zwischen Pinneberg und Rosenheim. Und unten standen die Leute und schauten ihn an und damit ihr eigenes Leben. Wen das nicht rührte - der hat kein Herz.

Jetzt also: ohne ihn.

Man kann diesen Beruf weiter ausüben und sich um die Dirk Niebels oder Ronald Pofallas dieser Welt bemühen. Man muss sich gut benehmen, muss aufpassen, dass man sich nicht langweilt. Man wird es überleben. Aber: Schade ist es schon.

Und dann der Dienstag vergangener Woche. Alle reden über Koalitionen, keiner will einen Millimeter preisgeben. Plötzlich stellt sich er, das größte und vielleicht brutalste Machttier, das diese Republik kannte, im Reichstag auf einen Flur und sagt, dass es vorbei ist. Dass er seine "Freiheit wiederhaben" will. Dann steigt er in einen Fahrstuhl, und als sich die Tür schließt und dieses Kapitel deutscher Politik zu Ende geht, winkt er noch durch den Spalt und ruft: "Ciao, ragazzi!"

Das hat Format. Das hat die Ehre von Rot-Grün gerettet. Wer in diesen Tagen das widerwärtige Berlusconi-hafte Gehabe von Gerhard Schröder sieht, dieses geradezu obszöne Nicht-loslassen-Wollen, der erkennt den Unterschied. Es ist der Unterschied zwischen groß und Gernegroß.

Also: Ciao, Joschka! Und: "Chapeau!" - für diesen Abgang.

Timan Gerwien print

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