Junge Nationaldemokraten Braune Rattenfänger


Sie locken mit rechter Musik und eigenen Jugendzeitschriften, veranstalten Feste, Zeltlager und Sauforgien: Mit offensiver Jugendarbeit versuchen rechte Kader, wie die Jungen Nationaldemokraten, Nachwuchs zu rekrutieren.
Von Alexandra Frank

Dominik Weinlich war elf, als er beschloss, seinem Land zu dienen. Polizist wollte er werden, oder zur Bundeswehr gehen. Heute ist er 19 und sagt: "Für diesen Staat rühre ich keinen Finger."

Seinem Ziel, Deutschland zu dienen oder, wie er es ausdrückt, für "die Existenz unseres Volkes" einzustehen, ist er dennoch treu geblieben. Deshalb ist er auch an diesem Sommertag mittags um zwölf im Einsatz. Breitbeinig hat er sich vor einer Berufsschule in Erfurt aufgebaut. "Wenn man im Land etwas verändern will", sagt Weinlich und hebt den Kopf, als der Schulgong über den Hof schallt, "reicht es nicht, alle drei Wochen mal auf eine Demo zu gehen. Man muss täglich etwas machen."

Das Metalltor öffnet sich, und eine Gruppe Schüler tritt heraus, vor allem junge Männer in Turnschuhen. Feuerzeuge klicken, Rauch durchdringt die Luft.

Fußball-Planer von der NPD

Weinlich nickt seinen Begleitern, einem hellblonden Mädchen und einem schlaksigen jungen Mann, zu. Dann tritt er an einen der Schüler heran, grinst freundlich und drückt ihm ein handtellergroßes Faltblatt in die Hand. Ein Fußball-Planer, herausgegeben von der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD). "Fußball schafft, was die Politik heute kläglich unterläßt", steht hinten auf dem Heftchen. Er "vermittelt Identität und stiftet Gemeinschaft". Unten eine Telefonnummer und die Webadresse der NPD. Manche Schüler nicken zum Dank, andere nehmen das Faltblatt kommentarlos entgegen. Die meisten lassen es nach einem kurzen Blick in den Taschen verschwinden.

Weinlich fällt zwischen den Schülern kaum auf: ein junger Mann mit rundlichem Gesicht, das von einem Kinnbart, zwei silbernen Ringen an den Ohren und streng gescheiteltem Haar umrahmt wird. "Natürlich ist es nützlich", sagt Weinlich, "wenn man selber jung ist. Dann reden die Leute eher mit einem."

Erneut läutet die Schulglocke. Ende der Pause. Zu langen Gesprächen zwischen ihm und den Schülern ist es nicht gekommen. Aber das kann noch geschehen. Einige der Schüler, glaubt Weinlich, rufen später an oder schreiben eine "ePost", wie es bei der NPD heißt. Die wird er dann einladen zu einem Treffen der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der NPD. So war es auch bei ihm damals, als er 12 oder 13 war. Im Internet war er auf die JN gestoßen - gerade als er den Gedanken aufgab, Polizist zu werden. Bald begleitete er seine neuen Kameraden auf Demos und NPD-Feste, während sich sein neues Weltbild verfestigte. "Ich merkte, dass das nicht mein Land ist, für das ich kämpfe", sagt er. Die BRD, die Regierung, seien doch komplett fremdbestimmt. "Vom Amerikaner, vom Weltjudentum." Dagegen gelte es zu kämpfen. Mittlerweile ist Dominik Weinlich stellvertretender Vorsitzender der JN Thüringen.

Rechte Kader versuchen, Jugendliche an sich zu binden

Gern brüstet sich die NPD als "personell jüngste Partei des Landes". Ganz gezielt versuchen rechte Kader Jugendliche mit eigenen Schülerzeitschriften, rechter Musik, Internetforen und offensiver Jugendarbeit an sich zu binden. Und dort, wo sich junge Menschen nicht selbst zu den einschlägigen Kneipen oder Parteiveranstaltungen bewegen, geht die Partei auf sie zu: an Schulen, an Bushaltestellen, in Sportvereinen und Jugendklubs.

"Beißt ein Jugendlicher an, bieten ihm die neuen Kameraden eine bunte Amüsementwelt mit Zeltlagern, Kameradschaftsabenden und Sauforgien am Lagerfeuer", sagt Guido Gulbins vom Verein für akzeptierende Jugendarbeit (Vaja) in Bremen. Seit seiner Gründung 1992 betreut der Vaja e. V. rechte Jugendcliquen, der größte Teil der Arbeit besteht aus Zuhören und Diskutieren. Gulbins, 35, sagt: "Natürlich können wir nicht jeden überzeugen. Aber wenn ich nur zwei von zehn erreiche, ist das ein Erfolg." Für sein Konzept wurde Vaja im Juni mit dem Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreis 2008 ausgezeichnet.

Seien die Jugendlichen erst mal Mitglied einer rechten Gruppierung, so Gulbins, hätten es Funktionäre meist nicht mehr schwer, ihr Gedankengut weiterzugeben. Seine Arbeit setzt deshalb dort an, wo Jugendliche "in der Luft hängen". Zwar ausländerfeindliche Einstellungen haben, aber nicht politisch organisiert sind. "Bei denen kann man noch etwas erreichen." Aber nicht überall sind die Mittel oder der Wille vorhanden, Arbeit, wie Gulbins sie macht, zu ermöglichen. Gerade auf dem Land hat die NPD freie Bahn, weil niemand die Gefahr von rechts sieht oder sehen will.

Oft genug bleibt ein Teil des Gedankenguts hängen

Sicher, nicht aus jedem Schüler, der ein NPD-Faltblatt oder eine Rechtsrock-CD in die Hand gedrückt bekommt, wird gleich ein Anhänger der JN oder NPD. Bundesweit zählt die JN nach eigenen Angaben etwa 700 Mitglieder, der Verfassungsschutzbericht 2007 spricht von 400. Aber oft genug bleibt ein Teil des Gedankenguts bei den Jugendlichen hängen - und wenn es nur ein diffuses Image ist, das sich in den Köpfen festsetzt. Der Gedanke etwa, dass rechts cool ist oder rebellisch.

Einer von Gulbins' Einsatzorten ist ein Spielplatz in Bremen. Auf einer Drehscheibe haben es sich einige Jugendliche bequem gemacht - wie beinahe jeden Tag. Ein Pärchen knutscht, drei Mädchen blasen Rauch in die Luft und unterhalten sich über Musik, zwei junge Männer, kaum volljährig, begutachten ein Motorrad.

Eine der jungen Frauen zieht ihr Mobiltelefon aus der Tasche, drückt auf den Tasten rum und lässt verschiedene Melodien abspielen: HipHop-Klänge, einen Liebessong, das neueste Lied einer deutschen Popband. Verträumt summen ihre Freundinnen mit. Sie klickt sich weiter durch. Plötzlich tönt Sprechgesang aus dem Handy, nur fünf Buchstaben, einmal, zweimal, immer wieder: "NSDAP, NSDAP, NSDAP." "Lustig, ne?", fragt sie in die Runde. Die Jungs wenden ihren Blick vom Motorrad ab und fangen an, mit den Füßen zu wippen. Auch das Pärchen blickt auf. "Geiles Lied", sagt einer anerkennend.

Vielleicht doch nicht so lustig

"Was ist daran denn gut?" Guido Gulbins, der Streetworker, mischt sich ein. Eine Diskussion beginnt. Nach einer halben Stunde gibt das Mädchen mit dem Handy zu, dass das Lied ja vielleicht doch nicht so lustig sei. Sie habe nicht darüber nachgedacht, ein Bekannter habe ihr das Lied gegeben. "Aber", sagt sie, "es hat halt einen guten Rhythmus, der geht einem so schnell nicht aus dem Kopf."

Für Stefan Garmshausen, Garten- und Landschaftsbauer, ist derartige Musik "Hetze, die darauf bedacht ist, einen Keil in unsere Gesellschaft zu treiben". "Als Vater und politisch interessierter Bürger", sagt er, wolle er sich dagegen wehren, dass Kinder der NPD-Propaganda ausgesetzt werden. An einem Herbsttag vor zwei Jahren bepflanzte er mit zwei Kollegen einen Schulhof in Waren an der Müritz. Irgendwann bemerkten die drei, dass vor der Schule ein Mann die Schüler ansprach, acht bis zwölf Jahre alt. Es war ein NPD-Funktionär mit einem Pappkarton unter dem Arm, darin Flugblätter, Bonbons und die Schulhof-CD der Partei, eine Sammlung rechter Musik. Trotz mehrerer Aufforderungen zu verschwinden fuhr er fort, das Material zu verteilen. "Schweinerei, schließlich sind Kinder keine Wähler", sagt Garmshausen. Er und seine Kollegen nahmen dem NPD-Mann den Karton ab, schütteten den Inhalt in den Müll.

Ein Jahr später stand Garmshausen vor Gericht und wurde zu einem Bußgeld von 2600 Euro verurteilt. NPD-Aktivist Raimund Borrmann, mittlerweile Abgeordneter im Schweriner Landtag, hatte ihn wegen Nötigung, Beleidigung und Sachbeschädigung angezeigt. "Sicherlich war das nicht der richtige Weg, gegen derartige Aktionen vorzugehen", sagt Garmshausen, "aber es stört mich ungemein, dass immer Zivilcourage gefordert wird, aber man letztendlich doch nichts gegen eine zugelassene Partei machen kann." Besonders ärgere ihn, dass die Schulhof-CD von seinen Steuergeldern finanziert wurde.

Fehlende Angebote für die Jugend

Doch das größte Problem seien nicht mangelnde Aktionen gegen rechts, sondern fehlende Angebote für die Jugend. Und das nutzt die NPD aus. Vielerorts herrscht gähnende Langeweile, gerade auf dem Land, wo Jugendklubs geschlossen, Musikschulen fern und Sportklubs zu teuer sind. "Vor allem für Jugendliche, die aus schwierigen Verhältnissen kommen, gibt es so gut wie keine kostenlosen Freizeitangebote", sagt Garmshausen und fügt hinzu: "Niemand zeigt ihnen, dass sie der Gesellschaft etwas wert sind."

Jugendliche aber, die tagtäglich die Zeit totschlagen und sich nicht gefordert fühlen, sind leicht zu ködern. Deshalb setzen NPD und JN auf Gemeinschaftsgefühl und Disziplin: Treffen am Lagerfeuer, der Besuch von Schulungen, bei denen - wie es JN-Aktivist Weinlich beschreibt - jeder auch mal ein Referat halten muss. Dabei ginge es um "weltanschauliche Themen", historische Jahrestage oder aktuellere Probleme wie - so Weinlich - die "Rassenunruhen" in Frankreich.

Dass bei derartigen Zeltlagern gezielt auch jüngere Kinder an die nationale Gesinnung herangeführt werden sollen, konnte die Polizei bei der Räumung eines "Sommerlagers" des rechtsextremen Vereins "Heimattreue Deutsche Jugend" (HDJ) Anfang August feststellen. Auf einem Privatgrundstück in der Gemeinde Hohen Sprenz südlich von Rostock hatten ein gutes Dutzend Erwachsene aus ganz Deutschland und 39 Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren ihre Zelte aufgestellt. "Wie es scheint, wurden bei dem Lager Verhaltensweisen und Lebensformen aus der Zeit des Nationalsozialismus praktiziert", sagt Volker Werner, Sprecher der Polizeidirektion Rostock. Die Kinder seien uniform mit dem HDJ-Logo - einer stilisierten Flamme - gekleidet gewesen, die Mädchen brav mit langen Zöpfen, die Jungen meist mit Bürstenschnitt.

Kinder mit nationalistischem Gedankengut beschult

Bei der Durchsuchung des Lagers fand die Polizei auch zahlreiche Gegenstände, die mit Hakenkreuzen versehen waren, vom Geschirrhandtuch bis zu Tagebüchern der Kinder. "Außerdem haben wir Deutschlandkarten mit den Grenzen von 1918 gefunden, in die die Kinder einzeichnen mussten, wo etwa das Memelland oder die Nordmark liegen", sagt Werner. All dies lege nahe, dass die Kinder regelrecht mit nationalistischem Gedankengut beschult wurden. Den Ort des Lagers, ein weitläufiges Grundstück mitten in menschenleerer Landschaft, habe die HDJ taktisch klug ausgewählt, meint Werner. Nur weil ein Anwohner morgens die Fanfaren zum Fahnenappell gehört habe, sei man darauf aufmerksam geworden.

Meist bleibt die Jugendarbeit rechter Anhänger unentdeckt - oder wird schlicht ignoriert. So auch in Erfurt. Dominik Weinlich hat die nächste Schule an diesem Tag erreicht, eine Grund- und weiterführende Schule. Ein paar kleine Kinder lässt er passieren, sprintet dann zwei Jungen entgegen, höchstens zwölf Jahre alt. "Danke", sagen sie, nehmen artig das NPD-Material entgegen. Eine Lehrerin, die wenig später auftaucht, beachtet die JN-Aktivisten direkt vor dem Schultor nicht.

Derartige Situationen kennt auch Karl-Georg Ohse, Leiter des Regionalzentrums für demokratische Kultur Westmecklenburg. Seit Jahren beobachtet er die rechte Szene und ihre Bemühungen, sich in die Mitte der Gesellschaft zu drängen: "Wir wollen das demokratische Klima vor Ort fördern, nur so kann man etwas bewirken." Sein Büro in Ludwigslust ist Teil der RAA-Mecklenburg-Vorpommern e. V. (Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie), die mit vielen Stiftungen im Bundesgebiet zusammenarbeiten.

Rechte Krabbelgruppen

Auch in Norddeutschland kann er die Jugendarbeit der NPD beobachten - und die Teilnahmslosigkeit vieler Bürger. So gebe es nationale Krabbelgruppen, in denen NPD-Eltern nicht nur den eigenen Nachwuchs, sondern auch Kinder aus dem Dorf betreuten, sowie rechte Kader, die sich in den Elternbeiräten der Schulen einbringen. "Sicher mögen auch NPD-Mitglieder engagierte Eltern sein", räumt Ohse ein, "aber gewiss mit Auftrag. Wir reden hier von gezielter, politischer Strategie." Spreche er das Thema bei Eltern an, bekomme er oft zu hören, dass man froh sei, wenn überhaupt jemand aktiv werde. "Außerdem heißt es oft, was haben denn Krabbelgruppen oder Kindergeburtstagsfeiern mit Politik zu tun."

Nicht immer sind die Auswirkungen so deutlich zu erkennen wie in einem Kindergarten, wo die Kinder beim Basteln kleine schwarz-weiß-rote Fähnchen malten - Flaggen, wie sie auf rechten Demos und NPD-Feiern geschwenkt werden. Selbst die Kindergärtnerin konnte sich nicht erklären, woher die Kinder die Flagge in den Farben des Deutschen Reiches kannten.

Auf dem "Thüringentag der nationalen Jugend" in Sondershausen wehen Flaggen der NPD und der JN hoch oben auf einem Partyzelt, zwischen einem Infostand der Partei und einer Hüpfburg für Kinder. Der Thüringentag ist eines von vielen Festen, das die rechte Szene organisiert. Meist reisen die Besucher gemeinsam an, um hoch erhobenen Hauptes Polizeiabsperrungen und Gegendemonstrationen zu passieren - für Jugendliche ein Hauch von Abenteuer. Heute sind etwa 150 Anhänger zusammengekommen, die meisten haben es sich auf Bierbänken bequem gemacht, andere stehen am Würstchenstand Schlange. Eine davon ist Jana, 19, die von ihrem Heimatdorf nahe Chemnitz nach Thüringen gefahren ist, um ein paar Bands live zu sehen. Gemächlich schlendert sie, den Arm um die Hüfte ihres Freundes geschlungen, durch das Gras. Politische Parolen schallen über die Wiese. Jana wartet, dass die Musiker die Bühne betreten. "Die NPD ist für mich nur Mittel zum Zweck", sagt sie. "Die ist halt praktisch, weil sie Feste organisiert, wo meine Musik gespielt wird und ich Freunde treffen kann."

"Einen ganzen Ordner Regeln"

"Gut, mit den Ausländern und so, da hat die NPD schon recht", sagt sie, deshalb sei sie auch ein paarmal zu Treffen der JN gegangen. "Das war mir aber dann zu anstrengend, da sollte ich ganze Ordner voller Regeln auswendig lernen." Sie wolle lieber Spaß. "Aber klar", sagt sie, "die NPD wähle ich trotzdem."

Auch Dominik Weinlich hofft, Wähler oder gar aktive Kameraden gewonnen zu haben. Sein Ziel sei es, jeden Tag einen zu überzeugen. An drei Schulen haben er und seine Begleiter an diesem Tag den Fußball-Planer verteilt, aber nur ein paar Dutzend an den Mann gebracht. Doch Dominik Weinlich ist noch jung. Er hat noch genug Zeit, seinem Land zu dienen.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker