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Klaus Wowereit: Der "und-das-ist-auch-gut-so"-Mann

Der Regierende Bürgermeister von Berlin ganz nah: Im stern spricht Klaus Wowereit über die Liebe zu Freund Jörn, die Pflege seiner Mutter, Pflicht und Partys, Schmähbriefe und Spießigkeit, das Mobbing in der SPD - und darüber, wohin ihn seine Karriere noch führen kann.

Herr Wowereit, haben Sie mit Ihrer Karriere schon abgeschlossen?

Überhaupt nicht. Wieso?

Politiker schreiben sonst erst Autobiografien, nachdem sie ihre Ämter verloren haben.

Das Buch war die Idee des Verlags. Der hat mich über Jahre hinweg bearbeitet. Ich habe lange gezweifelt, ob das richtig ist.

Und dann hat die Eitelkeit gesiegt. Sind Sie stolz auf sich?

Nee. Mit dem Begriff habe ich Probleme. Ich bin stolz auf Berlin. Aber meine Mutter Hertha wäre stolz auf mich.

Sie kommen aus der Unterschicht.

Damals hieß es "aus einfachen Verhältnissen". Meine Mutter musste hart arbeiten, um uns durchzubringen. In der städtischen Gärtnerei verdiente sie nicht viel.

Haben Sie Bildung vermisst?

Bei uns gab es schon Bücher, aber die kamen eben aus der Bibliothek. Aber Oper, Theater, Musikinstrument lernen, das alles gab es natürlich nicht.

Die Verhältnisse, in denen Sie aufwuchsen, waren relativ buntscheckig.

Mmh.

Ihre Mutter hatte fünf Kinder von drei Männern. Ihr Vater ist nach Bitterfeld in die DDR gegangen. Die Tochter Ihrer Schwester kam zeitgleich mit Ihnen zur Welt.

Ich bin sogar drei Monate jünger als sie. Wenn wir uns später vorstellten, sagte sie immer: Und das ist mein Onkel Klaus.

Ihre Mutter hieß Grüner wie ihr im Krieg gefallener Mann, Sie tragen den Mädchennamen Ihrer Mutter ...

So war das Recht damals. Wowereit ist übrigens ein ostpreußischer Name und heißt im Litauischen "das junge Eichhörnchen". Das passte perfekt zu Hertha, die massenweise Gemüse und Obst in unserem Garten anpflanzte und Vorräte hortete.

Haben Sie damals gelitten?

Eigentlich nicht. Es gab aber eine Form der Alltagsdiskriminierung, die mir deutlich machte, dass ich nicht in die Norm passte. Wenn die Lehrer in der Schule spitz fragten: "Was macht denn dein Vater?"

Obwohl sie es genau wussten?

Sicher, das haben sie vor der ganzen Klasse zelebriert. Auch, wenn man Lehrmittelfreiheit beantragte. Und nach der Grundschule bekam ich nur eine Empfehlung für die Realschule, obwohl meine Noten fürs Gymnasium reichten. Aber das hat den Ehrgeiz meiner Mutter erst angestachelt.

Wieso haben Sie den Aufstieg geschafft und andere nicht?

Meine Mutter hatte einen stehenden Satz: "Euch soll es mal besser gehen als mir. Dafür schufte ich auch." Sie hat sich im wahrsten Sinne des Wortes den Buckel krumm gemacht. Das war prägend. In den Sechzigern war noch alles auf Aufstieg programmiert.

Waren Sie ein Streber?

Nein. Ich hatte den Ehrgeiz, meinen Standard zu halten. Wenn ich eine Zwei bekam, dann war die Standard. Und wenn ich mal besser wurde, war das der neue Standard.

Fehlen heute in der Unterschicht Eltern wie Ihre Mutter, die den Kindern Dampf machen?

Man darf nicht allen anderen die Schuld an seinem Schicksal zuschieben. Es ist zuerst einmal eine Frage der eigenen Verantwortung. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass man kriminell wird, weil man aus einfachen Verhältnissen stammt. Aber wenn es objektiv schwierig ist, nach der Schule einen Job zu kriegen, gibt es auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Da muss der Staat mehr investieren.

Mal gekifft?

Nee.

Nicht mal nicht inhaliert?

Ich habe vielleicht mal aus Jux an einer Zigarette gezogen, aber nie geraucht. Deshalb war ich gut gefeit gegen Haschisch.

Ihr Lebensgefährte Jörn Kubicki sitzt hier am Tisch und quarzt Selbstgedrehte. Wie halten Sie es mit einem starken Raucher zu Hause aus?

Ich bin ein toleranter Nichtraucher. In einer Beziehung muss man die Laster des anderen akzeptieren.

Sie haben Ihren nach einem Unfall querschnittsgelähmten Bruder und Ihre krebskranke Mutter über Jahre gepflegt. Ist Ihnen das nie über den Kopf gewachsen?

Nein, eigentlich nicht. Aber es gab schon Situationen, wo ich tief durchatmen musste. Wenn man in Urlaub fährt und gesagt bekommt: Fahr du nur, wenn du wiederkommst, lieg ich tot im Eckchen. Das ist schon heftig.

Worin bestand die Pflege? Füttern ...

... wickeln, waschen, alles.

Dass ein Sohn das übernimmt, ist selten.

Warum soll ein Sohn das nicht übernehmen? Natürlich gibt es anfangs eine Schamgrenze, die beide überwinden müssen.

Haben Sie über diese Scham geredet?

Da sind wir drüber weggegangen. Es gab ja keine Alternative. Es musste geholfen werden, ich war da, also.

In Ihrem Buch urteilen Sie ziemlich harsch über Menschen, die sagen, sie könnten ihre Eltern nicht pflegen. Denen werfen Sie an den Kopf: „Ihr wollt das nicht.“

Ich habe großes Verständnis für alle, die es nicht tun. Die können mir nur nicht erzählen, dass es nicht geht. Bis auf wenige Ausnahmen könnten alle ihre Eltern pflegen - unter Einschränkung ihrer Individualität und ihres Lebens.

Sie sehen eine Pflegekatastrophe aufs Land zurollen. Wie könnte die Politik reagieren?

Die Menschen müssen so lange wie möglich zu Hause leben können. Dort muss man ihnen helfen. Pflege ist heute stark formalisiert. Die durchnormierten Pflegemodule müssten individueller werden.

Das würde aber auch teurer.

Ja. Das wird mehr kosten, aber es gibt keine andere Lösung. Dazu gehören auch andere Wohnformen oder ein Elternpflegejahr: Wer Vater oder Mutter pflegen will, muss vom Arbeitgeber freigestellt und vom Staat finanziell unterstützt werden.

Wie bei der Elternzeit für Kinder?

Genau so stelle ich mir das vor.

Hat Ihr Freund Sie bei der Pflege unterstützt?

Ich habe mit Jörn Gott sei Dank sogar eine qualifizierte Hilfe gehabt. Er hat während seines Medizinstudiums selbst Hauspflege gemacht. Meine Mutter mochte ihn sehr. Sie hat ihn „mein Studentchen“ genannt.

Wie hat sie reagiert, als Sie sich outeten?

Das war kein Akt: „Jetzt bin ich schwul.“ Das war eher ein slow Outing. Sie wusste das, davon bin ich fest überzeugt. Aber wir haben nicht darüber geredet.

Sie hat Sie nie darauf angesprochen?

Nein. Nie. Es war eben kein Thema. Sie wusste es - und fertig.

Und Ihre beiden Brüder?

Auch in der Familie haben wir darüber nicht offen gesprochen. Jeder wird sich seine Gedanken gemacht haben.

Reden schwule Politiker miteinander übers Schwulsein?

Na, man kannte ja bis zu meinem Outing keinen. Da konnte man auch nicht reden. Jeder hat sich mit dem Schweigen arrangiert. Es ist auch kein großes Thema. Das Beste wäre, wenn es überhaupt kein Thema wäre. Das ist aber leider noch nicht der Fall.

Wie homophob ist unsere Gesellschaft?

Sie ist liberaler geworden. Aber zwischen Respektieren und Akzeptieren gibt es himmelweite Unterschiede. Das hängt immer vom Milieu und vom Status ab.

Werden Sie offen diskriminiert?

Natürlich. Ich kriege genügend Schmähbriefe. Mit sexistischem Inhalt übelster Art. Man wird anders behandelt. Anders beäugt. Und es gibt genug Menschen, die Schwulsein total ablehnen.

Kann ein Schwuler Kanzler werden?

Ich glaube, das wäre möglich.

Sie sind nach Edmund Stoiber der bekannteste Ministerpräsident der Republik.

Was finden Sie daran so bemerkenswert?

Dass Sie das selbstverständlich finden.

Für mich ist es nicht so überraschend. In Deutschland, Österreich oder der Schweiz werde ich überall erkannt.

Woran liegt das?

An meiner Persönlichkeit, die ein bisschen außerhalb der Politikernorm liegt, und daran, dass ich auch deshalb öfter als andere in Talkshows eingeladen werde.

War es eine Bauchentscheidung, als Sie auf einem SPD-Parteitag öffentlich erklärten: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so"?

Ja. Ich wurde Sonntagvormittag beim Hemdenbügeln angerufen: Einige Blätter würden am Montag groß damit rauskommen. Da war mir klar, egal was meine Berater empfehlen, ich sage es jetzt selbst. Der Satz stand nicht im Redemanuskript. Der kam aus dem Bauch.

Ihr Lebensgefährte bejubelte Ihr Outing mit den Worten: "Das ist doch toll!" Sie selbst waren skeptischer. Warum?

Jörn hatte gar kein Verständnis dafür, dass man sein Schwulsein nicht vor sich her trägt. Ich bin eine andere Generation, lebe in einer anderen Situation als er. Mein Outing hätte die Öffentlichkeit auch überfordern können. Das war schon ein Risiko.

Hätten Sie in einem Doppelleben mit Reihenhaus, Frau und Kindern enden können?

Glaube ich nicht.

Immerhin hatten Sie zwei langjährige Beziehungen zu Frauen. Sie galten als Womanizer.

Ich habe gern geflirtet. Mir wurde auch ein Hang zu blonden Frauen nachgesagt. War nicht ganz falsch. Viele glauben dann, sie seien bisexuell. Aber mit Mitte 30 war mir klar, dass ich mir etwas vorgemacht hätte.

Sie und Jörn Kubicki - war das Liebe auf den ersten Blick?

Ja, der Funke ist sofort übergesprungen. Es war großartig. Es hat ja auch gehalten.

Wieso sind Sie nicht verheiratet?

Oh, das ist ein schönes Thema.

Sollen wir rausgehen?

Ein schwules Paar, das zusammenlebt, muss genauso wenig automatisch heiraten wie ein heterosexuelles Paar. Für mich steht das jetzt nicht auf der Tagesordnung.

Vermissen Sie etwas?

Wenn überhaupt, dann Kinder. Wir haben beide Kinder sehr gern.

Schon mal an Adoption gedacht?

Nein. Das geht rechtlich auch gar nicht so ohne Weiteres.

Wie spießig ist Klaus Wowereit?

Spießig? Gut, ich kann auch spießig sein. Ich kann auch sehr konservativ sein. Aber ich hoffe, dass ich unterm Strich nicht als spießig oder konservativ gelte.

Dann lassen Sie uns mal einen kleinen Test machen: Rose oder Gerbera?

Rose.

Hummer oder Haxe?

Es darf auch Haxe sein. Gut muss sie sein.

Dalí oder Picasso?

Picasso.

Hamburg oder München?

Köln.

Kochen oder Müll runtertragen?

Kochen. (Im Hintergrund lacht Jörn Kubicki.) Ich kaufe richtig gern ein, ich koche gern, aber ich räume ungern auf. Auf den Abwasch kann ich gut verzichten, und den Müll muss ich auch nicht runterbringen.

Koch oder Wulff?

Koch.

Platzeck oder Beck?

Jetzt wird es echt gemein. Ähm. Beide.

Warum darf man in der SPD nicht sagen, dass man einen sympathischer findet als den anderen, nur weil der andere zufällig Parteichef ist?

Der ist ja nicht zufällig Parteivorsitzender. Der ist das absichtlich. Und es gibt auch keine Alternative.

Es geht ja nur um Sympathie.

Es geht nicht um politische Unterstützung. Wenn man auf solche Fragen mit Schwarz oder Weiß antwortet, kann das missverstanden werden. Eigentlich ist es nicht meine Art, mich so herauszuwinden, aber als Politiker geht es manchmal nicht anders.

Was ist das Schönste am Bürgermeisteramt - die vielen Partys?

Auch wenn Sie es nicht glauben, die gehören zu meinem Job. Das ist mehr Arbeit als Vergnügen.

Gibt es Bilder, die Sie bereuen?

Es gibt zwei Fotos, die immer wieder rausgeholt werden, um mich als Partymeister zu diskreditieren. Das eine, wie ich angeblich Champagner aus dem roten Schuh trinke. Da war aber kein Tropfen drin. Das zweite war der Kuss mit Désirée Nick. Was soll ich da bereuen? Es ist ja nichts Böses passiert. Man kann sagen, es war dusselig.

Sind Sie eitel?

Ja. Es ist nicht so, dass ich mich morgens stundenlang im Bad mit Hormocenta behandele. Aber ich achte schon darauf, dass ich einigermaßen aussehe.

Sie sagen: Berlin ist arm, aber sexy. Arm - okay. Aber was ist sexy an dieser Stadt?

Die Offenheit. Die Dynamik. Die Kreativität. Man kann hier atmen. Trotz aller Probleme - diese Stadt ist einfach toll.

Für viele Nicht-Berliner ist sie mehr Moloch als Metropole: Arabergangs, Rütli-Schule, Drogen im Jugendknast ...

In einer großen Stadt wie Berlin werden Probleme immer zuerst deutlich. Rütli- Schulen hat jede Stadt mit einer schwierigen sozialen Lage oder einem hohen Ausländeranteil.

Also ist das Bild verzerrt?

Wer glaubt, München sei nur schön, weil die Stadt ökonomisch gut dasteht, liegt falsch. Dort gibt es auch Obdachlose und Graffiti. In München ist nicht alles schön und bei uns nicht alles Ghetto.

Berät Sie Ihr Lebensgefährte auch bei politischen Fragen?

Klar reden wir über Politik zu Hause.

Hören Sie auf ihn?

Nicht immer.

Aber Sie wollen wissen, was er denkt?

Ob ich es wissen will oder nicht - er sagt es mir. Ich bin nicht der Typ, der nach Hause kommt und dann alle Probleme abarbeitet. Dazu habe ich gar nicht die Zeit, weil ich ziemlich schnell einschlafe.

Wären Sie gern Kurt Beck?

Na, das ist ja eine schöne Frage! Ich bin gern Regierender Bürgermeister.

SPD-Chef ist doch ein attraktiver Job.

Sagen wir mal so: Es ist eine Herausforderung, die einigen Reiz hat.

Fühlen Sie sich von den Genossen anerkannt?

Durchaus, was nicht heißt, dass einige mich nicht vielleicht auch verkennen. Ich bin nicht so einfach ins Schubfächlein zu packen. Ich bin für viele eben etwas ...

... dubios?

Nein. Eher ambivalent. Ich kann mir schon vorstellen, dass einige misstrauisch sind.

Sind Sie gekränkt, dass Sie nicht gefragt wurden, ob Sie SPD-Vize werden wollen?

Ich hätte es gemacht, aber der Vorsitzende wollte eine andere Konstellation. Das habe ich zur Kenntnis genommen.

Sie beklagen eine "stabile Mobbingkultur" in der SPD. In Ihrem Buch heißt es: "Teile der SPD sind im Kern recht weit entfernt von den Grundwerten Solidarität und Toleranz."

Die SPD hat traditionell nicht das Machtbewusstsein der Kanzlerpartei CDU. Die streitet sich zwar auch mal kräftig, aber wenn es um den Machterhalt geht, verhält sie sich diszipliniert. Das ist bei der SPD anders. Die Parteispitze könnte mal ein 14-tägiges Ruderseminar gebrauchen.

Wieso?

Beim Rudern merkt man ganz brutal, wenn einer die anderen hängen lässt und man den Riemen ins Kreuz bekommt. Das kann recht lehrreich sein.

Sind Sie ein Linker?

Ja, aber kein dogmatischer. Das hat sich nie gewandelt.

Was ist denn heute noch links?

Solidarität gerade von jenen zu fordern, die stark genug sind, sich selbst zu helfen, und keine staatlichen Leistungen brauchen.

Mehr vorsorgen oder mehr versorgen?

Das ist doch nur ein Streit um Worte. Wir müssen aufpassen, dass wir die Leute nicht zu sehr bemuttern, ihnen alles abnehmen. Es gibt eine Verantwortung der Solidargemeinschaft gegenüber Hilfebedürftigen. Aber der Staat ist nicht für alles da.

Ist die SPD zu ängstlich?

Die SPD hat jedenfalls nur dann eine Chance, wenn sie mutiger ist und Dinge anstößt, auch wenn die noch nicht mehrheitsfähig sind. Nehmen wir den Mindestlohn. Da muss man eine Summe nennen! Es ist doch klar, dass der Mindestlohn sich um 7,50 Euro bewegen wird. Das müssen wir auch sagen. Man muss in der Politik komplexe Tatbestände populär erklären.

Also ist die SPD zu verschämt?

Die SPD ist zu Recht differenziert, deshalb ist sie ja so sympathisch. Aber wir müssen eine Sprache finden, mit der wir die Menschen mitnehmen

Oskar Lafontaine kann das.

Nein! Der ist populistisch. Ich will nicht verfälschen, ich will nicht verdummen. Ich will, dass wir vereinfachen. Wenn wir eine vernünftige Position haben, müssen wir sie für alle verständlich machen, nicht nur für ein paar Eingeweihte.

Sie schwärmen im Buch von Gerhard Schröders Führungsstil.

Na ja, der hatte auch Schwächen. Viele in der SPD wollen eine starke Führung, haben aber gleichzeitig Schwierigkeiten, sie zu akzeptieren.

Die Genossen sehnen sich nach Basta, aber wenn es kommt ...

...ist es ganz schlimm. Wenn der Erfolg ausbleibt, schwindet die Autorität, und alles kommt hoch, was sich aufgestaut hat. Wir brauchen ein Klima, in dem Kritik als konstruktiv empfunden wird. Heute kann einer allein nicht mehr alles wissen und entscheiden. Man braucht Rat und Erfahrung von anderen.

Welchen Narren haben Sie eigentlich an Angela Merkel gefressen?

Ich kann zwischen Person und Politikerin trennen. Und als Person ist sie mir sympathisch. Über diese Frau ist kübelweise Gülle ausgeschüttet worden. Und sie hat gestanden. Sie hat sich in der CDU-Männerwelt durchgesetzt. Das kann man auch als politischer Gegner anerkennen, ohne in den Verdacht zu geraten, dass man selber den momentanen Marienkult pflegt.

Sie regieren seit Januar 2002 mit einer rotroten Koalition. Verstehen Sie die Paranoia der Bundes-SPD vor der Linkspartei?

Wir müssen uns Optionen öffnen. Denkverbote nutzen nur dem politischen Gegner, sowohl der Linkspartei als auch der CDU. Wenn man sich Personen und Programm der Linkspartei auf Bundesebene anschaut, ist klar, dass eine Koalition nach der Bundestagswahl 2009 undenkbar ist. Aber auf Landesebene muss das jeder für sich selbst entscheiden. Wenn man Tabus aufbaut, landet man nur in der babylonischen Gefangenschaft mit der CDU.

Welche Ämter streben Sie noch an?

Ich bin nicht auf Jobsuche.

Man muss nicht auf Jobsuche sein, um sich etwas anderes vorstellen zu können.

Ich habe so viele erlebt, die krampfhaft irgendeinen nächsten Karriereschritt herbeiführen wollten. Das ist nicht hilfreich.

Manche haben aber auch erst am Zaun gerüttelt und sind dann reingekommen.

Ich war jüngst wieder im Kanzleramt zu einer Besprechung. Ich muss also nirgends rütteln, um reingelassen zu werden.

Interview: Andreas Hoidn-Borchers, Franziska Reich / print