Kommentar Auf der Überholspur ins Unheil


Die SPD tut momentan alles, um sich selbst zu ruinieren. Besonders die mögliche Kooperation mit den Linken scheint die Partei über alle Maßen zu irritieren. In ihrer derzeitigen Verfassung setzt die Sozialdemokratie auf mittelfristige Sicht ihre Zukunft aufs Spiel.
Von Sebastian Christ

1.Wie soll man sich die Zukunft der SPD vorstellen können, wenn Kurt Beck immerzu die grandiosen Ereignisse der Vergangenheit beschwört? In Nürnberg redete der Parteichef über das Hambacher Fest, die 1848-er Revolution, die SPD-Gründung und die Zeit in der Weimarer Republik. Die traurige Wahrheit ist: Momentan ist die Geschichte alles, was den Sozialdemokraten zur moralischen Erbauung bleibt. Die SPD im Jahr 2008 wirkt seltsam apathisch.

Unterirdische Umfrageergebnisse

Die Umfragewerte sind mittlerweile derart unterirdisch, dass sie den älteren Mitarbeitern im Willy-Brandt-Haus eigentlich nur noch in Kombination mit einer Flasche Doppelherz präsentiert werden dürften. Andererseits leistet sich die Partei einen Vorsitzenden, der mehr Ab- als Aufbruchsstimmung verbreitet. Kurt Beck taugt nicht zu der Lichtgestalt, die der SPD so dringend fehlt. Er wirkte auf dem Zukunftskonvent der Partei phasenweise genauso ratlos wie viele seiner Genossen.

Was das genau heißt, zeigt sein Zaudern zum Vorstoß Franz Münteferings, die SPD möge einen schriftlichen Abgrenzungsbeschluss zur Linken fassen. Grundsätzlich habe Beck nichts dagegen, aber de facto brauche man ihn nicht. Und schon zwei Minuten später redet er der Zusammenarbeit mit der Linken bei der Bundespräsidentenwahl das Wort. Ein ähnliches Lavrieren kannte man von Beck schon im Nachklapp der Hessenwahl, als er Andrea Ypsilanti urplötzlich den Kuschelkurs mit der hessischen Linken erlaubte. Wofür steht dieser Mann eigentlich?

Vom Vorsitzenden genervt

Die Genossen selbst scheinen nicht etwa genervt von ihrem ständig herumkreiselnden Vorsitzenden. Viele wirken einfach nur resigniert, so auch viele Delegierte auf dem Zukunftskonvent. "Die große Euphorie kommt hier eh nicht mehr auf", sagte einer, als Becks Rede zu Ende war.

Wahrscheinlich ist es momentan kein schönes Gefühl, für die SPD an der Basis zu malochen. Das gilt im Besonderen für die jungen Mitglieder, die sich an den Schulen und Universitäten der stetig wachsenden Konkurrenz durch die Nachwuchsgruppen der Linken erwehren müssen. In manchen Milieus war es noch nie so uncool wie heute, sich für die Sozialdemokratie zu engagieren. Die Jusos haben derzeit nur noch knapp halb so viele Mitglieder wie die Junge Union. Eine besorgniserregende Entwicklung für die Zukunft der deutschen Demokratie an sich.

Warten auf einen neuen Brandt

Die amerikanischen Demokraten haben nach einem Jahrzehnt Durststrecke mit Barack Obama ihren neuen Kennedy gefunden. In Deutschland wartet die SPD seit Jahren auf einen neuen Brandt. Oder zumindest auf eine Westentaschenausgabe davon. Aber weit und breit ist kein politisches Talent in Sicht, das die Sozialdemokratie aus ihrer Depression heraus ziehen könnte.

So steht weiter Kurt Beck an der Spitze. Und wer sich jetzt nach der süß besungenen Führungsstärke des derzeitigen Außenminister sehnt, dem sei gesagt: Frank-Walter Steinmeier war im Jahr 2006 bereits ein sehr profilierter Bundesminister, als Matthias Platzeck vom SPD-Vorsitz zurücktreten musste. Und trotzdem galt Kurt Beck damals als letztes Aufgebot für die Nachfolge. Kein Wunder, dass man in der SPD momentan lieber über das vergangene Jahrhundert redet.


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