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Kommentar: Die CSU muss sich schämen

Mit blankem Hass ist die CSU-Basis in Passau der Rebellin Gabriele Pauli begegnet. Diese verlogene Haltung zeigt, dass die Partei ihre Krise noch lange nicht überwunden hat. Auch für CSU-Chef Edmund Stoiber ist dieser Tag eine Schande: Er hatte nicht die Größe, dem Gegröle Einhalt zu gebieten.

Von Florian Güßgen

"Pauli raus! Pauli raus! Pauli raus!" Dumpf klingen die Rufe. Blanker Hass. Sie füllen die Passauer Dreiländerhalle. Sie sind eine von zwei Gefühlsregungen, die an diesem Tag vorherrschen. Die zweite Gefühlregung ist die Liebe zu Edmund Stoiber. Dem scheidenden CSU-Chef, dem scheidenden Ministerpräsidenten, der hier die erste und möglicherweise größte Abschiedsveranstaltung zelebriert, die ihm in den nächsten Monaten vergönnt sein wird. "Edmund! Edmund! Edmund!"

Stoiber hat die Schummelei verdient

Beide Gefühlsregungen sind verlogen, aber eine ist menschlich verzeihbar und verständlich, die andere ist verachtenswert und niederträchtig. Die Liebe, die Stoiber hier entgegengebracht wird, ist erst entflammt, seitdem klar ist, dass er zurücktritt. In den vielen Jahren zuvor hat ihn die CSU-Basis ob seiner Leistungen immer geschätzt und geachtet. Weil er gut war für die Partei. Gut für Bayern. Gut für ihre Mandate und ihren Machtanspruch. Aber geliebt, geliebt haben sie ihn nie. Im Gegenteil.

Seine Selbstverliebtheit, seine Abgehobenheit haben sie zuletzt zum Anlass genommen, ihn rüde zu entsorgen. Und so sind die huldvollen Plakate, so sind die "Edmund! Edmund! Edmund"-Rufe an diesem Tag vor allem Ausdruck eines schlechten Gewissens, das hier durch überbordende Liebesbezeugnisse verdrängt werden soll. Dabei ist das keineswegs verwerflich. Einer wie Stoiber, der in der Tat im vergangenen Jahrzehnt einer der prägenden und erfolgreichsten Politiker Bayerns und auch Deutschlands war, hat die Anerkennung verdient, und auch die Gefühlswallungen, selbst wenn sie ein wenig verlogen sind. Stoiber hat die Schummelei verdient.

Pauli hat den Hass nicht verdient

Schlimm und unverzeihlich dagegen ist der Hass gegenüber Pauli. Er ist verlogen, weil die Landrätin aus Fürth nicht alleine die Rebellion angestiftet hat. Im Gegenteil. Sie hat einem real existierenden Unmut in der Partei dort Ausdruck verliehen, wo andere geschwiegen haben, vor allem all jene Alphamännchen, die sich jetzt um Posten balgen und betreten beiseite schauen, wenn Pauli niedergeschrieen wird.

Pauli ist keine Verräterin. Sie ist eine unendlich mutige Frau, die vor dem Thron des Königs aufgemuckt hat. Dass jene, die vor Monaten Pauli stillschweigend Recht gegeben haben, jetzt laut grölend gegen sie hetzen, ist unendlich verlogen und unendlich peinlich für die CSU. Pauli hat es nicht verdient, dass sie, wie in Passau geschehen, von Bodyguards vor der eigenen Basis geschützt, die Halle verlassen muss. Das ist eine Schande. Es ist auch eine Schande, dass Edmund Stoiber es nicht für nötig hielt, der Grölerei Einhalt zu gebieten. Das zeigt, wie klein dieser Mann trotz der Größe, zu der er jetzt aufgeblasen wird, sein kann.

Die Rebellin war mutiger als Seehofer

Die CSU muss nun auch gehörig aufpassen, dass sie nicht, wie in Passau geschehen, arge Geschichtsklitterung betreibt. In der Realität war Stoiber zuletzt nicht mehr der Strahlemann, als der er nun dargestellt wird. Sein Abgang hatte zudem Gründe, die nicht in seiner Person begründet liegen. Die Führung hatte sich von Basis und Bürgern entfremdet, ihre Integrationskraft verloren. Die muss die CSU, wenn sie in Bayern wirklich wieder die absolute Mehrheit der Stimmen erringen will, nun wieder gewinnen. Mit Beckstein in der Staatskanzlei, mit Huber oder Seehofer an der Parteispitze.

Eine grundlegende Erneuerung der Partei ist nötig. Dabei steht der Politikertypus Pauli genau für jene Qualitäten, die diese bayerischen Volkspartei benötigt: Für Erdverbundenheit, für Ehrlichkeit und für Mut. Dass sie diesen politischen Aschermittwoch in Passau erleben musste, ist eine Schande für die CSU. Dass Pauli sich vor diesem Spießrutenlauf nicht gedrückt hat, spricht einmal mehr für sie. Mehr noch, sie ist zwar zum Hintereingang raus, aber am Vormittag zum Vordereingang rein. Das ist Mut. Horst Seehofer etwa, dem Bewerber für den Posten des Parteichefs, hat dieser Mut gefehlt. Wenn die CSU nun Pauli niederschreit, ist sie nicht nur verlogen, sondern macht sich auch ihre eigene Zukunft zunichte.