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Kommentar: Ich will so Beck sein, wie ich bin

Rücktritt! SPD-Chef bietet seinen Rücktritt an! Dieser Eindruck legte sich am Dienstag über die Medien - doch der Eindruck trog. Beck will nicht zurücktreten. Er will etwas anderes: die politische Kultur Berlins verändern. Das macht ihn zur tragischen Figur.

Von Lutz Kinkel

Natürlich lauert jeder auf den nächsten Lapsus. Und Kurt Beck liefert sie frei Haus. Ein kleines, scheinbar unpolitisches Beispiel: Vergangene Woche besuchte der SPD-Vorsitzende eine Ganztagsschule im pfälzischen Winnweiler. Die Schule hatte sich prächtig herausgeputzt, eine Trommelgruppe spielte auf, Zaubertricks wurden vorgeführt. Beck, erfreut über den warmherzigen Empfang, trat ans Mikro und sprach ein paar Worte. In dieser Schule, sagte Beck, würden Kinder zu Menschen erzogen.

Gekicher unter den Journalisten. Die Becksche Evolutionsbiologie sieht demnach vielleicht so aus: Man kommt als Stofftier zur Welt, mendelt sich zum Kind, wird in der Pfalz zum Menschen erzogen und wächst sich dann - oh Krone der Schöpfung - zum Politiker aus. Eine köstliche Idee. Becks Äußerung könnte man als Bonmot werten. Oder als den tausendsten Beweis für die Tollpatschigkeit des SPD-Vorsitzenden. Für seine miserable Rhetorik. Für die gängige These: Der kann's nicht.

Kriegsentscheidende Eindrücke

Hand aufs Herz: Wie wäre das, wenn Sie oder ich jeden Tag von einem Trupp Journalisten begleitet würden, die jede Regung, jede Miene, jedes Wort, jedes Verdauungsproblem detailliert notieren würden? Natürlich ließe sich mit dem Material allerhand machen. Man könnte dieses oder jenes Bild formen, das eines normalen Menschen und das einer verqueren Gestalt. Jeder trägt beides in sich, beides wäre wahrhaftig. Für einen Politiker jedoch ist kriegsentscheidend, welche Wahrnehmung die Außenstehenden haben.

So war es auch, als am Dienstag die Ticker heiß liefen. "Wenn ich Teil des Problems sein sollte, klebe ich an keinem Stuhl", hatte Kurt Beck vor der Fraktion gesagt. Was wollte er damit zum Ausdruck bringen? "Beck kokettiert mit Rücktritt" titelte stern.de. "Beck deutet Verzicht auf die Kanzlerkandidatur an", schreibt heute die FAZ. Beck sagte noch am selben Abend, er sei von den Agenturen falsch interpretiert worden. Er wolle kämpfen, er wolle weitermachen. So hat es offenbar auch die Berliner SPD-Fraktion verstanden. Demnach war seine Äußerung vor allem eines: unbedacht.

Eigene Leute schießen quer

Hinter der Unbedachtheit steckt ein verwegenes Prinzip, das sich Kurt Beck zu Eigen gemacht hat. Ihm werde oft vorgeworfen, sagte Beck in kleiner Runde, dass er das Berliner Spiel nicht mitspiele. "Nein, ich spiele es nicht mit", bekräftigte er. Also verzichtet der SPD-Vorsitzende weitgehend auf jene Helfertruppen, die Berliner Spitzenpolitiker selbstverständlich in Anspruch nehmen: Stylisten, Redenschreiber, Medienberater, Spindoktoren. Beck will so bleiben wie er ist, authentisch. Er sei mit 59 Jahren ein ausgewachsener Charakter und wolle sich nicht verbiegen. Damit nimmt Beck bewusst in Kauf, dass ihm eine Reihe von Auftritten misslingt. Dass er den falschen Ton anschlägt, die falschen Bilder produziert.

Die Äußerlichkeiten sind allerdings nicht nur Äußerlichkeiten, sie sind mit einer Überzeugung Becks verknüpft. Er ist ein eher konservativer, pragmatischer Sozialdemokrat, der viel auf Anstand, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit hält. Sein Politikstil ist konsensorientiert, er lässt gerne debattieren, um danach die Meinungen in einem Konzept zu vereinigen, das mit seiner Autorität beschlossen wird. Diese Kultur des Umgangs ist zu spüren, wenn man mit ihm auf Reisen ist. Kurt Beck ist kein aggressiver Bullterrier, wie es Gerhard Schröder gewesen ist, sondern ein moderierender Typ. In Mainz funktioniert das prächtig, in Berlin jedoch handeln seine Parteigenossen auf eigene Rechnung. Selbst die Beschlüsse der höchsten Parteigremien halten nur bis zum nächsten Interview. Beck kann seine eigenen Leute kaum bändigen.

Auf den Hund gekommen

Ist die Krise der Partei also allein eine Krise ihres Frontmannes? Auf keinen Fall. Als Beck den Vorsitz übernahm, war die SPD bereits tief gespalten, in Rechte und Linke, in Befürworter und Gegner der Agenda 2010. Schröder hatte das Herz der Partei durchstochen, das Blut gerann zur Linkspartei mit Oskar Lafontaine an der Spitze. Auf der anderen Seite schickte sich die ehemalige Chefreformerin Angela Merkel an, die oberste Sozialdemokratin des Landes zu werden. Beck nahm in der Klemme Platz und konnte nicht einmal eigene Truppen mobilisieren. Wichtige Posten innerhalb der Partei waren bereits verteilt, die SPD-Minister ernannt, die Stühle im Willy-Brandt-Haus, der Parteizentrale, besetzt. Ein Konstruktionsfehler, der nun immer wieder auf Beck zurückschlägt.

Schlussendlich passt nichts zusammen. Die Krise der SPD verlangt nach einem gewieften, charismatischen Machtpolitiker. Beck jedoch will der Berliner Politik eine neue Kultur aufzwingen. Eine Kultur der Authentizität und der Ehrlichkeit. Das geschieht in guter Absicht, es spiegelt sein Verständnis von Demokratie, aber er schmiert damit im Berliner Politikdarwinismus ab. Das zeigt zweierlei: Wie Kurt Beck auf den Hund kommt. Und wie die politische Kultur auf den Hund gekommen ist.

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