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Kretschmann in Mannheim: Auf Bürgertour mit einem Welterklärer

Sein Kabinett steht jetzt, und Winfried Kretschmann wird bald erster grüner Ministerpräsident Deutschlands werden. Sein Vorschuss bei den Menschen in Baden-Württemberg ist riesig.

Von Mathias Becker, Stuttgart

Wenn Politiker die Nähe zum Bürger suchen, kann es schon mal dicke Luft geben. Diese Erfahrung machten die rund 1000 Besucher des Auftritts von Winfried Kretschmann im Mannheimer Gewerkschaftshaus. Nicht, dass es Zoff gegeben hätte - Kretschmann-Gegner hatten von vornherein einen Bogen um die Veranstaltung gemacht. Der Saal war dem Ansturm der Kretschmann-Fans schlicht nicht gewachsen. Die Lüftung schien ebenfalls überfordert. Nach einer Stunde rief endlich jemand: "Fenster auf!"

Der Countdown im Südwesten läuft. Am 12. Mai wählt der Landtag von Baden-Württemberg aller Voraussicht nach den ersten grünen Ministerpräsidenten in der Geschichte der Bundesrepublik. Am Mittwoch stellte Kretschmann und sein Partner Nils Schmid von der SPD ihr Kabinett vor. Es gibt viele Frauen im Kabinett, aber nur eine, Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer, ist in einer Schlüsselposition. Schmid: "Der Fortschritt ist eine Schnecke." Atomgegner und S21-Rebellen im Südwesten sind nichtsdestotrotz noch immer wie trunken vor Freude über diesen Coup, die Umfragewerte für die Grünen in Baden-Württemberg sind noch höher als das Wahlergebnis. Forsa ermittelte im Auftrag des stern für Kretschmanns Grüne 30 Prozent. Schwarze und Gelbe prophezeien derweil bereits den Untergang des Autolandes. Die BILD gießt Benzin ins Feuer und fragt: "Darf Porsche bald nur noch Tretautos bauen?"

Winfried Kretschmann steht mit demonstrativer Gelassenheit in der Brandung. Wenn er sich dieser Tage auf seiner "Bürgertour" die Fragen und Sorgen der Menschen in Stuttgart, Mannheim, Ulm und Konstanz anhört, senkt er das Kinn auf die Brust und lächelt wohlwollend über den Rand seiner Brille hinweg. Dann formt er Sätze, die das Zeug haben, die Welt zu erklären. Langsam, unaufgeregt und - das hat er gelernt in den letzten Jahren - nicht dozentenhaft. "Wir wollen eine Bürgergesellschaft", sagt Kretschmann, "nicht den größten Debattierclub Deutschlands!" Auf seine besonders gewichtigen Worte lässt er Sekunden der Stille folgen, Kunstpausen, in denen sich ihre Wirkung vollständig entfalten kann. Seine großväterliche Art zu sprechen, überdeckt manchmal sogar die Banalität seiner Aussagen - und so erntet er selbst Applaus für Feststellungen wie: "Keine Regierung steht über der Verfassung."

Die Zustimmung, die Winfried Kretschmann von Mannheim bis Konstanz erlebt, ist aber nicht nur das Ergebnis der Art, wie er spricht. Sie kommt auch durch das zustande, was er sagt: Kretschmann verspricht den Baden-Württembergern nicht weniger als einen grundlegenden Wechsel - in der Richtung, in die das Land steuert und in der Art, wie im Land künftig Politik gemacht wird. "Damit es nicht mehr so ist, dass die Lobbygruppen breite Straßen in die Institutionen haben und die Bürgergesellschaft nur schmale Trampelpfade."

Eine Einladung, ihm das Leben schwer zu machen

Das neu eingerichtete Amt einer Staatsrätin für Zivilgesellschaft soll zeigen, dass die künftige Regierung es mit ihrer "Politik des Gehörtwerdens" ernst meint. Wer es besetzen wird, verkündete Kretschmann heute bei der Vorstellung seines Kabinetts im Landtag noch nicht. "Damit es spannend bleibt."

Der Landesfürst in spe weiß, dass seine Bürgerpolitik eine Einladung an die Menschen ist, ihm das Leben schwer zu machen. Etwa wenn die Windräder und Stromtrassen die versprochene Energiewende bringen sollen, aber keiner die Dinger vor der Haustür haben will. "Wenn dieser Streit zivilisiert abläuft", so Kretschmann, "dann ist er die Seele einer modernen Demokratie." Kunstpause. In Momenten wie diesen erschleicht einen das Gefühl, dass die Pläne des ehemaligen Ethiklehrers eines Tages auf der ganzen Welt gefragt sein könnten wie Fischer-Dübel. Applaus.

Unaufgeregt bleibt Kretschmann auch angesichts der Kritik an seinen Äußerungen über die Autoindustrie. Die Wirtschaft sei ja bereits auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit, er wolle das nur beschleunigen. "Es müssen grüne Produktlinien her, die sich am Markt durchsetzen. Das ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts." Kunstpause - die Angst vor den vermeintlich wirtschaftsfeindlichen Grünen hat Zeit sich in Luft aufzulösen. Hier steht einer, der Baden-Württemberg an die Spitze einer weltumspannenden Technik-Revolution führen will. Wieder Applaus.

Alles auf eine Karte bei Stuttgart 21

In der Bildungspolitik will Kretschmann die ideologischen Gräben zuschütten, in der Energiepolitik die Wende herbeiführen und ganz nebenher noch den Schuldenberg abbauen, den seine Vorgänger ihm hinterlassen haben. Wie das gelingen soll, lässt sich kaum ohne das bemerkenswerte Gottvertrauen des Katholiken Kretschmann erklären. Das braucht er beispielsweise bei "Stuttgart 21", wo die Grünen mittlerweile alles auf eine Karte setzen - auf den der Stresstest. Nur wenn der zeigt, dass die Baukosten die 4,5-Milliarden-Marke knacken, können sie das Projekt noch stoppen. Der für Oktober geplante Volksentscheid wird am Quorum scheitern, das ist so gut wie sicher.

Die Zuversicht spielt - genau genommen - aber auch bei Themen wie Bürgergesellschaft, Bildung und Wirtschaft eine Rolle. Denn wer den Bürger in Detailfragen mitreden lässt, muss auch mit den Demagogen fertig werden, die das auf den Plan ruft. Und er muss die Kräfte bindende Aufgabe übernehmen, dem Bürger die Regeln des politischen Geschäfts nahezubringen. Diese Erfahrung macht Kretschmann auf seiner Bürgertour selbst: In Stuttgart wird er gefragt, wie viele Bäume er künftig pflanzen will, in Mannheim aufgefordert, mehr Fahrradwege zu bauen. Dass Städte solche Fragen selbst entscheiden, gehört zu den Lehren, die eine Politik der Beteiligung für ihre Bürger bereithält.

Die Geschichte vom Froschkönig

Und dann sollen ja noch die Ganztagsschulen ausgebaut und die Studiengebühren abgeschafft werden. "Dafür müssen wir", sagt Kretschmann in Mannheim, "die Steuern erhöhen." Doch selbst für diesen Satz erntet er Sympathie, denn ergänzt er ihn um einen weiteren, nicht sonderlich originellen: "Wir haben unseren Wohlstand nur von den künftigen Generationen geliehen." Selbst dafür: Applaus.

Grün-Rot will eine Politik des Wandels an allen Fronten - bleibt die Frage, wie diese finanziert werden soll. Die angekündigte Erhöhung der Grunderwerbssteuer auf fünf Prozent wird nicht reichen, also hilft wohl mal wieder nur die Hoffnung, etwa auf die "demografische Rendite", also die sinkenden Schülerzahlen.

Als der Auftritt von Winfried Kretschmann vorbei ist, machen die Mannheimer ernst mit der neuen Bürgerpolitik, stürmen hinters Rednerpult und rufen dem künftigen Ministerpräsidenten noch schnell zu, was ihnen alles auf dem Herzen liegt. Eine glückliche Wählerin hält ihm eine Buchseite unter die Nase, auf der steht: "Hurra, endlich ein grüner Ministerpräsident!" Kretschmann signiert. Ein anderer Teilnehmer hofft angesichts der Aufgabe, die Grün-Rot bevorsteht, scheinbar auf ein Wunder. Er hat eine Schneekugel mitgebracht, in der ein Froschkönig sitzt. Und aus denen werden ja bekanntlich Prinzen, wenn man sie küsst. Zumindest im Märchen.