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Kultusminister: Länder verhindern Zentralabitur

Die Bildungsminister der Länder haben sich auf ihrer jährlichen Zusammenkunft auf einheitliche Bildungsstandards für das Abitur geeinigt. Damit durchkreuzten die Kultusminister die Pläne von Bundesbildungsministerin Anette Schavan.

Auf ihrer Konferenz in Bonn beschlossen die Kultusminister die Ausweitung der bereits für die Jahrgangsstufen 4, 9 und 10 entwickelten einheitlichen Bildungsstandards für Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen auf die Allgemeine Hochschulreife. Bundesbildungsministerin Anette Schavan (CDU) ist mit ihren Forderungen nach einem Zentralabitur vorerst gescheitert.

Nachdem die Bundesbildungsministerin am vergangenen Wochenende die bundesweite Vereinheitlichung der Abiturprüfungen forderte, hat das hessische Bildungsministerium einen Antrag in dieser Richtung angekündigt. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen lehnte Schavans Pläne ab und schlug im Namen der SPD-Länder vor, die Abiturregeln weiterzuentwickeln und auf diesem Wege einander anzugleichen.

Der einstimmig angenommene Antrag aus Wiesbaden fordert bundesweit einheitliche Standards für die Prüfung zur Hochschulreife, wie sie bereits für die Klassenstufen Vier, Neun und Zehn eingeführt wurden nachdem Deutschland ein katastrophales Ergebnis in der PISA-Studie eingefahren hatte. Dem Vorschlag zufolge sollen in den Fächern Deutsch, Mathematik und den ersten Fremdsprachen Englisch und Französisch ab dem Schuljahr 2010/2011 bundesweit die gleichen Normen gelten. Es gehe hierbei um die Vergleichbarkeit des Abiturs und nicht um eine Vereinheitlichung, wird das hessische Kultusministerium zitiert.

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Unions-Länder zwischen den Stühlen

Doris Ahnen lehnte zuvor in ihrer Funktion als Sprecherin der SPD-Länder den Vorstoß aus dem Bundesbildungsministerium ab. "Ich sehe nicht, dass ein bundesweites Zentralabitur ein Beitrag zur Qualitätssteigerung im Schulsystem ist", sagte die Landesbildungsministerin aus Rheinland-Pfalz. Sie plädierte dafür, die bereits gültigen Abitur-Anforderungen bundesweit weiterzuentwickeln und auf diese Weise mehr Transparenz einzuführen ohne die Gestaltungsmacht der Bundesländer einzuschränken. Dieser Vorschlag war nicht so weit von den Vorstellungen der Unionsländer entfernt. Denn klar und deutlich hat sich bisher noch keines dieser Bundesländer für die Einführung bundesweit einheitlicher Abiturprüfungen ausgesprochen, die dann von Kiel bis Konstanz an ein und demselben Tag stattfinden müssten.

Es gibt zwar in den Reihen der CDU teilweise Überlegungen, dass das Zentralabitur nach einer zunehmenden Standardisierung in den kommenden Jahren langfristig denkbar wird, aber momentan geht es wohl eher um einen Kompromiss zwischen der Mutterpartei im Bund und den Vorstellungen der Länder. Bundesbildungsministerin Annette Schavan hatte sich im Gespräch mit dem "Focus" gewünscht, dass einige Länder erste Schritte Richtung Zentralabitur unternehmen würden, indem sie "vorangehen würden und ein Zeichen für mehr Vergleichbarkeit setzen.". Dieser Schritte wurden nun getan und sind doch kein Erfolg für die Bundesministerin. Schließlich waren sich auch die Länder im Vorfeld einig, dass das Abitur vergleichbarer werden müsse.

Was spricht für ein Zentralabitur?

Das Für und Wider eines Zentralabiturs bleibt vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion umstritten. Das wichtigste Argument der Befürworter ist das der Transparenz. Angesichts der hohen Mobilität in der heutigen Ausbildungs- und Arbeitswelt wäre eine bessere Vergleichbarkeit von Abiturzeugnissen dringend von Nöten. Außerdem wäre nur so ein echter Wettbewerbsföderalismus möglich.

Diesen sehen gerade die Gegner des Zentralabiturs bedroht. Doris Ahnen befürchtet im Falle eines Einheitsabiturs Qualitätsverluste und eine Nivellierung. Der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, begrüßt zwar grundsätzlich eine Annäherung der Abiturstandards, warnt aber auch ein Zentralabitur würde zu einer Angleichung auf mittlerem Niveau führen, bei dem Länder wie Bayern und Baden-Württemberg die Verlierer seien.

Länder fürchten um Bildungshoheit

Nicht zuletzt führen die Kritiker von Annette Schavans Plänen die organisatorischen Schwierigkeiten an, die eine Umstellung auf ein Zentralabitur mit sich brächte. Die Bundesländer haben sehr unterschiedliche Ferienzeiten und auch die Dauer eines Schuljahres schwankt zwischen den einzelnen Ländern erheblich. Hinzu kommt, dass abgesehen von Rheinland-Pfalz, inzwischen alle Länder auf ein Zentralabitur umgestellt haben beziehungsweise im Falle von Schleswig-Holstein die Einführung eines landesweit einheitlichen Abiturs vorbereiten. Die Vereinheitlichung habe damit schon in erheblichem Maße stattgefunden.

Bei aller sachlichen Diskussion um die bildungspolitischen und wirtschaftlichen Vor- und Nachteile einer Vereinheitlichung, ist der föderale Wettstreit zwischen Bund und Ländern um Zuständigkeiten nie zu vernachlässigen. Die Befürchtung vieler Länder, das Zentralabitur sei ein erster Schritt die Gestaltung des Lehrplans an den Bund abzugeben ist präsent bei den Verhandlungen mit der Bundesbildungsministerin Schavan.

Dass die Debatte zwischen den Föderalismusreformen Eins und Zwei geführt wird, ist auf der Suche nach einem Kompromiss nicht gerade hilfreich. Schließlich ist jede Kompetenz, die bei den Ländern verbleibt, auch mit der entsprechenden Finanzhoheit verbunden. Und wenn es um Geld geht versteht bekanntlich niemand Spaß.

sh/DPA/Reuters / DPA / Reuters