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Landtagswahl Bayern: Laptop ohne Lederhose

Heimatliebe in Bayern ist, wenn es CSU-Liebe ist. Dieser Grundsatz bestimmte über Jahrzehnte fest die politische Kultur in Bayern. Doch die Symbiose zwischen Staatspartei und Freistaat bröckelt. Sogar gestandene CSU-Wähler werfen der Partei vor, die Bodenhaftung verloren zu haben.

Von Tobias Lill

Bodenmais/München - So stellt man sich Bayern vor: Ein Traktor knattert die Straße entlang, in der Ferne kann man die Berge sehen. Bodenmais ist ein beschaulicher Kurort mit 3400 Einwohnern im Bayerischen Wald. Doch wer hier das rosafarbene Rathaus besucht, traut seinen Augen kaum. Seit Februar regiert hier mit Michael Adam, erstmals ein 23-jähriger schwuler SPD-Bürgermeister. Und das ausgerechnet in einer Region, in der die CSU lange Zeit ihre absolute Mehrheit beinahe so sicher einfuhr wie der Bauer im Herbst seine Ernte.

"Den Schwarzen gelingt es nicht mehr, das bayerische Lebensgefühl für sich allein zu pachten", sagt Adam, der die Haare sorgfältig zur Igel-Frisur gegelt trägt, im Gespräch mit stern.de. Er weiß, wovon er spricht. Der Student engagiert sich seit Jahren im Vereinsleben: etwa bei den Schützen oder der freiwilligen Feuerwehr. Beim örtlichen Ableger der Lokalpatrioten "Weiß-Blau Königstreu" ist er Kassierer. Und so geriet der dortige Auftritt in Lederhosen im örtlichen Wirtshaus zum Triumph für den bekennenden Schwulen.

Symbiose von Bayern und CSU ist vorbei

Tatsächlich zeigt Bodenmais exemplarisch, wie sehr sich der Freistaat seit dem Tod von Franz Josef Strauß in den vergangenen zwei Jahrzehnten gewandelt hat. So wie es im Ruhrpott keine Selbstverständlichkeit mehr ist, nach dem Schalke-Spiel brav sein Kreuz bei der SPD zu machen, so bilden im Mutterland der Weißwurst Kirchgang und CSU wählen längst keine Symbiose mehr. "Einen Kanzel-Aufruf gegen mich gab es jedenfalls nicht", sagt der engagierte Christ Adam, dessen Sitzungssaal ein Kreuz schmückt.

Kaum ein westdeutsches Bundesland unterlag in den vergangenen Jahren einem solch großen demographischen Wandel. Hohe Wachstumsraten in der Wirtschaft sorgten dafür, dass die Bevölkerung in Bayern seit der Wiedervereinigung um mehr als eine Million Menschen zunahm. Zudem ließen sich allein in den Jahren 2000 bis 2005 rund Hunderttausend Migranten im Freistaat einbürgern. Der Anteil der Katholiken, die weit häufiger als Protestanten Union wählen, an der Gesamtbevölkerung sank in Bayern von 70 Prozent im Jahr 1970 auf 58 Prozent im Jahr 2004. Auch die Erwerbsquote von Frauen stieg an. Doch die Wahlergebnisse des südlichsten Bundeslands spiegelten all diese demographischen Veränderungen lange Zeit nicht wieder. Der Niedergang der Stammwählerschaften der Volksparteien schien nur die SPD zu treffen.

"Laptop und Lederhose" - mit diesem Slogan gelang es den Christsozialen noch in den 90er Jahren, das bayerische Lebensgefühl gleich zu setzen mit dem Empfinden der CSU als Staatspartei. Doch zumindest bei der Lederhose sind diese Zeiten vorbei. "Die gelungene Symbiose von Bayern und der CSU war werbetechnisch ein brillanter Coup. Mit der Realität hat dieses Bild aber kaum etwas zu tun", sagt Alexander Wandinger, Leiter des Trachten-Informations-Zentrums des Bezirks Oberbayern, zu stern.de. Wandingers Arbeitsplatz befindet sich in den ehemaligen Stallungen des malerischen Klosters Benediktbeuern am Fuße der Benediktenwand. Bis in die 50er Jahre seien Trachten die Kleider der Bergarbeiter und Handwerker gewesen. "Und diese Gruppen standen eher der Sozialdemokratie nahe", weiß der vollbärtige Trachtenforscher. Die in den 60er und 70er Jahren entstandene Dominanz der Trachtenvereine durch CSU-Mitglieder sei mittlerweile im Rückgang begriffen. Wandinger sagt: "Das dreht sich zu Gunsten anderer Parteien." Bei vielen Zugezogenen würde die Gleichung "Bayern ist gleich CSU" ohnehin nicht mehr aufgehen.

Massendemo gegen Beckstein und Co.

Dass die Lederhose längst nicht mehr als ideologische Kampfmontur taugt, weiß man auch in den Münchner Trachtenläden. "Es geht den meisten Kunden vor allem darum gut auszusehen", sagt eine Mitarbeiterin eines Geschäfts an der Donnersberger Brücke, bevor sie sich auf einen Hocker hinter einer mit Red-Bull-Dosen gesäumten Ladentheke fallen lässt. Auch in der Augustiner-Gaststätte nahe des Stachus, wo Hirschgeweihe und ein Portrait von Franz Josef Strauß an den Wänden hängen, ist die bayerische Lebenswelt nicht mehr für alle in Ordnung. Ein japanisches Pärchen küsst sich, ein paar Münchner lassen sich ihren Schweinsbraten schmecken. Politik interessiert sie wenig. Nur ein älterer Mann im Innenhof poltert: "Das Rauchverbot in Kneipen passt nicht zum bayerischen Lebensgefühl: Leben und leben lassen. Unter Strauß hätte es das nicht gegeben." Dann pafft er genüsslich weiter.

Derweil wird es nicht weit von der Kaufingerstraße entfernt immer lauter. Unverdrossen schiebt sich eine riesige Menschentraube mit Transparenten und Trillerpfeifen durch die Altstadt. Fünf Dutzend Bürgerinitiativen aus ganz Bayern haben zu einem Protestmarsch gegen einige Großprojekte der Staatsregierung aufgerufen. Als sich der Zug an den Geschäften vorbei in Richtung Odeonsplatz schlängelt, klatschen viele Passanten. Zehntausend Kundgebungsteilnehmer, darunter viele Familien, werden die Veranstalter später zählen.

Einer davon ist Ernst Richter. "Heimatliebe ist nicht mehr gleichzusetzen, mit der Liebe zur CSU", sagt der 82-Jährige. Im Trachtenjanker mit Hirschhornknöpfen ist er aus Freising in die Landeshauptstadt gekommen. Der rüstige Rentner ist Mitglied des Bund Naturschutz und des Vereins zur Förderung des Bayerischen Dialekts. "Wir glauben das Märchen, dass der anständige Bayer auch die Regierungspartei wählen muss, nicht mehr", poltert er. Die CSU habe die Bodenhaftung verloren, versteife sich auf Großprojekte, wie die dritte Flughafenstartbahn oder den Donauausbau, die keiner wolle. Er wirbelt mit den Händen, redet sich in Rage.

"Ministerpräsident Beckstein hat uns bei einer Demonstration gegen die dritte Startbahn als 'Randalierer' dargestellt", ruft er. Ernst Richter ein Randalierer? Er ist noch immer fassungslos. "Ich singe nicht die Internationale und lasse mich nicht von Linken ankarren", sagt er und die Umherstehenden schmunzeln.

Revoluzzer mit Lederhosen

Auf der Bühne kracht derweil die Volksmusik. Stefan Schmidt, dessen Lederhose vom bayerischen Rautenwappen geschmückt wird, zieht ein paar Aufkleber mit dem Titel "Stoppt die dritte Startbahn" aus der Tasche. Der 43-jährige Münchner, der sich im Alpenverein engagiert, prognostiziert: "Die CSU weiß nicht mehr, wie die Bayern denken und fühlen". Er macht eine abwertende Handbewegung. Auch ein junger Mann aus der Nähe von Mühldorf sagt: "Die Verschandelung der Landschaft durch immer mehr Projekte wie die Isartal-Autobahn muss endlich aufhören." Deshalb werde er erstmals nicht die CSU, sondern die Grünen wählen. Viele im Freistaat denken so. Deshalb liegen die Christsozialen in Umfragen knapp unter der 50-Prozent-Marke, während die Grünen auf sensationelle elf Prozent kommen. Und auch den Freien Wählern könnte erstmals der Einzug ins Maximilianeum gelingen.

Es ist nicht das erste Mal, dass heimatverbundene Bayern ihrem Unmut über die Politik der Staatsregierung Luft machen. Trachtler, Sportvereine, Blasmusiker, Umweltschützer – sie alle gingen in den vergangenen Jahren auf die Straße. Vor allem Kürzungspläne unter Stoibers Ägide machten aus konservativen Bürgern mitunter eine resolute Stadtguerilla. Noch in den 90er Jahren wäre dies undenkbar gewesen: Gelang es doch der CSU stets, das in Bayern latent vorhandene Revoluzzer-Potential, wie bei den Biergartendemos, geschickt gegen das ferne Berlin oder Karlsruhe zu lenken.

"Hier wählt fast keiner mehr CSU"

Doch der Mythos, die CSU habe den Chiemsee ausgebuddelt und damit die Alpen aufgeschüttet, ist verflogen. Wie sehr sich die Christsozialen teilweise von den gewandelten Realitäten der bayerischen Lebenskultur entfernt haben, wird etwa im Münchner Westend klar. Vorzeige-Bayer Helmut Fischer alias "Monaco Franze" ging hier in den zahlreichen Kneipen mit seinem Kollegen Manni Kopfeck auf Aufreißtour und ließ sich dafür von der Schickeria als "Vorstadtprolet" verspotten. Bei den Landtagswahlen lag die CSU im Viertel damals oft vor der SPD. "Doch diesmal verliert die CSU" – das glaubt zumindest Antonie Häfele. Und die muss es wissen.

Die Frau um die 40 steht hinter der Theke ihres Zeitschriftenladens, der zwischen schicken Neubauten und alten Backsteingebäuden, liegt. Häfele ist, wie sie sagt, "so eine Art guter Geist im Viertel". Man kennt sie. Die Münchnerin geht oft mit Senioren spazieren oder organisiert für die vielen Migranten im Stadtteil kostenlose Sprachkurse. Die eigentliche Stärke der CSU lag darin, in den Vereinen bei den Ehrenamtlichen um damit jenseits der politischen Inhalte zu punkten. Doch immer öfter funktioniert diese Strategie nicht mehr. "Hier wählt fast keiner mehr CSU", sagt sie, bevor sie einem blond gelockten Transvestiten in Leggins und Rüschenröckchen eine Schachtel Zigaretten über den Ladentisch reicht.

2003 hatten viele im Westend noch für Stoiber gestimmt, um denen da oben in Berlin eines auszuwischen. Doch Beckstein hat diesen Bonus nicht. Im Gegenteil: mehr als jeder zweite Bewohner des Westends hat einen Migrationshintergrund. Anders als in Vierteln wie Neuperlach gibt es hier jedoch kaum Probleme im täglichen Miteinander. Auf den massiven Holztischen des Bürgerheims spielen hier schon mal Deutsche und Türken gemeinsam Karten. "Den Beckstein wählt hier jedenfalls keiner", sagt ein junger Mann.