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Legida-Demonstration in Leipzig Hier marschiert der rechte Mob


60.000 sollten es sein; es kam nur ein Bruchteil: Die zweite Legida-Demonstration muss für die Veranstalter enttäuschend gewesen sein. Und: Besorgte Bürger kamen nur wenige, Rechtsextreme umso mehr.
Von Steffi Hentschke, Leipzig

Eine Szene, die bezeichnend ist für diesen Abend: Jürgen Elsässer, Publizist, Ex-Kommunist und Weltverschwörer, steht auf der Legida-Bühne vor dem Leipziger Opernhaus. Vor ihm schwenkt die Menge ihre Deutschlandfahnen und hält ihre Plakate in die Luft. "Schluss mit Lug und Trug – Mut zur Wahrheit!", steht auf einem, "Wermsdorf grüßt Leipzig" auf einem anderen. Elsässer ist da, um diesen Wütenden eine Stimme zu geben. Er poltert gegen den Staat, das System und benennt all die Probleme, die die Menschen hier umtreiben (Asylbewerber, Nato, und die GEZ). "Und wer hat Schuld?", schreit er. "Merkel!", ruft es, "Amerika!", "Antifa!". Es scheint so viele Schuldige zu geben, dass sich die Masse nicht auf eine Antwort einigen kann.

Leipzig formiert sich zum Widerstand

60.000 Teilnehmer hatte Legida, der Leipziger Ableger der islamfeindlichen Pegida-Bewegung, für seine Demonstration am Mittwoch angekündigt – doch schon mit Beginn der Auftaktkundgebung ist klar, dass sich die Erwartungen der Veranstalter nicht erfüllen werden. Nicht mehr als 5000 Menschen stehen auf dem Augustplatz mitten in der Innenstadt. Sie stehen im Dunkeln, sowohl die Oper als auch das berühmte Gewandhaus direkt gegenüber haben zum Zeichen des Protests ihre Lichter ausgeknippts. Überhaupt hat sich die Stadt zum Widerstand formiert. Um die 20.000 Menschen sind gekommen, sie säumen den Platz, sind in jeder Seitenstraße und jedem Hauseingang. Dazwischen: Polizeiwannen und Hundertschaften. 4400 Polizisten sind es insgesamt. Und die sind bitter nötig.

"Lügenpresse" ruft die erste Reihe der Legida-Anhänger, als sich die Gruppe zu ihrem "Spaziergang" einmal rings um den Platz aufmacht. Dicht davor: Fernsehteams und Fotografen, sie wollen zeigen, was bei dieser Demonstration anders ist. Das sind keine besorgten Bürger oder ängstliche Rentnerinnen, die für ihre Belange auf die Straße gehen. Statt denen laufen hier junge, aggressive Männer – mit eindeutig rechtsextremen Dresscode und eindeutig rechtsextremen Parolen.

"Scheiß Zecken", grölen sie, bauen sich breitbeinig und breitschultrig vor den Gegendemonstranten auf, die schwarzen Kapuzen sind tief ins Gesicht gezogen. All das wollen die Journalisten einfangen, doch damit haben die Männer ein Problem. "Schiebt die weg!", fordern sie. Später wird die "Leipziger Volkszeitung" melden: "50 Angreifer sind aus dem Legida-Block auf die vor dem Demonstrationszug laufenden Presseleute gestürzt. Ein Fotograf wurde zu Boden getreten."

Konfuse Reden statt Dialoge

Was das für Leute sind und was sie fordern, diese Frage wird mit jeder Kreuzung, die Legida passiert, unerheblicher. Hier marschiert vor allem Sachsens rechter Mob. Und der will ganz viel – zum Beispiel, dass die Anwohner, aus deren Fenstern zum stilvollen Protest "Ode an die Freude" tönt, aus dem Fenster springen. Nur eines möchte diese Gruppe sicher nicht: Mit Politik und Öffentlichkeit in den Dialog treten, so wie es Pegida in Dresden ausprobiert hat. Und während dort der Gründer der Bewegung Lutz Bachmann seinen Rücktritt erklärt und Sprecherin Kathrin Oertel sich mit einer Unterlassungsklage vom Leipziger Ableger zu distanzieren versucht, endet die Legida-Veranstaltung wie sie begonnen hat – mit konfusen Reden und unklaren Positionen.

Als Legida-Gründer Jörg Hoyer zum Abschluss des Abends spricht und anschließend die Nationalhymne anstimmt, dauert es, bis die fahnenschwenkende Menge sich beteiligt, selbst dann singen längst nicht alle mit. Größer ist das Interesse an den nebenstehenden Dixi-Toiletten – und an den Gegendemonstranten auf der Straßenseite gegenüber. "Die ham Schiss", sagt ein junger Mann mit Kurzhaarschnitt und roter Bomberjacke zu seinem Nebenmann. "Klar", sagt der, "wir kommen ja wieder."


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