HOME

Loveparade-Folgen in Duisburg: Der Bürgermeister, den die Bürger verachten

Knapp ein Jahr nach der Loveparade-Tragödie sitzt Adolf Sauerland noch immer im Amt. Jetzt wehren sich die Bürger. Es könnte zur ersten Abwahl eines Oberbürgermeisters in Nordrhein-Westfalen kommen.

Von Frank Gerstenberg

Zum ersten Mal in der Geschichte Nordrhein-Westfalens könnte ein Oberbürgermeister direkt abgewählt werden. Duisburger Bürger tragen sich auf Unterschriftenlisten für die Abwahl von Adolf Sauerland ein, den die Menschen in der Ruhrgebietsstadt für die Katastrophe bei der Loveparade am 24. Juli verantwortlich machen. 52.000 Stimmen müssen in den nächsten vier Monaten zusammenkommen, damit es eine offizielle Abstimmung gibt. Tausende waren es bereits in den ersten Tagen. "Unsere Erwartungen sind bislang weit übertroffen worden", sagt Werner Hüsken, der Initiator der Bürgerinitiative "Neuanfang für Duisburg".

Zügig geht die ältere Dame zum Stand mit den Unterschriftenlisten in der Innenstadt: "Gib mal den Stift her", sagt sie im breiten Ruhrpott-Slang. Mit festem Griff setzt die 98-jährige Duisburgerin den Kugelschreiber an, trägt ihren Namen und ihre Adresse ein und unterschreibt schwungvoll. "Seht zu, dass der Typ endlich verschwindet", ruft sie den Initiatoren um Werner Hüsken (59) nach. Wer in diesen Tagen durch Duisburg geht, erlebt Basisdemokratie pur. Mehr "Bürgerbegehren" kann nicht sein als jenes, Oberbürgermeister Adolf Sauerland (56, CDU) abzuwählen. Selten war eine so tiefe kollektive Ablehnung gegen einen Politiker zu spüren.

Den Ruf der Stadt ruiniert

Ein Jahr nach der Loveparade mit 21 Toten und über 500 Verletzten ist die Stadt wie paralysiert. Fassungslosigkeit, Wut und Trauer herrschen nach unter den Bürgern. Im Mittelpunkt der Kritik: Adolf Sauerland. "Ich hätte mir gewünscht, dass er von sich aus zurücktritt", sagt Kornelia Hendrix, die sich mit der Bürgerinitiative "Never forget" für den Erhalt der Treppe und des Turmes am Loveparade-Gelände als Gedenkstätte einsetzt. Die Duisburger werfen Sauerland vor, am Sessel zu kleben und bis heute kein Wort der Entschuldigung gefunden zu haben. "Er hat alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte", sagt Helmut Bender (71). Der Duisburger will, dass Sauerland geht, "damit die Stadt zur Ruhe kommt und endlich jemand die passenden Worte für die Katastrophe findet.

"Wir waren so stolz auf diese Stadt", sagt Dirk Schales (43). "Der neue Innenhafen, der Freihafen, das City-Palais, das Stadion, die Stadt entwickelte sich von der grauen Maus zur liebenswerten Großstadt." Bei der Loveparade war Schales mittendrin. Gegen 16 Uhr war es am 24. Juli 2010, als die Katastrophe ihren Lauf nahm. Die heiter-schwüle Stimmung der Techno-Party kippte am Fuß der Rampe in Panik und Todesangst um. Schales stand mit seiner Freundin nur wenige Meter von der Treppe entfernt, an der 21 Menschen starben. "Ich sehe die Todesangst in den Gesichtern noch heute, das werde ich nie vergessen." Wie durch ein Wunder entkam er unverletzt.

Der Speditionskaufmann ist Duisburger mit Leib und Seele. Seine E-Mail-Adresse lautet zebra-68. Die Zebras, der Duisburger Fußballverein, seien wie die Stadt: "Ehrlich, offen, mit dem Herzen dabei, korrekt." All das sei Adolf Sauerland nicht. Schales formuliert einen Satz, der die Stimmung der Duisburger im Kern trifft: "Dieser Mann ist nicht Duisburg."

Niemand will sich in Duisburg mit dem Stadtoberhaupt sehen lassen. Niemand sieht in dem 56-jährigen CDU-Politiker allerdings den Alleinschuldigen. "Aber einer muss sich doch vor die Bürger stellen und die Verantwortung übernehmen. Dazu ist er ja Oberbürgermeister. Wenn alles gut gegangen wäre, hätte er sich ja auch feiern lassen", sagt Joachim Stobbe (74). Wenn Sauerland sofort zurückgetreten wäre, da ist sich Stobbe sicher, hätte der OB mit Achtung anstatt wie jetzt mit Verachtung rechnen können.

Letzten Rest an Glaubwürdigkeit verspielt

So wie der gebürtige Duisburger sehen es viele: Sauerland sei nicht an dem Unglück gescheitert, sondern an seinem Verhalten.

Für Dirk Schales gibt es eine Schlüsselszene, mit der Sauerland seine Glaubwürdigkeit ruiniert hat: Der OB sollte am 19. September 2010 den Weltkindertag in Duisburg eröffnen. "Wir dachten, das kann nicht wahr sein. Kurz vorher sterben 21 junge Leute, und er will den Weltkindertag eröffnen." Schales fuhr mit Freunden zum Innenhafen, um zu protestieren. "Plötzlich hieß es, Sauerland sei überraschend krank geworden." Gleichzeitig lief im Hafen eine Wahl-Veranstaltung mit Norbert Röttgen. Schales wollte mit dem damaligen Kandidaten für den CDU-Landesvorsitz über Sauerland sprechen. Für die Wahl-Veranstaltung sei Sauerland wieder fit gewesen.

Seit diesem Moment "war das Thema durch", sagt Schales. Er gründete die Bürgerinitiative "Duisburg 21" und reiste dem Duisburger OB zu seinen – wenigen - öffentlichen Auftritten nach. Ob in Hamborn, Grossenbaum oder Bissingheim: Sobald Sauerland einen Kindergarten einweihen oder eine Rede halten wollte - Schales und seine Leute waren schon da und pfiffen ihn mit Trillerpfeifen gnadenlos aus.

"Eine Entschuldigung hätte ihm nicht weh getan", sagt Herbert Witowski. Sauerland schaffte es nicht. "Bis heute hat er uns nicht kondoliert", sagen Ewa und Andreas Kozok, die bei dem Unglück ihre 25-jährige Tochter Anna, Mutter eines vierjährigen Sohnes, verloren haben. Angeblich hatte der OB die Adressen der Opfer nicht. "Sauerland liegt wie Mehltau über der Stadt. Mit ihm kann es keinen Neuanfang geben", so Juliana Witowski, die ihren Namen auf die Unterschriftenliste setzt.

Letzte Chance für Duisburg

Werner Hüsken hatte am Abend der Loveparade Nachtdienst. Der bärtige, zwei Meter große Krankenpfleger sah die Bilder von der Katastrophe im Fernsehen. Einen Tag später forderte er den OB schriftlich auf, die Konsequenzen aus dem Desaster zu ziehen und zurückzutreten. Mit einem Klemmbrett ging Hüsken am Montag nach der Loveparade in den Tunnel an der Karl-Lehr-Straße und sammelte Unterschriften für die Abwahl des OB. Zehntausend hatte er in kurzer Zeit zusammen.

Doch der Antrag auf Abwahl scheiterte im vorigen Herbst an der Zwei-Drittel-Mehrheit im Duisburger Stadtrat. Doch NRW hat seit dem 4. Juni 2011 eine neue Gemeindeordnung: Ein Bürgermeister kann jetzt direkt von den Bürgern abgewählt werden, wenn mindestens 25 Prozent der Wahlberechtigten für seine Abwahl stimmen. Bei rund 370.000 Wahlberechtigten in Duisburg müssen rund 92.000 Bürger gegen Sauerland stimmen. Damit es überhaupt zu einer offiziellen Wahl kommt, müssen zuvor 52.000 Unterschriften zusammenkommen. Initiator Werner Hüsken ist felsenfest davon überzeugt, dass ihm und seinen Mitstreitern dies in den kommenden vier Monaten gelingen wird.

Tatsächlich stehen die Leute zeitweise in Viererreihen hinter dem schmalen Stand in der Fußgängerzone der Königstraße. "Endlich haben wir euch gefunden", rufen einige, als seien die letzten Schnäppchen am Wühltisch bei Woolworth zu ergattern.