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Ludwigshafen: "Ein Nest von Neonazis"

Die Brandkatastrophe in Ludwigshafen löst Angst und Misstrauen aus. Während der türkische Ministerpräsident Erdogan die Brandruine besucht, schreibt die türkische Presse, dass der Anschlag durch ausländische Extremisten verübt worden sein könnte. Im Interview mit stern.de erklärt "Hürriyet"-Journalist Ahmet Külahçi, warum.

Herr Külahçi, könnte der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan in Ludwigshafen eine Art von Retourkutsche sein? Damals hatte sich die deutsche Regierung sehr deutlich in den Fall Marco eingemischt.

Das ist eine unhaltbare Interpretation. Es liegen überhaupt keine innenpolitischen Motive vor. Hier ist eine Tragödie passiert, neun Menschen haben ihr Leben verloren. Erdogan will wahrscheinlich in Ludwigshafen seine Anteilnahme übermitteln, seine Betroffenheit demonstrieren.

Er wollte sowieso nach Deutschland kommen: In Berlin trifft er am Freitagvormittag die Kanzlerin, in München wird er die Sicherheitskonferenz eröffnen, in Köln ist er auf einer anderen Veranstaltung eingeladen. Er hat lediglich sein Besuchsprogramm um ein paar Stunden nach vorne gezogen.

Die türkische Presse schreibt, dass der Anschlag durch ausländische Extremisten verübt worden sein könnte. Die Berichte sind mit Hakenkreuz-Symbolen illustriert. Lehnt sich die türkische Presse da nicht zu weit aus dem Fenster?

Wir wollen niemanden etwas unterstellen. Wir haben nur darauf hingewiesen, dass nicht einfach behauptet werden sollte - obwohl die Ursache noch nicht feststeht - Hinweise auf einen fremdenfeindlichen Anschlag gebe es nicht. Und genau das ist geschehen. Die Ermittlungen in Ludwigshafen hatten noch gar nicht begonnen, da wurde schon lauthals von manchen deutschen Politikern verkündet: Es gibt keinen ausländerfeindlichen Hintergrund. Wir wollen, dass man bis zur endgültigen Klärung der Dinge alle Möglichkeiten offen hält.

Die "Hürriyet" hat aber geschrieben, Ludwigshafen sei ein "Nest von Neonazis".

Es ist kein Geheimnis, dass die Fremdenfeindlichkeit in dieser Stadt ein Problem ist. Es gibt sogar eine Resolution des Stadtrates, die das Thema behandelt. Die Menschen dort waren schon vor diesem Vorfall beunruhigt. In der Stadt finden Sie zahlreiche Symbole wie Hakenkreuze die ihre eigenen Geschichten erzählen. Darauf bezog sich unsere Feststellung, Ludwigshafen sei ein "Nest von Neonazis". Die türkische Presse - und da spreche ich jetzt sicher stellvertretend für alle - hat kein Interesse daran, die Bevölkerung zu beunruhigen - weder die türkische noch die deutsche.

Was haben Sie Ihren Lesern denn sonst noch in diesem Zusammenhang mitgeteilt?

Wir haben zur Besonnenheit aufgerufen. Es dürfen jetzt keine Vorurteile und Unruhe entstehen. Bei den Feuerwehrleuten und bei der Polizei haben wir uns für ihren Einsatz in unserer Europaausgabe bedankt.

Bei den Bildern von Ludwigshafen denkt mancher sicherlich auch an die Vorfälle in Mölln und Solingen. Zu Recht?

Daraus Parallelen zu ziehen, damit muss man sehr behutsam umgehen. Natürlich gibt es Assoziationen, natürlich denkt man an die Geschehnisse von damals. Aber wir müssen geduldig sein und abwarten, was bei den Ermittlungen herauskommt. Wir dürfen noch keine Debatte führen, bevor wir nicht wissen, was dahinter steht.

Die Todesopfer gehörten den Aleviten an, einer liberal-islamischen Glaubensgemeinschaft, die in der Türkei offiziell nicht anerkannt wird. Das wird in der türkischen Presse nicht erwähnt. Mit Absicht?

Was hat das denn damit zu tun? Das hat nun wirklich gar nichts mit diesem Vorfall zu tun. Neun Menschen sind tot. Das ist das Drama.

Interview: Stefanie Zenke