Margot Käßmann und der Alkohol Die schwere Krise der Bischöfin


Die Alkohol-Affäre trifft Margot Käßmann ins Mark. Profil gewann sie bislang dadurch, dass sie auch schwere Krisen mit hoher Glaubwürdigkeit bewältigte - diese ist jetzt gefährdet.
Von Florian Güßgen

Es ist nicht lange her, dass Margot Käßmann eine Flut von Schlagzeilen ausgelöst hat. "Nichts ist gut in Afghanistan", sagte sie in ihrer Neujahrspredigt in der Dresdner Frauenkirche. Darf sie das, hieß es damals? Ihren Kritikern erschien Käßmann wie eine Jeanne d'Arc der Gutmenschen: Naiv. Idealistisch. Weltfremd. Ihre Anhänger applaudierten ihrer Aufrichtigkeit, ihrem Mut. Sie selbst setzte sich zur Wehr. Erklärte. Erläuterte. Verteidigte. Bei "Beckmann", in unzähligen Interviews. Mit durchgedrücktem Kreuz focht sie für ihre Haltung, focht für eine kritische Kirche, focht für das, was sie für richtig hält - für das, was ihrer Meinung nach gesagt werden muss, weil es wahr ist.

Darf sie das? Um diese Frage geht es diesmal nicht. Zu offensichtlich ist eine Grenze überschritten, wenn ein Erwachsener sich mit 1,54 Promille Alkohol im Blut ans Steuer setzt. Natürlich darf sie das nicht! Es ist eine Affäre: Wo gibt's denn so etwas: Eine Bischöfin, eine EKD-Ratsvorsitzende gar, Vertreterin von 26 Millionen Protestanten im Lande, die wie eine x-beliebige betrunken Auto fährt, die über eine rote Ampel braust. Es hätte viel passieren können in dieser Nacht zum Sonntag. Ein Unfall. Verletzte. Tote. Was Margot Käßmann da getan hat, war verantwortungslos, weil sie die Gefährdung anderer in Kauf genommen hat.

Diese Affäre rüttelt an ihrem Selbstverständnis

Nur: Was folgt daraus? Was kommt jetzt? Es ist ein Leichtes, Käßmann nun mit Häme zu überschütten, mit den Widersprüchen zwischen öffentlichem Bekenntnis und privatem Verhalten, zwischen Wasser und, im wahrsten Sinne des Wortes, Wein. Es ist auch ein Leichtes, sich nun an der Spekulation über das Warum zu ergötzen: Warum hat sie an jenem Abend getrunken? Hat sie dem Druck der vergangenen Wochen nicht standgehalten? Was für Probleme hat diese Frau?

Es liegt an Käßmann selbst zu entscheiden, was sie der Öffentlichkeit wann erzählt, was sie berichtet, erklärt, wie sie ihr Verhalten rechtfertigt - ob sie meint, im Amt bleiben zu können. Sicher aber ist: Diese Fahrt, dieser Fall, muss ihr Selbstverständnis ins Mark treffen. Denn so offenherzig und offensiv sie auch mit privaten Schicksalsschlägen wie ihrer Scheidung und ihrer Brustkrebserkrankung umgegangen ist, so sehr sie auch mit vermeintlichen Schwächen oder Schwächungen nach außen getreten ist, so anders ist doch diese Sache. Bislang hat Margot Käßmann aus einem Bewusstsein der Verantwortung gehandelt - und ihr Handeln mit Verantwortung gerechtfertigt. Jetzt hat sie vor aller Augen verantwortungslos gehandelt.

Ihren Weg auf der Karriereleiter der evangelischen Kirche hat Käßmann dabei beharrlich und zielstrebig verfolgt. Immer war sie eine der jüngsten, eine der ersten, eine der besten. Aufgewachsen ist sie, die Tochter eines Kfz-Schlossers, im hessischen Marburg. Nach ihrem Theologiestudium wurde sie 1983 im kanadischen Vancouver als Jugenddelegierte der EKD zum jüngsten Mitglied des Zentralausschusses des Ökumenischen Rats der Kirchen gewählt. Als Pfarrerin, 1985 ordiniert, arbeitete sie im Schwalm-Eder-Kreis, bevor sie in den neunziger Jahren zur Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentags avancierte. 1999, mit gerade 41 Jahren, wurde sie zur Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Hannover gewählt - erst als zweite Frau in Deutschland überhaupt. Im Oktober 2009 folgte der Schritt in das Spitzenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die Wahl zur Vorsitzenden des Rates. Sie ist die erste Frau in diesem Amt.

Als Karrieristin geht sie nicht durch

Aber dennoch, trotz dieses Bilderbuchlebenslaufs: Als Karrieristin kann Käßmann nicht gelten. Denn ihr selbstbewusster Auftritt wurde stets auch flankiert von dem Anschein von Verwundbarkeit, Verletzlichkeit. So war das, als sie vor rund vier Jahren öffentlich erklärte, dass sie an Brustkrebs erkrankt sei, so war das, als sie kurze Zeit später bekannt gab, dass sie sich von ihrem Ehemann trennen wolle. Trotz der vier gemeinsamen Töchter, trotz der 26 gemeinsamen Ehejahre. Immer wollte sie im Amt bleiben. Immer durfte sie im Amt bleiben, denn diese Bekenntnisse haben ihr nicht geschadet. Im Gegenteil. Sie haben ihr Authentizität, Glaubwürdigkeit verliehen. Hier war jemand, der das echte Leben kannte, Krankheiten, Beziehungsprobleme. Auch im Januar, als Käßmann in der Afghanistan-Debatte kritisiert wurde, offenbarte sie diese Verletzlichkeit. "Sie knallen auf mich", sagte sie einer Journalistin der "Süddeutschen Zeitung". Und konnte bei all den Auftritten, die es im Januar gab, nicht verhehlen, wie sehr sie die Kritik persönlich traf.

Auch jetzt steht eine sehr persönliche Entscheidung an. Über Käßmanns Befindlichkeit nach Bekanntwerden der Alkohol-Affäre kann nur spekuliert werden. Sie hat vorerst alle Termine abgesagt. Vielleicht um darüber nachzudenken, ob eine Trunkenheitsfahrt eine verzeihbare Schwäche ist, die auch eine Bischöfin möglicherweise menschlich macht, glaubwürdig. Oder ob eine Fahrt im alkoholisierten Zustand ein Fehler ist, der ihre Glaubwürdigkeit so sehr beschädigt, dass sie nicht mehr im Amt bleiben kann.

Eins ist dabei sicher: Die Autofahrt vom Samstag stellt Margot Käßmann in Frage wie keine ihrer öffentlich debattierten Krisen zuvor.


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