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Spurensuche in Würselen: Wo #Gottkanzler Martin Schulz ganz normal ist

Martin Schulz hat die SPD aus dem Dauertief geholt. Mit ihm rückt auch die Heimatstadt des Kanzlerkandidaten ins Interesse der Öffentlichkeit. Auf Würselen ist Martin Schulz stolz. Noch stolzer sind die Würselener auf ihn. Fast alle.

Martin-Schulz-Foto auf dem Trikot des Fußballverein SV Rhenania Würselen

Martin Schulz trug einst bei Rhenania Würselen das Trikot mit der Nummer 2 - so wie "Terrier" Berti Vogts bei Borussia Mönchengladbach und der Nationalelf.

Würselen. Das klingt wie ein deutsches Wort, das sich jemand ausgedacht hat, der kein Deutsch spricht. Wie eine Mischung aus Wirsing, Würstchen und wurschteln; alles sehr deutsche, bodenständige Dinge. Oder wie ein Kneipenspiel, bei dem Stammtischkumpel reihum mit dem Knobelbecher würfeln. Und jetzt kommt auch noch der Kanzlerkandidat aus Würselen, der mit der super-bodenständig deutschen sozialdemokratischen Aufsteigerbiografie: Polizistensohn, dann Fußballtalent, dann Alkoholiker, dann Buchhändler, dann Bürgermeister, dann die ganz große politische Karriere, jetzt höhere Beliebtheitswerte als die Angela Merkel.

Würselen, der Prototyp Deutschlands, tief im Westen, knapp 40.000 Einwohner, von Aachen nur durch die A4 Richtung Köln getrennt. Journalisten aus allen Ecken des Landes machen sich auf, um sich dort auf Spurensuche zu begeben, auf dass sie den Kanzlerkandidaten, aber vor allem die deutsche Seele, verstehen.

Martin Schulz zwischen Papst und Dalai Lama

Erste Station: Martin Schulz‘ alter Buchladen in der Kaiserstraße, den er 1982 gegründet und 1994 wieder verkauft hat. Seit Ende Januar schauen hier ständig Reporter vorbei und versuchen, anhand von Analysen der Einrichtung, des Sortiments und durch Gespräche mit Kunden und der heutigen Besitzerin ein Psychogramm des Kanzlerkandidaten zu erstellen. Aha, da direkt rechts neben dem Eingang liegt im Regal die Biografie über Martin Schulz, die im Oktober erschienen ist. Direkt links daneben: ein Buch über den Papst! Rechts daneben: der Dalai Lama!

Aussagekräftiger geht‘s ja wohl kaum. Martin Schulz, der Gottkanzler – passenderweise machen unter diesem Schlagwort gerade sehr viele Menschen im Internet Witze über den, der die Sozialdemokratie, das Land, die Welt retten soll.

Viel Bohei um nichts?

Welche Hinweise liefert die Buchhandlung noch für die aufmerksamen Reporter? An der Kasse liegt das Buch: "Nicht im Stehen! Cartoons fürs Klo". Sitzpinkeln, sehr deutsch, sozialdemokratisch, natürlich auch als Gegenentwurf zu Trump zu interpretieren. Weitersuchen: Kühlschrankmagneten in der Geschenkartikel-Ecke: "Vööl Behäi öm nüüß!“ steht da auf Aachener Platt. Das muss man sich von der Buchhändlerin übersetzen lassen: Viel Bohei um nichts, "also das, was hier gerade los ist".

dbate-Interview mit SPD-Kanzlerkandidaten: Martin Schulz: "Ich kenne das Leben auch von unten"


Die Buchhändlerin hat den Presserummel der letzten Tage über. Die plötzliche Öffentlichkeit ist ihre Sache nicht. Sie spricht zwar über Martin Schulz beziehungsweise "den Marchtin", den sie schon ewig kennt. Aber zitiert werden möchte sie nicht. Eins darf man wohl trotzdem verraten: Das Wort, das sie am häufigsten benutzt, wenn man sie fragt, wie er denn so ist, der Kanzlerkandidat, wie so seine Lesevorlieben sind, wie er sich so gibt, wenn er bei ihr einkauft, lautet: normal. Ganz normal halt.

Gyros, Salat, komplett mit Zazicki

Zweite Station: Der Imbiss gegenüber der Buchhandlung. "Nikolaus Grill" heißt er, auf der Karte stehen Gyros, Pommes und "Döner Hawaii", und der Kurdisch stämmige Besitzer hat die Reporterin hinein gewinkt, denn er möchte gern sagen, dass Martin Schulz "ein guter Mann" sei, die ganze Familie Schulz seien "gute Leute". Schon sieht man die journalistische Ausgewogenheit der Recherche in Gefahr, man kann ja schließlich nicht nur Schulz-Fans befragen, aber da widerspricht zum Glück einer der Gäste vehement. "Ein Wichtigtuer" sei der ehemalige Bürgermeister Schulz, "der kostet uns heute noch Geld". Der Hauptkritikpunkt des Mannes, der eine blaugetönte Brille trägt und eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Ex-Fußballmanager Rudi Assauer aufweist, besteht darin, dass unter Schulz‘ Amtszeit das Würselener Freibad ("Das schönste Freibad zwischen hier und Köln!") durch ein Spaßhallenbad ersetzt wurde. "Das ist nur einer der Korken, die der hier gebracht hat", sagt der Mann.

Eine andere Kundin möchte lieber endlich ihre bestellten Pommes haben, statt über Politik zu diskutieren. Kurze Frage noch an den Imbissbesitzer: Was isst er denn hier so, der Martin Schulz? "Gyros, Salat, komplett mit Zaziki. Und manchmal kommt er mit dem Fahrrad!“ Gyros, natürlich, nicht Döner, Martin Schulz bleibt auch im Imbiss politisch und aufseiten der EU. Und das Fahrrad: sehr sozialdemokratisch. Die Pommeskundin wirft ein, dass "der Graf“, der Sänger der Band Unheilig, auch schon mal im Imbiss war.

Blick auf die Stadt Würselen

Eine Kleinstadt wie sie im Buche steht: Würselen ist die Heimat von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und liegt direkt an der Stadtgrenze von Aachen.


"Schulze Tin" - einer wie Berti Vogts

Martin Schulz, 1988 mit der Amtskette des Bürgermeisters von Würselen

Politik von der Pike auf: Martin Schulz, 1988 als Bürgermeister der Stadt Würselen.

Dritte Station: Fußballplatz, SV Rhenania Würselen, wo Martin Schulz, so sagt es die Legende, fast mal Fußballprofi geworden wäre, hätte es nicht eine Meniskusverletzung verhindert. Vor dem Fußballplatz steht ein grüner Polo, darin sitzt der Geschäftsführer des Vereins. Er freut sich über die zufällig aufgetauchte Reporterin, denn gleich komme auch noch ein ehemaliger Teamkamerad von Martin Schulz. Eigentlich sollte der einer Münchner Tageszeitung ein Interview geben, aber die hätten gerade abgesagt und jetzt würde der Teamkamerad völlig umsonst herkommen, "oder wollen Sie mit ihm reden?" Würselen nach Verkündung der Kanzler-Kandidatur: Wo suchende Anekdoten-Erzähler und suchende Journalisten schnell zueinander finden. 

Der Teamkamerad ist ein alter Kindheitsfreund von Martin Schulz, Anfang der 1970er-Jahre hatten sie gemeinsam ihre große Zeit in der B- und A-Jugend des SV Rhenania. "Der Schulze Tin", linker Außenverteidiger, hätte wirklich Profi-Fußballer werden können, das ist seinem alten Teamkameraden wichtig. "Er war kein Jahrhunderttalent, aber ein großer Mannschaftssportler. Wie ein Berti Vogts." Klingt auch sozialdemokratisch, irgendwie, und wenn man jetzt mehr Ahnung von Fußball hätte als die Reporterin, könnte man jetzt analysieren ob "ein Berti Vogts" für Kanzler-taugliche Fähigkeiten steht.

Schulz drauf schreiben, alles retten

Am Ende des Gesprächs fragt der Geschäftsführer, ob man noch schreiben könnte, dass der Fußballplatz, der in der Würselener Ortsmitte liegt, von Bebauungsplänen bedroht sei. "Wir haben schon überlegt, ihn noch schnell Martin-Schulz-Arena zu nennen, denn dann würde sich wohl keiner trauen, den Platz abzureißen", scherzt der Geschäftsführer. Eine schöne Utopie: Einfach überall Martin Schulz drauf schreiben und alles ist gerettet. So groß sind die Hoffnungen auf den Kandidaten in der Martin-Schulz-Stadt Würselen.