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"Make Europe Great Again": Ein "Schulzzug" rollt zum Kanzleramt – ist das nur Spaß oder schon Wahlkampf?

Die User auf Reddit haben sich entschieden: Martin Schulz soll neuer Bundeskanzler werden. Der SPD-Kandidat wird in zahlreichen Memes gefeiert. Ist das nur eine lustige Spielerei oder tatsächlich schon Wahlkampf?

Martin Schulz in Anlehnung an berühmte Obama-Poster

Das Bild kommt uns doch bekannt vor: Martin Schulz wird schon als neuer Obama gefeiert

Spätestens seit dem vergangenen Wochenende ist Martin Schulz der neue große Hoffnungsträger der Sozialdemokratie in Deutschland. Nachdem Sigmar Gabriel exklusiv im stern-Interview verkündet hatte, auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten, nominierte der SPD-Parteivorstand Schulz am Sonntag als Vorsitzenden und Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl. Und nicht nur das – auch im Internet ist der lange so unscheinbare Martin Schulz zum Star aufgestiegen.

Martin Schulz – der Obama des deutschen Wahlkampfs

Auf den Plattformen Reddit und Twitter, quasi der Kreativabteilung des Netzes, wird dem Politiker gehuldigt wie zuletzt wahrscheinlich Barack Obama. In dem Unterforum "the_schulz" feiern die User den SPD-Kandidaten mit allerlei Memes – also Bildern, die mit lustigen Unterschriften versehen sind und sich schnell im Internet verbreiten. Das zentrale Motiv: MEGA – Make Europe Great Again. Das passt zu Schulz' bisheriger Position als Präsident des Europäischen Parlaments und ist natürlich gleichzeitig als unverhohlener Seitenhieb auf Donald Trump zu verstehen.


Überhaupt versteht sich "the_schulz" als Gegenentwurf zum US-Präsidenten und seiner Politik. Systematisch werden Begriffe und Motive aufgegriffen, die schon Trump in seinem Wahlkampf verwendet hatte, und auf Schulz angewendet – einen Kandidaten, der für eine Politik der Einigung steht und seine Abneigung gegen Trumps Ansichten nicht erst seit Bekanntwerden seiner Kandidatur zum Ausdruck gebracht hat. 

Es rollt ein "Schulzzug" Richtung Kanzleramt

Allein schon der Name des Threads auf Reddit spielt auf "The_Donald" an, ein Forum, in dem vor der US-Wahl Pro-Trump-Memes gesammelt worden waren. Auch greifen Schulz' Anhänger den "Trump Train" auf. Bei der SPD heißt das dann "Schulzzug", mit dem Kanzlerkandidaten als "Lokführer".

Martin-Schulz-Meme: Ein Zug rollt nach Berlin


Martin-Schulz-Meme: We will build bridges so good it will blow your mind

Der Weg ins Kanzleramt ist für Schulz nach Ansicht seiner Unterstützer schon vorgezeichnet, denn einen besseren Kandidaten kann es schlicht nicht geben. Sogar ein "Schulzzuglied", eine Abwandlung des Steigerlieds, kursiert im Netz. Textprobe: "Lasst uns Brücken bauen und dann geht es los, das ist megageil, megageil."



Memes als Instrument im modernen Wahlkampf?

Aber ist das nur eine kreative Spielerei oder schon handfester Wahlkampf? Wie sich die Schulz-Memes letztlich auf die Bundestagswahl auswirken, ist noch nicht abzusehen. Noch spielt sich das alles in einer sehr kleinen Nische der Öffentlichkeit ab, die breite Wählerschaft wird wohl nicht damit in Berührung kommen. Neu ist der Trend in Deutschland, in den USA aber tobten sich die Internetnutzer bereits aus und prägten damit auch das Bild der Kandidaten – zumindest in der Social-Media-Blase, in der solche Inhalte schnell eine Eigendynamik entfalten können. 


Doch auch hierzulande versuchen die Parteien längst, auch das zumeist junge Publikum in den sozialen Netzwerken abzuholen. Die SPD beispielsweise verwendet dafür aktuell den Hashtag #zeitfuermartin auf Twitter. Der Erfolg ist noch recht überschaubar, da kommen die Memes der User durchaus passend.

Merkel bekam nur #Neuland-Häme

Auffällig ist zudem: Schulz hat seine Konkurrentin Angela Merkel nicht nur in den Beliebtheitsumfragen schon eingeholt, im Internet ist er der Bundeskanzlerin weit voraus. Das virale Potenzial von Politikern der Merkel-Regierung beschränkte sich bisher eher auf Häme, zum Beispiel als es um Merkels #Neuland-Spruch oder die Englischkenntnisse von Guido Westerwelle oder Günther Oettinger ging.

Es wird interessant sein zu beobachten, ob die Genossen auf den "Schulzzug" aufspringen.