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stern-Reportage

Martin Schulz im Wahlkampf: Der durch die Hölle geht

Einmal Messias und zurück: Martin Schulz leidet an sich, der SPD und dem aussichtslosen Rennen ums Kanzleramt. Eine Nahkampfbeobachtung.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz

So, dem Kandidaten erst mal tief in die Augen schauen. Ob er überhaupt noch lebt. Er gilt ja als Todgeweihter. Erledigt durch die Frau, nach deren Amt er greift. Erstickt mit der Watte, in die sie sich hüllt. Seine Augen sind wach. Die Augenbrauen tanzen. Er lächelt. Alles okay so weit.

Martin Schulz sitzt im Frühstücksraum des Steigenberger Hotels in Leipzig. Er bestellt Kaffee und stilles Wasser. Sein weißes Hemd leuchtet. Man sieht ihm nicht an, dass er nur ein paar Stunden geschlafen hat. Es ist kurz vor neun. Seit sieben hängt er am Telefon. Sein Wahlkampfchef, seine Stellvertreter, sein Sprecher, die Ministerpräsidenten, alle wollen sie was von ihm. Er ist schon auf Betriebstemperatur. "Ich lese jeden Morgen die Zeitungen. Da steigt gleich mein Adrenalinspiegel."

Martin Schulz und sein Rennen ums Kanzleramt

Der Wahlkampf steht niemals still, selbst in Paris nicht, wo Martin Schulz Frankreichs Präsidenten besucht


Wenn der Wind am stärksten tobt, muss der Kapitän stehen

Schulz ist ein empfindsamer Mann. Nicht so abgeklärt wie seine Kontrahentin. Er lässt alles an sich heran: seine desolate Lage, die Häme, die öffentliche Meinung, die den Wahlsieg der Kanzlerin prophezeit wie ein Naturereignis. Kein Gewinnerthema in Sicht, kein Elbehochwasser, nicht mal ein Nordkoreakrieg zum Neinsagen steht Schulz zur Verfügung. Anfang August, auf einem Grillfest, erzählte er freimütig, was er denke, wenn er die schlechten SPD-Zahlen lese: "Was für eine Scheiße!"

Er kämpft trotzdem. Bewahrt Haltung. Versucht, seine emotionalen Aufwallungen im Zaum zu halten. Er hat sich inzwischen Rührei mit Speck zum Frühstück kommen lassen. "Es geht hier nicht um meine eigenen Befindlichkeiten", sagt er. "Es geht um die Partei." Ihr den Mittelfinger zu zeigen wie Peer Steinbrück? Niemals. "Ich halte mich an das Gebot der christlichen Seefahrt: Wenn der Wind am stärksten tobt, muss der Kapitän stehen. Und ich stehe."

Bundestagswahl 2017: Martin Schulz auf Wahlkampftour
Martin Schulz und sein Rennen ums Kanzleramt

Martin Schulz führt seit über 35 Jahren Tagebuch. Seit seinem Alkoholentzug schreibt er jeden Abend eine Seite in einen schwarzen Kalender der Sparkasse Aachen

Am Abend zuvor ist er nach einem Wahlkampfauftritt in Salzgitter noch spät mit dem Auto die 200 Kilometer nach Leipzig gerast. Kurz eine Besprechung mit seinen Mitarbeitern, dann ist er hundemüde aufs Zimmer. Er hat noch ein paar Seiten in Ernst Jüngers "Sanduhrbuch" gelesen und Tagebuch geschrieben. Er führt es seit über 35 Jahren, seit seinem Alkoholentzug, jeden Abend eine Seite, in einen schwarzen Kalender der Sparkasse Aachen. Immer mit demselben Füller, einem Montblanc. Schulz mag keinen Luxus, aber als er Präsident des Europaparlaments wurde, hat ihm seine Frau dieses besondere Geschenk gemacht. "Jeden Abend, wenn ich schreibe, denke ich an sie", sagt er. Ausgerechnet jetzt hat er diesen Füller in einem Berliner Hotel liegen lassen. Da fiel ihm auf, wie sehr er an Alltäglichem hängt. "Unabhängig von diesem ganzen Wirbel um mich herum gibt es etwas Beständiges in meinem Leben", notierte er in seinem Tagebuch. "Das hält mich in der Spur."

Angela Merkel macht sich solche Gedanken schon lange nicht mehr. Sie betreibt Politik total, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag.

Martin Schulz war in diesem Wahlkampf bereits einmal ganz oben und einmal ganz unten. Vom Messias zum Deppen, ohne Rückfahrkarte. Er hat grenzenlose Euphorie erlebt und abgrundtiefe Verzweiflung. Auf einer Fahrt nach Hamburg Mitte Juli fragte er einen seiner Mitarbeiter: "Was meinst du, hat das alles noch Sinn?"

Der Hiob der deutschen Politik

Er rappelte sich wieder auf, machte einfach weiter, was blieb ihm auch anderes übrig, wühlte sich in seine Kampagne hinein. So hat er früher auch Fußball gespielt. Linker Verteidiger bei SV Rhenania 05 Würselen, kein begnadeter Techniker, aber ein Terrier, der sich am Gegner festbiss, nie aufgab. Sein Idol in der Jugend war keiner dieser Schönspieler, sondern Wolfgang Weber, Vorstopper, Spitzname "Bulle". Weber spielte mal eine ganze Halbzeit lang mit gebrochenem Wadenbein. Er wollte seine Mannschaft nicht im Stich lassen.

Schulz nimmt die flache Bühne im Nikolaikirchhof in Leipzig mit einem kurzen Sprung. Er steht mit den rund 1000 Besuchern fast auf Augenhöhe. Die Sonne knallt auf seinen grauen Anzug. Er redet über Respekt und Gerechtigkeit und dass sich Deutschland auf seinen Erfolgen nicht ausruhen dürfe. "Zur Gerechtigkeit gehört auch, dass ich mir mein Jackett ausziehen darf", sagt er. "Verdammt heiß hier." Schulz krempelt die Hemdsärmel hoch. Er spricht über Rente, Pflege, Elektroautos, Erdogan, Trump, die AfD, darüber, dass junge Leute sich nicht mehr trauten, eine Familie zu gründen, weil alles so unsicher sei. Für den Stillstand im Land sei die Frau Bundeskanzlerin verantwortlich, sagt er, "Angela Merkel höchstpersönlich".

Martin Schulz hat früher selbst Fußball gespielt, linker Verteidiger, bei SV Rhenania 05 Würselen. Hier unterstützt er ein antifaschistisches Fußballturnier am 16. August 2017 in Parchim

Martin Schulz hat früher selbst Fußball gespielt, linker Verteidiger, bei SV Rhenania 05 Würselen. Hier unterstützt er ein antifaschistisches Fußballturnier am 16. August 2017 in Parchim

Schulz ist ein guter Redner. Er hat Sinn für Dramaturgie, kann Geschichten erzählen, setzt an den richtigen Stellen Pausen. Man merkt, dass er gern Romane liest.

Vor ihm sprach Daniela Kolbe, die sächsische SPD-Spitzenkandidatin. Schulz hörte sie nicht, er gab ein Interview. Sie erzählte, dass den Leuten, bei denen sie im Wahlkampf an der Wohnungstür klingle, auf Anhieb gar nichts einfalle, was zu beklagen sei, sie müssten erst überlegen. Martin Schulz erzählt bis heute, er glaube daran, dass noch was geht bis zum 24. September. Dass die Hälfte der Wähler noch unentschieden sei. Dass die Menschen gerade erst aus den Ferien zurückkehrten. Er hat gelesen, dass der Urlaub für viele wie der Apparat aus "Men in Black" sei, der das Gedächtnis auslösche. Wenn sie zurück nach Hause kämen, würden sie neu in die Welt blicken.

Als sie das Fernsehduell sahen, war aber alles wie immer. Merkel merkelte, Schulz attackierte, und am Ende hatte die Kanzlerin nach Ansicht der Mehrheit gewonnen. Dabei sollte das Duell die Wende bringen. Schulz selbst fühlte sich als Sieger. Er war von sich berauscht danach, wie auf Droge. Am nächsten Tag durfte er in der Zeitung lesen, er sei zu brav gewesen, er habe sich nicht als Kanzler beworben, sondern als Merkels Büroleiter.

Nach dem Schulz-Hype im Februar verlor die SPD drei Landtagswahlen

Martin Schulz erfährt gerade, dass so ein Bundestagswahlkampf ein Höllenritt ist. Die Kandidatur greift nach dir, überwältigt dich, erlegt dir Qualen auf. Sie zwingt dich in eine Rolle, der du nicht entkommen kannst. Du brauchst einen starken Charakter und eiserne Nerven, um in dieser Hölle nicht zermartert zu werden.

Nach dem Schulz-Hype im Februar verlor die SPD drei Landtagswahlen. Dann verpatzte sie die Präsentation ihres Wahlprogramms. Anschließend flog Olaf Scholz in Hamburg der G20-Gipfel um die Ohren. Schulz' Wahlkampfchef fiel wegen Krankheit aus. Die rot-grüne Koalition in Niedersachsen büßte ihre Mehrheit ein. Und Gerhard Schröder wechselte in Putins Reich. Da hätte Schulz eigentlich schon aufhören können.

Der "Spiegel" schrieb, der Kanzlerkandidat erinnere an den biblischen Helden Hiob, dem Gott jede nur erdenkliche Plage auferlegt hat. Schulz las das und sagte: "Genau so empfinde ich das. Was auch immer passiert – an allem hat der Schulz Schuld."

Dort hinten, gleich hinter der niederländischen Grenze, wohnt er: in Würselen. Eine Aufnahme vom 12. Juli 2017 in Vaals

Dort hinten, gleich hinter der niederländischen Grenze, wohnt er: in Würselen. Eine Aufnahme vom 12. Juli 2017 in Vaals

Überall, wo er jetzt hinkommt, warten peinigende Fragen auf ihn: Ist das Rennen schon gelaufen? Warum gibt es keine Wechselstimmung? Bleiben Sie nach Ihrer Niederlage SPD-Chef? Schulz hat Mühe, die Fassung zu wahren. "Ihr stellt Fragen", sagt er zu den Journalisten und rollt mit den Augen. Wenn sie weg sind, sagt er: "Schwachköpfe!"

"Plätzchen backen mit Mutti"

Er findet, im Gegensatz zu Merkel werde er von den Medien wie ein Idiot behandelt. Ihm bescheinigen sie den Charme eines Eisenbahnschaffners, ihr rollen sie den roten Teppich aus. Die Interviews mit der Kanzlerin nennt er "Plätzchen backen mit Mutti".

Manchmal fühle er sich wie die Pechmarie der deutschen Politik, sagt er.

An einem Freitagabend Mitte August fährt er ins Open-Air-Kino im Düsseldorfer Rheinpark. Filmnacht der Jusos. Dunkle Wolken am Himmel. Als Schulz eintrifft, gibt es keinen Jubel, keine "Gottkanzler"-Schilder, keine "Martin, ich will eine Regierung von dir"-Rufe. Die Hochstimmung des Anfangs – wie vom Erdboden verschluckt. Die Jusos wollen nur eins: ein Selfie mit ihm.

Schulz zieht seinen Sprecher beiseite: "Was genau muss ich hier machen?"

Wahlprogramm im Check: Diese Pläne hat die SPD für Deutschland

Er wird auf die kleine Bühne vor der Leinwand geschoben, soll Fragen der Zuschauer beantworten. Plötzlich fängt es an, in Strömen zu regnen. Der Schirm, den Schulz gereicht bekommt, ist zu klein. Der Regen peitscht ihm um die Ohren. Die Juso-Frau kennt kein Erbarmen. "Lieber Martin", fragt sie, "was muss in Deutschland dringend reformiert werden?"

"Das Wetter", brummt Schulz.

Ihm reicht es jetzt. "Seid mir nicht böse", sagt er. "Aber lasst uns das mit den Reformen auf ein andermal verschieben. Ich bin klitschnass."

Er eilt mit seinen Leibwächtern zu seiner schwarzen Limousine und fährt frustriert nach Würselen. Er muss zu Hause mal durchpusten. Vor ihm liegt sein letztes freies Wochenende. Noch 37 Tage bis zur Wahl.

Deutscher Meister im Grillen

Martin Schulz hat sich die Wahlkämpfe von Frank-Walter Steinmeier 2009 und Peer Steinbrück 2013 genau angesehen. Er will unter keinen Umständen neben ihnen auf Angela Merkels SPD-Kanzlerkandidatenfriedhof landen. Seine Diagnose: Steinmeier war zu brav und Steinbrück zu

arrogant. Beide waren Merkels Charme erlegen. Sein Rezept: Die Kanzlerin attackieren, ohne das Land runterzureden.

Kein schlechter Plan. Funktioniert nur nicht.

Der Kandidat ist vom Kleingärtnerverein Am Pfarrberg in Landsberg, Sachsen-Anhalt, zum Grillfest eingeladen. Ein warmer Sommerabend. Bratwurst, Bier, kurze Hosen. "Ich bin den Kleingärtnern seit Jahren eng verbunden", sagt Schulz. Er steht im dunklen Anzug vor ihnen. "Ich lese jetzt überall, die Weltstaatsfrau fliege mit der Air Force One von Gipfel zu Gipfel, und der Fuzzi aus Würselen tingele über die Grillfeste der Gartenbauvereine."

TV-Duell: Twitter-Reaktionen: "Viel Angst, kaum Themen und viele #fragendiefehlen"

Schulz ist beleidigt. Dabei hat er sich seine Rolle selbst ausgesucht. Er wollte frei sein, nicht der Richtlinienkompetenz der Kanzlerin unterworfen, deswegen ist er nicht als Minister in ihre Regierung gegangen. Er wollte direkt zum Volk sprechen, ohne die Distanz, die das Fernsehen herstellt. Er dachte, so komme er den Bürgern nah. Ein Durchschnittstyp, ohne Abitur, mit Anzügen von der Stange, gegen eine abgehobene Politikerin aus dem Establishment – so sollte das im Reich der Politikverdrossenheit funktionieren. Er übersah, dass er dadurch in einer anderen Gewichtsklasse kämpft als die Kanzlerin.

Martin Schulz ist Angela Merkel viel ähnlicher, als er glaubt. Er hat ein lebhafteres Temperament, größeren politischen Ehrgeiz, er denkt europäischer. Mehr Bücher gelesen hat er sowieso. Aber sonst? Kämpft ein rechter Sozialdemokrat gegen eine liberale Christdemokratin, er 61, sie 63, beide vernünftige Mitte-Politiker, die die Welt nicht aus den Angeln heben wollen. Kein Macron, nirgends.

"Wisst ihr, wie der Deutsche Meister im Grillen heißt?", fragt der Kandidat die Kleingärtner. "Ich hab extra nachgeguckt. Martin Schulz."

Jammere nicht über die Schwächen des anderen

Die Deutschen wollen im Angesicht von Trump, Putin und Erdogan ihr Land aber nicht einem Grillmeister anvertrauen. Genau für diese verrückte Welt wollen sie die Weltstaatsfrau ja haben, dieses Mal jedenfalls noch. Ihr trauen sie zu, die Halbstarken zu bändigen.

Geh in kein Duell, das du nicht gewinnen kannst, raten Wahlkampfprofis. Beklage nicht, dass dein Gegner keinen Plan hat – lege deinen Plan vor. Jammere nicht über die Schwächen des anderen – sei besser.

Martin Schulz hatte als Vorsitzender der Dauerkrisenpartei SPD kaum Zeit, diese Ratschläge zu befolgen. Er war neu in Berlin. Er musste unter Schmerzen lernen, das Korsett eines Kanzlerkandidaten zu tragen. Plötzlich zerrten alle an ihm herum, wussten alles besser, sagten, was er zu tun und zu lassen habe. Mehr Gerechtigkeit, forderten die einen. Mehr Innovation, die anderen. Lass das Würselen-Ding, du bist jetzt Staatsmann, meinten Dritte.

Analyse vom SPD-Wahlkampf: So stehen die Chancen von Martin Schulz

Im Juni hatte Schulz die Faxen dicke. "Ich brauche keine Berater, Meinungsforscher und Spin-Doktoren", sagte er. "Ich muss bei mir sein." Die neue Losung lautete: "Let Schulz be Schulz." Zwei Monate später las Schulz in der "Bild" einen Text von Béla Anda, dem früheren Regierungssprecher von Gerhard Schröder. Überschrift: "So kriegt Schulz noch die Kurve." Belangloses Zeug. Schulz rief Anda an und machte ihn zu seinem Berater. Ausgerechnet einen Schröderisten.

Hätte es besser laufen können, wenn der Kandidat mehr Zeit gehabt hätte? Am 21. Januar 2017 fuhr Martin Schulz von Würselen nach Montabaur. Sigmar Gabriel, sein Freund und Parteichef, wollte ihm endlich mitteilen, wer von beiden Kanzlerkandidat und wer Außenminister werden solle. Die Wochen zuvor hatten sich die beiden gegenseitig belauert. Gabriel hatte Schulz hingehalten. Schulz wollte keinen Putsch gegen Gabriel führen. So hatte Schulz die Kanzlerkandidatur mittlerweile abgeschrieben. An diesem Samstagnachmittag ging er davon aus, dass er als Außenminister nach Hause fahren würde. Er hatte seine Geschwister schon gefragt, ob sie zur Vereidigung nach Berlin kommen würden.

Gabriel hatte alle überrumpelt

Im Hotel redeten Gabriel und Schulz eine Stunde um den heißen Brei herum. Dann sagte Gabriel: "Du musst es machen." Er fragte nicht, er machte eine Ansage. Schulz war plötzlich Kanzlerkandidat und designierter SPD-Vorsitzender dazu. Er wurde unvermittelt in das größte Abenteuer seines Lebens gestürzt.

Gabriel hatte alle überrumpelt. Zum dritten Mal in Folge stolperte die SPD mit ihrem Kandidaten ins Kanzlerrennen. Dafür zahlt die Partei einen hohen Preis.

Als Martin Schulz ins Willy-Brandt-Haus einzog, waren die Schubladen so gut wie leer. Keine Wahlkampfstrategie, kein Programm, keine erfahrene Mannschaft, keine Kampagne. Der alte Parteichef glaubt nicht an Planung, er macht Politik nach Instinkt und Lage. So kann man nicht gewinnen. Erst recht nicht gegen eine Frau mit großer Erfahrung, einem hochprofessionellen Team und einem Kanzleramt, das sie zur Festung ausgebaut hat. 1998, im Kandidatenrennen zwischen Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine, hatte SPD-Wahlkampfchef Franz Müntefering einfach zwei Kampagnen planen lassen. Damals war die Partei auf alles vorbereitet.

"Die Planung für den Wahlkampf 2017 hätte eigentlich schon am Wahlabend der verlorenen Bundestagswahl 2013 anfangen müssen", sagt Frank Stauss, Mitgesellschafter der Werbeagentur Butter. Stauss macht seit 25 Jahren Wahlkämpfe. Er sollte auch die SPD-Kampagne 2017 führen. Er sagte jedoch im Herbst vorigen Jahres ab. Für einen erfolgreichen Wahlkampf sah er in der Kürze der Zeit kaum Chancen.

Die SPD hat jetzt nicht nur einen Kanzlerkandidaten, sondern auch noch einen Nebenkandidaten. Sigmar Gabriel sitzt auf dem Marktplatz von Goslar. Er lässt die Sonne in sein braun gebranntes Gesicht scheinen. "Eigentlich viel zu schön, um zu arbeiten", sagt er. Heute Abend fliegt er nach Washington, Gespräch mit Rex Tillerson, Trumps Außenminister. Vorher hat er einen Auftritt in Salzgitter, mit Schulz.

Querschüsse vom Nebenkandidaten

In einem Wahlkampf gehe es vor allem um Haltung, sagt Gabriel, und die Haltung von Martin sei bewundernswert. Mit welcher Geradlinigkeit er seine Furche ziehe. Er selbst wisse genau, was einem durch den Kopf geht, wenn die Umfragen nicht so berauschend sind.

Was Gabriel nicht sagt: Er findet, Schulz könnte härter, verruchter sein. So wie er, Gabriel. Er hat nach dem G20-Gipfel den Rücktritt der Kanzlerin ins Gespräch gebracht. Und in einem stern-Interview die Große Koalition für die Zeit nach der Wahl für beendet erklärt. Schulz hat das wahnsinnig geärgert. Er hat das Gabriel am Telefon gesagt. Ihn aber nicht öffentlich in den Senkel gestellt.

Mit seinen Querschüssen geht ihm Gabriel auf die Nerven. Schulz spürt, wie das Misstrauen seinen Wahlkampf belastet, wie die Konkurrenz sogar ihre Freundschaft infrage stellt. Ein paar Tage nach besagtem Interview saß Schulz in einem Restaurant, das Dessert kam, obendrauf ein Berg Sahne. Er sagte: "Oh, ein Nachtisch für Sigmar." "Nimmt der nicht ab?", fragte einer aus der Runde. Schulz: "Ja, in jeder Hinsicht."

Am Marktplatz in Salzgitter fallen sich beide um den Hals. Das gehört zur Show dazu. "Ich bin hier, um meinen Freund in seinem Wahlkreis zu unterstützen", sagt Schulz von der Bühne herab. "Ich freue mich, dass er brav in der ersten Reihe sitzt und nicht dazwischenruft."

Martin Schulz will seine Partei anders führen als Schröder, Müntefering und Gabriel. Er will Schluss machen mit autoritärem Gehabe, Basta und Machotum. Sein Wahlprogramm hat er mit Rechten und Linken so lange diskutiert, bis ihm alle folgten. Ob ihm das auf Dauer gelingt, wird man sehen. Auch er kann ein harter Hund sein und umgibt sich vor allem mit Männern. Noch steht die Partei geschlossen hinter ihm. In den Hinterzimmern diskutieren sie aber schon, ob er Parteichef bleiben kann, wenn die Wahl ein Desaster wird.

Wegen Willy Brandt ist Martin Schulz in die SPD eingetreten

Schulz kann sich noch genau an den Tag erinnern, als Willy Brandt am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos niederkniete. Es war der 7. Dezember 1970, er selbst gerade knapp 15 Jahre alt, Schüler einer autoritären katholischen Klosterschule. "Das Ereignis war ein Erdbeben für mich", sagt er. Ausgerechnet ein Sozialdemokrat, von den Nazis ins Exil getrieben, bitte um Vergebung für deutsche Schuld. Wegen Willy Brandt ist er vier Jahre später in die SPD eingetreten.

Diese Partei zu retten, ihr Chef zu bleiben, sie vor dem Bedeutungsverlust zu bewahren – diese Mission ist für den Gefühlssozi genauso wichtig wie der Kampf ums Kanzleramt. Er sagt, er habe den Vorsitz auch deswegen übernommen. Als er mit honeckerhaften 100 Prozent gewählt worden war, sagte er zu seiner Schwester Doris: "Das lastet schwer auf mir." Schulz erliegt nicht dem Irrtum, dass es am 24. September nur um ihn geht. Es weiß, es gibt etwas, das größer ist als er selbst.

Als Gabriel zum Auftritt nach Salzgitter fuhr, rief ihn Schulz auf dem Handy an. Gabriel sagte, er wisse nicht, ob der amerikanische Außenminister überhaupt noch im Amt sei, wenn er in Washington lande. Tillerson habe sich gerade gegen Trump in Stellung gebracht. Der US-Außenminister sei aber entspannt, er habe keine Angst vor einem Rauswurf. "Der Tillerson hat eine große Ranch in Texas", sagte Gabriel zu Schulz. Pause. "Der hat bestimmt auch noch zwei Pferde für uns."

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