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Merkel, der Euro und die CDU-Basis: Mutti erklärt's dem Parteivolk

Bundeskanzlerin Angela Merkel kämpft an vielen Fronten für Europa. Auch in Karlsruhe. Doch die dortige CDU-Regionalkonferenz hat andere Sorgen als die Eurokrise.

Von Mathias Rittgerott, Karlsruhe

Der junge Christdemokrat ist außer sich. "Zwei Euro fünfzig für einen Becher Wasser!" schimpft er. Die Anfahrt zur Regionalkonferenz in Karlsruhe zahle er aus der eigenen Tasche. Und dann 2,50 Euro fürs Wasser. Allerhand! Die CDU hat ein Finanzproblem. Dabei war durchaus zu erwarten, dass es bei diesem Stelldichein der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel mit ihrer Basis ums Geld gehen würde. Allerdings nicht um Zweifuffzig eines durstigen Mannes, sondern um viele Milliarden von Euro Schulden eines klammen Staates namens Griechenland.

Am kommenden Donnerstag stimmt der Bundestag über das nächste Hilfspaket ab. Viel wird es gescholten, die Partei ist gespalten, die Regierung ebenso. Es ist nicht ausgemacht, dass genügend Abgeordnete von CDU und FDP für das Gesetz stimmen. Die Kanzlermehrheit wackelt. Es ist High-Noon in Berlin.

Träge und "symbadisch"

Just in dieser Schicksalswoche muss sich Merkel im Badischen dem Parteivolk stellen, während der vierten von sechs Regionalkonferenzen. Doch: Das befürchtete Murren und Zetern der einfachen Mitglieder bleibt aus. Die Badischen geben sich "symbadisch".

Dass sich die Delegierten nicht von ihren Stühlen erheben und nicht jubeln, als die Kanzlerin in der Schwarzwaldhalle einläuft, ist weniger ein Zeichen der Abrechnung als vielmehr eins des trägen Abwartens. Was wird sie wohl sagen? Angela Merkel holt weit aus. Bei den "sittlichen und geistigen Kräften des Christentums" beginnt sie ihr Referat, erläutert "das christliche Menschbild" und das Grundgesetz, streift die Vorzüge der sozialen Marktwirtschaft, geht über zum Wehrdienst, weiter zu Familienpolitik und landet bei der Bildung.

Geschlagene 30 Minuten braucht sie, um das Thema anzusprechen, dass das Volk derzeit am meisten bewegt und viele Wähler aufbringt: Die Milliarden für Griechenland. Eurokrise, Schuldenkrise, Schuldenunion, Stabilitätsunion. Merkel sagt Nein zum Schuldenschnitt. Sie fordert, dass man notorische Schuldner verklagen können müsste und dass die Griechen ihre Hausaufgaben machen müssen. "Wir können Vertrauen in den Euro haben", so die Botschaft der Kanzlerin an ihre Partei.

Manch Delegiertem kommen Merkels Erklärungen bekannt vor: Sonntagabend beispielsweise hatte ihr der nette Günther Jauch in der ARD nahezu mundgerechte Fragehäppchen zugeworfen, auf die sie wortgleich antwortete wie in ihrer Karlsruher Rede. Ein bisschen mehr sagte sie freilich schon, sie war ja zum Diskutieren angereist. "Wir müssen Schritt für Schritt für Schritt vorgehen", erläutert sie den Kurs. Sie könne nicht "abschätzen", was die Zukunft bringe und wolle nicht eines Tages aufwachen und feststellen, "dass wir die halbe Welt in Brand gesteckt haben". Niemand habe Erfahrung, wie man im Zweifelsfall mit der Insolvenz eines Staates umgehe, dafür gebe es noch "keinen Mechanismus". Doch was erklärt das schon?

Kein Jubel, kein Bravo

Als Merkel endet, erhebt sich niemand im Saal von seinem Stuhl. Drei Minuten Beifall, kein Jubel, kein "Bravo". Ist das eine Abstrafung? Wohl nicht. Richtig streiten mag die Basis über den rechten Kurs durch die Eurokrise nämlich nicht. Zwar klagt der erste Redner über die "Tritte in den Hintern", die die Wahlkämpfer an der Basis bekämen, und über "selbsternannte Weltverbesserer", die eine nötige Geschlossenheit der Partei verhinderten. Das war aber schon die schärfste Kritik.

30 Wortmeldungen gibt es in den drei Stunden, in denen Merkel auf dem Podium sitzt. Allenfalls ein Drittel davon dreht sich um den Euro. Vielen der 1300 Anwesenden geht es um Mindestlöhne und um den Atomausstieg. "Bravo" schallt es durch den Raum, als die Energiewende gegeißelt wird, weil die CDU damit eine "billige Kopie" der Grünen sei. Bravo-Rufe, auf die Merkel vergeblich wartet.

Von Rauchverbot und Schulbauernhöfen

Während im Foyer der ZDF-Mann Carsten van Ryssen Spaßinterviews für die Satire-Sendung "Heute-Show" führt, werden in der Halle Sorgen vorgetragen, die heute überraschend und sonderbar wirken. Als hätten die, die ans Mikrofon treten, lange an dem gefeilt, was sie der Kanzlerin ins Gesicht sagen wollen.

Da wirbt beispielsweise ein Mann für raucherfreie Kinder-spielplätze. Um seinem ehrenwerten Anliegen Gewicht zu verleihen, hat er extra ein T-Shirt angezogen, auf dem in der Art eines Verbotschilds eine Kippe durchgestrichen ist. Eine Frau verficht die Idee von Schulbauernhöfen und das "dekontaminieren von Mutterboden", ein Mann warnt vor Elektrosmog, ein anderer will "Deutschlandphobie" und das Schmähen der Nation als ausländerfeindlich unter Strafe gestellt sehen. Man reibt sich die Augen.

Vor Beginn des Treffens durfte man noch Aufmüpfigkeit erwarten. Tatsächlich bekommen die Besucher vor der Halle weiße Zettel in die Hand bedrückt mit der unterstrichenen Botschaft, die Griechenlandhilfe sei eine "Entmachtung Deutschlands".

Keine Watschen von der Basis

Aktivisten der Initiative "Linkstrend stoppen" verteilen Handzettel. Es geht ihnen um den angeblichen Linksruck der Partei. "Noch nie in seiner tausendjährigen Geschichte war unser Vaterland so bedroht. Diesmal nicht von außen, sondern von innen", steht in dramatischer Geschichtsklitterung darauf. Mit ihren CDU-orangen Hemdchen wollen sie sich als ernstzunehmende Mitglieder zu erkennen geben. Aufrütteln wollen sie - doch die Delegierten mögen nicht gerüttelt werden.

Sonstige Demonstranten? Fehlanzeige. Kein einziger. Karlsruhe nimmt von der Kanzlerin keine Notiz. Deutschlandlied. Angela Merkel atmet auf. Keine Watschen von der Basis. Ihr Satz, für den sie bei Jauch beklatscht wurde, scheint auch hier zu ziehen. Er lautet: "Ich mache das, was ich für richtig halte." Und das Parteivolk folgt.