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Mit der "Liberty" auf der Ostsee: Freie Fahrt für Kubicki und Lindner

Noch im August werden sich die Wahlgewinner der FDP, Wolfgang Kubicki und Christian Lindner in Kiel treffen. Die Agenda steht: Es geht um die Ampel, es geht um Philipp Rösler. Dessen Zeit läuft ab.

Von Lutz Kinkel

Weißwein gibt es in der Regel. Gut gekühlt. Serviert in schlichten Bechern aus Edelstahl. Frischen Wind und salzige Gischt auf der Haut. Und wenn die Motoryacht Liberty, Typ "Kiel Classic", 300 PS, Heimathafen Strande, so auf großer Fahrt durch die Ostsee schneidet, dann wissen die Zurückgebliebenen auf dem Festland: "Kubicki spielt wilde Sau". So hat es der liberale Rebell in Schleswig-Holstein, Wolfgang Kubicki, einmal selber gesagt.

Im August, und da werden die Zurückgebliebenen noch größere Augen machen, wird Kubicki mit Christian Lindner loszischen, dem Chef der nordrhein-westfälischen FDP. Zwei Urlaubstage haben sich die beiden Männer für ihr Treffen reserviert. "Dass wir dabei den Kurs der FDP in der Zukunft suchen, ist klar", hat Kubicki schon vor Wochen angekündigt . Inzwischen hat er näher beschrieben, wo es lang gehen soll. In einem Interview mit dem stern favorisiert er eine Ampelkoalition - SPD, Grüne und FDP - unter einem Kanzler Peer Steinbrück. Und signalisiert seinem Parteichef Philipp Rösler, dass dessen Zeit abläuft.

Zwei Männer auf hoher See. Zwei Wahlgewinner, zwei Sozialliberale. Die neuen Kapitäne der FDP. Es ist unübersehbar, auch wenn sie kein Amt haben, das sie zu dazu befugen würde, das Steuerrad zu übernehmen. Sie verkörpern Hoffnung, und das reicht schon in einer Partei der Hoffnungslosen.

Gefällige Songs der Boygroup

Rückblick. Als Wolfgang Kubicki seine Partei erstmals mit der <linextern adr=" http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/a-734085.html">untergehenden DDR verglich, war es Dezember 2010. Vier Monate später trat der damalige Vorsitzende Guido Westerwelle zurück, fünf Monate später wählte ein Parteitag seinen Philipp Rösler. Es spielte auf: die liberale Boygroup, ihre Songs klangen gefällig. Rösler versprach, politisch zu liefern, Lindern versprach, die Partei programmatisch zu erneuern. Eine sympathische, junge, aber prinzipientreue FDP schien da zu entstehen, die die Union bald sehr alt aussehen lassen würde.

Zwölf Monate nach Kubickis DDR-Vergleich war auch dieses Experiment beendet. Die Achse Rösler-Lindner knirschte und brach. "Es gibt den Moment, in dem man seinen Platz frei machen muss, um eine neue Dynamik zu ermöglichen", sagte Lindner bei einem knapp zweiminütigen Kurzauftritt im Thomas-Dehler-Haus, der liberalen Parteizentrale in Berlin, und gab sein Amt als Generalsekretär ab. Er schloss seine Rede mit "Auf Wiedersehen", ohne zu wissen, wie schnell dieses Wiedersehen kommen würde. Als bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen, dem größten und wichtigsten Bundesland der Republik, die Existenz der Liberalen auf dem Spiel zu stehen schien, ließ sich Lindner als Frontmann engagieren. Er gewann. Zuvor hatte Kubicki in Schleswig-Holstein gewonnen. Zwei Typen, zwei Sieger, die in der Provinz weit über dem Bundestrend abschlossen. Röslers FDP bewegt sich bis heute in der Todeszone zwischen drei und fünf Prozent. Alle Hoffnungen Röslers, die Erfolge Kubickis und Lindners würden auch auf ihn einzahlen, schlugen fehl.

Keine schnelle Rebellion

Am Mittwoch durfte Rösler, der Vizekanzler und Parteichef, in Vertretung von Angela Merkel die Kabinettssitzung leiten. Er verzichtete danach auf einen großen Auftritt, es hätte ohnehin lächerlich gewirkt. Rösler agierte in Berlin zuletzt angespannt und nervös, seine frühere Leichtigkeit ist verflogen, und das Kubicki-Interview im stern dürfte seine Laune nicht verbessert haben. Der Rebell aus Schleswig-Holstein urlaubt auf Mallorca, er hat sich auf eine Partie Golf mit Guido Westerwelle verabredet. In Lindners Büro klingelt ununterbrochen das Telefon, meist ist die Leitung besetzt.

Eine offene, schnelle Rebellion streben weder Kubicki noch Lindner an. Der eine sagt, es müsse etwas passieren, wenn die FDP bei der Landtagswahl Niedersachsen unter fünf Prozent bleibe. Der andere meidet jede Personaldebatte. Aber der kecke Kubicki beginnt schon mal, Kandidatennamen zu nennen. Lindner sei "der geborene Vorsitzende", aber da er vermutlich nicht antrete, kämen auch Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Fraktionschef Rainer Brüderle in Frage. Brüderle, der Aussichtsreichste, hat lange erfolgreich mit der SPD in Rheinland-Pfalz regiert.

Treffen der Landtagsfraktionen

Irgendwann im August, an Bord der "Liberty", bei frischem Wind und salziger Gischt auf der Haut, werden Lindner und Kubicki ein offenes Wort miteinander reden. Danach treffen sich, so ist es verabredet, ihre Landtagsfraktionen zu einer Debatte.

Die FDP hat ein neues Kraftfeld. Und das liegt nicht in Berlin.

Mitarbeit: Hans Peter Schütz, Axel Vornbäumen