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Mohammed-Karikaturen: "Mich erinnern die Karikaturen an den 'Stürmer'"

Wie reagieren deutsche Muslime auf die erhitzte Karikaturen-Debatte? Im stern.de-Interview warnt der Vorsitzende der Deutschen Muslim Liga vor Rassismus gegenüber Muslimen.

Herr Pfaff, wann haben Sie die umstrittenen Mohammed-Karikaturen das erste Mal gesehen?
Das erste Mal bewusst angeschaut habe ich sie, als sie in der "Welt" gedruckt worden sind.

Was war Ihre erste Reaktion?


Meine erste Reaktion war Trauer. In unserer täglichen Arbeit setzen wir uns für den Dialog der Religionen ein, für gegenseitigen Respekt und Toleranz. Solche Veröffentlichungen treiben jedoch einen Keil zwischen Muslime und Nicht-Muslime. Sie sind ein weiteres Mittel zu spalten statt zu integrieren.

Welche religiösen Bestimmungen verletzen die Karikaturen genau?
Es geht nicht so sehr um die religiösen Bestimmungen. Wir haben im Islam ein Bilderverbot bezüglich Gott und dem Propheten. Dies nicht zu respektieren ist jedoch nur ein Aspekt der Karikatur. Schlimmer ist, dass rassistische Motive Einzug halten. Unser Prophet Mohammed wird als barbarischer Prophet gezeichnet, aggressiv, frauenverachtend und terroristisch. Es ist diese Darstellung die uns beleidigt. Unser Glaube steht für Frieden und Toleranz, für den Schutz der Rechte der Frau - die hier vorgenommene Verzerrung und Karikierung unseres Glaubens dient lediglich dazu, Vorurteile zu reproduzieren.

Wie erklären Sie sich, dass diese Karikaturen so eine Welle der Empörung ausgelöst haben?
Es hat keine spontane Reaktion gegeben, sondern die Reaktion hat sich entwickelt. Hätte man sich unmittelbar nach der Veröffentlichung entschuldigt, wäre die Reaktion sicherlich nicht so eskaliert. Innerhalb der letzten viereinhalb Monate wurde dieser Vorfall jedoch auch von der westlichen Presse zu einem Präzedenzfall Pressefreiheit contra Blasphemie hochstilisiert. Heute geht es nicht nur um die Veröffentlichung der Karikaturen, sondern um die Diskussion, wie weit Pressefreiheit gehen darf.

Wie stehen Sie zur Freiheit der Presse?
Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut und unbedingt zu schützen. Pressefreiheit beinhaltet jedoch auch eine große Verantwortung. Die Freiheit des Einzelnen hört dort auf, wo sie Rechte von anderen verletzt. Gerade als Deutsche sollten wir zudem an unsere Geschichte denken. Mich erinnern die Karikaturen an die antisemitischen Karikaturen des "Stürmer" (antisemitische NS-Hetzschrift, Red.). Wenn wir an diese denken, sollte es klar sein, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit liegen, welche Folgen doch so "harmlos gemeinte Scherze" haben können und welche Verantwortung Medien in diesem Zusammenhang haben. Wenn Karikaturen einen rassistischen und blasphemischen Charakter haben, hat Ihre Veröffentlichung nichts mit Pressefreiheit zu tun, sondern damit, rassistisches Gedankengut hoffähig zu machen.

Stichwort "Welt". Die Zeitung hat die Karikaturen als Statement für die Pressefreiheit veröffentlicht. Würden Sie die Zeitung nun deshalb boykottieren?
Gegenfrage: Würden Sie ihre Brötchen bei einem Bäcker kaufen, der Sie beim Eintritt in das Geschäft beleidigt? Ich denke, die "Welt" wusste (im Gegensatz zu "Jyllands Posten"), dass diese Karikaturen verletzen. Es ist legitim, über dieses Thema zu berichten, aber man muss die Bilder dann nicht noch einmal veröffentlichen. Es entspricht nicht journalistischer Sorgfaltspflicht, Beleidigungen zu wiederholen und mit gezielter Provokation einen Konflikt erst zu schüren.

Halten Sie Boykott-Aufrufe für angemessen?


In gewissen Grenzen ja. Muslime müssen deutlich machen, wo die rote Linie ist, die nicht überschritten werden darf. Ein Boykott darf aber nicht dazu führen selbst in rassistische Reaktionen zu verfallen. Generell dänische Produkte zu boykottieren, halte ich für falsch. Wenn Konsumenten sich jedoch entschließen sollten, Zeitungen nicht zu kaufen, in denen sie beleidigt werden, ist das absolut legitim.

Welche Auswirkungen hat dieser Karikaturstreit auf die Integrations-Debatte in Deutschland?


Ich hoffe, dass in Deutschland besonnen reagiert wird, dass auf beiden Seiten - auf muslimischer Seite und auf Seiten der Presse mit Vernunft reagiert wird. Beide Seiten sollten sich nicht vor den Karren von Radikalen spannen lassen, denen es um die Verschärfung des Konflikts geht. Ich sehe eine große Gefahr auf beiden Seiten, dass sich rassistisches Gedankengut etabliert.

Interview: Florian Güßgen
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