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Nachfolge-Debatte um Merkel: Mutti 2.0 - wer ist "AKK"?

Sie ist derzeit sehr gefragt: Medien haben die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer als Merkels Nachfolgerin ins Spiel gebracht. Was ist da dran? Eine Annäherung.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Vielen Dank für die Blumen: Die Kanzlerin und Annegret Kramp-Karrenbauer (alias "AKK") verstehen sich blendend

Vielen Dank für die Blumen: Die Kanzlerin und Annegret Kramp-Karrenbauer (alias "AKK") verstehen sich blendend

Das Saarland. Unendliche Weiten. 2570 Quadratkilometer. 991.000 Einwohner. Kleiner als Mallorca, weniger Menschen als in Köln. Eine Uni. Zwei Bundesminister. Arm, aber einflussreich. Muss man erst mal hinkriegen.

Und: Immer für eine Überraschung gut. Zum Beispiel diese Geschichte mit Annegret Kramp-Karrenbauer.

Ist Ihnen gerade kein Begriff, weil Sie nicht aus dem Saarland kommen, wo die 51-Jährige seit Sommer 2011 mit einer großen Ausnahme erfreulich geräuscharm vor sich hin regiert? Machte bislang nichts. Könnte sich aber möglicherweise ändern – wenn "Cicero" recht behält. In seiner jüngsten Ausgabe orakelt das Magazin über "die Stunde Null" nach Angela Merkels Rückzug aus dem Regierungsamt. "In diesem Zusammenhang fällt ein neuer Name: Annegret Kramp-Karrenbauer."

"AKK", der Einfachheit halber

Sondern: Kramp-Karrenbauer. Annette Kramp-Karrenbauer, die Frau aus Püttlingen, die sie der Einfachheit halber und weil´s flotter geht im Saarland wie in der CDU gerne AKK nennen. Eine Abkürzung wie für ein Schnellfeuergewehr.

Ein Witz also? Schaun mer mal. Man habe "exzellente Quellen", heißt es in der "Cicero"-Chefredaktion.

"Cicero" ist ein Blatt mit eher übersichtlichem Käuferkreis. Das Magazin geht jeden Monat knapp 10.000 Mal übern Kiosktresen; weitere 25.000 Leser haben es abonniert. Seine Bedeutung aber steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Auflage. Worüber "Cicero" schreibt, wird wahrgenommen, vor allem im politischen Getriebe in- und außerhalb Berlins. Dass seine Mitarbeiter ungewöhnlich gut informiert sind, gilt als gesicherte Erkenntnis, seit das Blatt im September 2012 über den Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück berichtet hat – eine Woche vor allen anderen.

Herden(be)trieb

Auch wegen dieses Rufes zog das Leitmedium "Spiegel online" sofort nach und spitzte noch ein wenig zu: "Nachfolge im Kanzleramt: Merkels Plan K."

Kurz darauf meldeten die "Deutsche Wirtschafts Nachrichten" bereits: "Merkel nennt erstmals Nachfolgerin: Annegret Kramp-Karrenbauer."

AKK dagegen meldete: Die spinnen, die Römer! Sie habe sich "weggeworfen vor Lachen", sagen mit ihr befreundete Politiker. Sie selbst sagt: "Totaler Quatsch." In offiziell: "Dieser Bericht entbehrt aus meiner Sicht jeglicher Grundlage und deshalb braucht man ihn auch nicht weiter zu kommentieren."

Ein bisschen ist das allerdings, als würde Manuel Neuer sagen: "Am liebsten stehe ich im Tor. Aber das muss der Trainer entscheiden. Ich spiele da, wo er mich hinstellt." Das übliche Sicherheitsgefloskele eben. Politcatenaccio.

Nicht immer die selbe Leyen

Hört man sich dagegen ein wenig um bei jenen, die etwas informierter sind in der CDU, stellt man schnell fest: Ganz so blöd ist die Geschichte nicht – was nicht heißen muss, dass AKK übermorgen Kanzlerin würde oder wenigstens zur Kandidatin gekürt. Es ist Merkel und ihren Getreuen aber schon ganz recht, wenn der in der Öffentlichkeit vorherrschende Eindruck etwas relativiert wird, die CDU bestehe längst nur noch aus der Kanzlerin – und hinter wie nach ihr käme allein noch Ursula von der Leyen. Sie wissen schließlich, dass sie sich an die Diskussion darüber, wann die Kanzlerin gehe und wer ihr nachfolge, gewöhnen müssen.

Da sei es doch "schön, wenn der Blick dafür geweitet wird, dass die CDU neben den Bundesministern noch Politiker vorweisen kann, die eine Rolle spielen", heißt es in Merkels Umgebung. Und etwas spitz gegen die ehrgeizige Verteidigungsministerin: AKK sei anders als von der Leyen; wie die habe sie viel erreicht, "sie stellt es aber nicht so ins Schaufenster".

"Im Reich" was zu sagen

Die Mütterrente zum Beispiel hat Kramp-Karrenbauer mit der Frauen-Union beharrlich durchgesetzt – gegen Merkel. Aber auch eine verbindliche Quotenregelung. Und für den Mindestlohn kämpfte AKK bereits, als er für weite Teile ihre Partei sozialistisches Teufelszeug war. Am Ende prophezeite sie den Gegnern: "Die Frage Mindestlohn Ja oder Nein stellt sich gar nicht mehr; nur noch: Wie wird er vernünftig gemacht?"

Für AKK ist die von "Cicero" losgebrochene Debatte auf jeden Fall nützlich; sie mehrt Beachtung und Bedeutung daheim im Saarland, wo man parteiübergreifend so ziemlich jeden bewundert, der "im Reich" was zu sagen hat. Das kann nicht schaden in einer Zeit, "in der sich die Leute viel schneller an einem satt sehen", wie sie es einmal formuliert hat. "Das einzige, was sich verlässlich sagen lässt, ist, dass alles unglaublich unbeständig geworden ist."

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Seit August 2011 ist AKK Ministerpräsidentin. Das ist jetzt keine drei Jahre her. Seither hat sie ein paar Erfahrungen gemacht, für die andere eine ganze Laufbahn benötigen. Sie rasselte im ersten Wahlgang durch. Sie hat von ihrem Vorgänger Peter Müller die erste Jamaika-Koalition (was in ihrem Idiom: "Tschameika") übernommen und nach einem halben Jahr wegen der spinnerten FDP platzen lassen - pünktlich zum Drei-Königs-Treffen und sehr zum Missfallen der überraschten Kanzlerin, die das "keinesfalls für eine super Idee" hielt. Sie hat sich mit vollem Risiko in Neuwahlen gestürzt - und offensiv wie erfolgreich für eine Große Koalition geworben. Muss man auch erst mal hinkriegen.

Merkel hat sie mit diesem Manöver letztlich doch ziemlich beeindruckt. Die beiden schätzen einander inzwischen. Nachdem AKK im August 2011 zur Ministerpräsidentin gewählt worden war, erhielt sie eine SMS von einer ihr bislang unbekannten Nummer: "Glückwünsche zur Wahl. Grüße am." Mit dem Zusatz, damit sei ja nun auch ihre Handynummer bekannt. Seither stehen die beiden in engem Kontakt, oft, aber beileibe nicht nur per Kurznachricht. Längst zählt AKK zu den wenigen, deren Rat die Kanzlerin nicht nur einholt, sondern auch schätzt.

Gemeinsam un-artig

Dabei ist AKK auf den ersten Blick so ziemlich das krassest denkbare Gegenmodell zu Angela Merkel: katholisch, tief aus dem Westen, ungeschieden, drei Jungs, zwei erwachsen, ein Pubertist. Dazu: Juristin. Und: umnebelt von Stallgeruch; eine Parteikarriere von der Pike auf: Junge Union, Stadtrat, Frauen-Union. Fasching und Vereine. Referentin. Landtag. Ministerium. 2000 wurde sie Innenministerin, als erste Frau überhaupt.

Auf der anderen Seite sind sich die Kanzlerin und AKK auch verdammt ähnlich. Sie verbindet eine Un-Art. Unideologisch bis zur Biegsamkeit, unprätentiös, uneitel, unperfekt. Nicht rechts, nicht links, irgendwie vernünftig. Pragmatisch. Eher spröder Charme, keine mitreißende Rednerinnen. Spottlust. Hang zum Hosenanzug.

Mutti 2.0. Irgendwie müssten die Deutschen sich nicht mal besonders umgewöhnen, wenn sie denn müssten.

Vielleicht muss AKK sich aber noch eine ganze Weile gedulden. Freiwillig ist noch nie jemand aus dem Kanzleramt geschieden. Und Merkel? Über die hat ihr einstiger Vize Philipp Rösler vor nicht so langer Zeit gesagt: "So lange der Wähler will, will sie, glaube ich, auch."

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Mitarbeit: Laura Himmelreich