Neuer Juso-Chef Sascha Vogt Ein Funktionär sieht rot


Früher machte er sich für Nachtbusse im Sauerland stark, jetzt will er die SPD aus der Krise führen: ein Porträt des neuen Juso-Vorsitzenden Sascha Vogt.
Von Adrian Pickshaus

Sascha Vogt hat Augenringe wie der Papst. Der neue Vorsitzende der Jusos, der Jugendorganisation der SPD, sieht müde aus. Trotzdem will er sich der Öffentlichkeit präsentieren. Ganz modern, via YouTube-Clip. "Das, was Schwarz-Gelb macht, ist derbe unsozial"; sagt Vogt in die Kamera. Sein weißes Hemd und das schwarze Sakko lassen den Jugendslang aufgesetzt wirken. "Wir Jusos müssen an der Spitze der Protestbewegung stehen", fordert der 29-Jährige. Was das heißt? "Wir müssen uns dafür einsetzen, dass die SPD ein Steuerkonzept hat, mit dem die Kommunen wieder genügend Geld zur Verfügung haben, um öffentliche Dienstleistungen finanzieren zu können." Das klingt nicht nach Aufbruch. Das klingt nach Gewerkschafts-Flugblatt. 500 Leute haben das Video bisher angeklickt. Zu wenig für einen Hoffnungsträger.

Auf dem Bundeskongress der Jungsozialisten in Essen stellte sich der bisherige Vize zur Abstimmung. Er war der einzige Kandidat. 68,1 Prozent der Delegierten wählten ihn am Freitagabend. Vogt tritt in die Fußstapfen von Franziska Drohsel. Die 30-Jährige legte nach anderthalb Amtszeiten ihren Vorsitz nieder, um sich auf die Juristerei zu konzentrieren. Drohsel will das zweite Staatsexamen machen, um dann vielleicht als "linke Anwältin" zu arbeiten, wie sie in Interviews sagt. Der Trend zur Politikflucht erfasst jetzt auch Jungsozialisten.

Bei den Jusos war Drohsel umstritten. Den einen galt sie als telegene Vorzeige-Sozialistin, die bei Harald Schmidt noch die bösesten Späße ihres Gastgebers weglächeln konnte. Doch andere waren von den ideologischen Debatten genervt, die sie als Juso-Chefin immer wieder anstieß. Die Realos hätten lieber mehr Politik gemacht, als sich selbst zu reflektieren. Eine Mischung aus beidem verspricht jetzt Vogt. Er ist die menschgewordene Mitte.

Speerspitze keiner Bewegung

"Ich habe mich mit Franziska Drohsel sehr gut verstanden, da werde ich jetzt nicht den ganzen Laden umkrempeln", sagt Vogt. Dennoch will er einiges ändern, die Jusos sollten sich mehr konkreten Themen zuwenden. Etwa dem schwarz-gelben Sparpaket: "Das ist eine einseitige Umverteilung von unten nach oben. Die Schwächsten in der Gesellschaft sind betroffen, das kann nicht sein. Eine Alternative wäre, die Wohlhabenden in der Gesellschaft zu beteiligen - über Steuern." Vogt will die Vermögenssteuer wieder einführen und den Spitzensteuersatz deutlich anheben. In der Krise sind das keine radikalen Positionen. Selbst der Wirtschaftsflügel der Union kann sich inzwischen für einen höheren Spitzensteuersatz erwärmen. Und in einer neuen Allensbach-Umfrage spricht sich knapp die Hälfte der deutschen Wirtschaftselite für ein Comeback der Vermögenssteuer aus. Speerspitze einer Bewegung wird Vogt mit seinen Forderungen nicht mehr.

Vogt kommt aus Hemer, einer Kleinstadt im nordrhein-westfälischen Sauerland. Schon früh interessiert sich der Gymnasiast für Politik, er diskutiert mit seinen Eltern über das, was in der Zeitung steht. Weil in der Gegend keine Nachtbusse fahren, organisiert er Protest. Während des Zivildienstes gründet er die erste Juso-Gruppe im Ort. Von da an besetzt er Posten. "Eigentlich wollte ich gar nicht Politiker werden. Ich habe mich immer politisch engagiert, weil es mir Spaß gemacht hat. Ich habe nie irgendwelche Ämter gesammelt, ich hab nur geschaut, an welcher Stelle ich mein Engagement am besten ausüben kann", sagt Vogt. Es klingt wie eine Entschuldigung.

Wenig Mensch hinter den Funktionen

In Münster studiert Vogt Politik, nebenher ist er in der Studentenvertretung und in der Juso-Gruppe. Seit 2008 ist Vogt im NRW-Landesvorstand, seit 2009 als Vize im Juso-Bundesvorstand. Er arbeitet bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung und macht seinen Doktor. Zum Thema: Fortbildungsmaßnahmen der Arbeitsagenturen. Und sonst? Spannende Hobbys kann er nicht anbieten. "Ich bin gerne unter Menschen und bei schönem Wetter treffe ich mich mit meinen Freunden im Park. Ansonsten lese ich Krimis und gehe ins Kino", erzählt Vogt. Krimis, Kino und schönes Wetter. Es sind Vorlieben, auf die sich ein ganzes Wahlvolk einigen könnte.

"Sascha Vogt ist mit Sicherheit kein Barack Obama", erklärt Marcel Lewandowsky, Sprecher der Realos innerhalb der Jusos. "Dennoch sind wir neugierig und gespannt auf seine Zeit als Vorsitzender." Vogt werde wohl Akzente in der Steuer- und Wirtschaftspolitik setzen, das sei zunächst einmal wichtig und richtig. Doch Lewandowsky, der für die Pragmatiker unter den 70.000 Juso-Mitgliedern spricht, will mehr: "Wir hoffen, dass Vogt die Jusos öffnen wird. Wir müssen aufhören, ein Verband von Akademikern für Akademiker zu sein, sondern uns für Auszubildende, Arbeitnehmer und Schüler von Real- und Hauptschulen stark machen." Lewandowksy und seine Gruppe haben dazu einen Antrag vorbereitet, den viele Landesverbände auf dem Essener Kongress unterstützen.

Die Jusos sind auf der Suche

Peter Lösche ist selber ein Ex-Juso, in den 70er Jahren war der Parteienforscher Vorsitzender im Berliner Problemstadtteil Neukölln. Damals hatten die Jusos bundesweit über 300.000 Mitglieder, es habe eine ganz andere Dynamik geherrscht, erinnert sich Lösche. "Unsere ganze Generation war politisiert. Wir wurden erst vom Schwung der Studentenbewegung mitgerissen. Dann begeisterten uns Köpfe wie Willy Brandt für die SPD." Heute sei die Situation eine andere, den Jusos mangele es schlicht an Zielen. "Sie wirken hilflos und orientierungslos. Sie suchen den Sinn in ihrer Arbeit und ihrer Rolle innerhalb der Partei." Das sei aber kein Personalproblem. Drohsel jedenfalls habe er sehr geschätzt. Vogt kennt er noch nicht.

Der neue Vorsitzende hat sich schon hohe Ziele gesteckt: "Die SPD will den demokratischen Sozialismus, das steht im Parteiprogramm. Das halte ich für eine richtige Vision, an der wir festhalten müssen", sagt Vogt. Dafür will er jetzt Mehrheiten organisieren. Auch in Koalitionen mit der Linkspartei auf Bundesebene. "Das halte ich für eine zentrale Aufgabe der Jusos, da spielen wir eine wichtige Rolle." Deshalb arbeitet Vogt schon eng mit den Jugendorganisationen der Grünen und der Linkspartei zusammen, etwa bei außerparlamentarischen Protestaktionen. Dass es in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen zu einer stabilen rot-rot-grünen Koalition nicht gereicht hat, bedauert er.

In der SPD macht sich Vogt durch die Nähe zur politischen Konkurrenz nicht nur Freunde. "Da müssen wir noch viele Widerstände in der Partei, gerade bei der älteren Generation, überwinden." Ob das gelingt, wird sich zeigen. Für den Mann aus dem Sauerland wird es ab jetzt ernst, nach seiner Wahl in Essen steht er im bundespolitischen Rampenlicht. Noch wirkt Vogt in YouTube-Videos blass. Aber zumindest bekennt er Farbe: Ein Funktionär sieht rot.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker