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stern-Interview

Norbert Röttgen: "Wir können uns nicht ein Jahr mit uns selbst beschäftigen"

Norbert Röttgen ist der Überraschungskandidat im Rennen um den CDU-Vorsitz und die Kanzlerkandidatur. Im Interview mit dem stern erklärt der frühere Umweltminister, wie dramatisch die Lage für seine Partei ist – und warum er glaubt, der Richtige für den Job zu sein.

Norbert Röttgen

Norbert Röttgen: "Bin nicht erst seit vergangenen Dienstag ökologisch und klimapolitisch glaubwürdig"

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Herr Röttgen, Ihre Kandidatur für den CDU-Vorsitz wirkt wie ein Affront. Der ursprüngliche Zeitplan bis Jahresende kann nicht gehalten werden – und die Hinterzimmerkungelei nun auch nicht mehr.

Einen Affront würde ich das nicht nennen. Im Gegenteil: Mit meiner Kandidatur ist ein politischer Prozess in Gang gesetzt worden. Es geht um Erneuerung. Und Erneuerung kann nicht im Hinterzimmer stattfinden, sie kann nur in einem offenen Prozess gelingen. Dazu habe ich mit meiner Kandidatur einen Beitrag geleistet.

Wie würden Sie den Zustand der CDU beschreiben? Wir hätten vier Antwortvorgaben – a) schlecht, b) sehr schlecht c) vergleichbar mit dem der SPD d) da rede ich lieber nicht drüber.

Meine Formulierung ist: Die CDU steht vor schweren Herausforderungen.

Norbert Röttgen

Was können Sie besser als Ihre potenziellen Mitbewerber Friedrich Merz, Jens Spahn, Armin Laschet?

Ich bin nicht der Richtige, um mich mit den anderen zu vergleichen. Für mich spricht aber sicher, dass ich den Anspruch formuliert habe, dass die CDU eine inhaltliche und strategische Neupositionierung braucht. Ich nehme außerdem für mich in Anspruch, dass ich ökologisch und klimapolitisch glaubwürdig bin und das Thema für mich nicht erst am vergangenen Dienstag entdeckt habe. Gleiches gilt dafür, dass ich seit langem für eine neue außenpolitische Rolle Deutschlands eintrete.

Sie vermissen bei den anderen Kandidaten eine ähnliche programmatische Erklärung?

Ich habe vermisst, dass die inhaltliche, strategische und zum Teil existenzielle Dimension, die sich mit der Neuwahl des Parteivorsitzes verbindet, eine Rolle gespielt hat. Wenn das anders gewesen wäre, weiß ich gar nicht, ob ich kandidiert hätte.

Ihr Tipp: Wer ärgert sich am meisten von den Dreien über Ihre Kandidatur?

Die CDU ist ordnungspolitisch ganz klar eine Partei des Wettbewerbs. Ärgern über Wettbewerb ist bei uns also ordnungspolitisch verboten.

Es ist ein offenes Geheimnis: Markus Söder hält nicht viel von einem Kanzlerkandidaten Friedrich Merz. Er hat als CSU-Chef aber ein gewichtiges Wort mitzureden. Können Sie mit Söder?

Wir kennen uns seit Jahrzehnten, schon aus JU-Zeiten. Wir haben eine Verbindung aus unserer gemeinsamen Zeit als Umweltminister. Ich kann völlig unkompliziert mit Markus Söder sprechen und zusammenarbeiten.

Verstehen Sie sein Drängen, die Personalfrage an der Spitze der CDU schnell zu klären?  

Absolut. Es ist unvorstellbar, dass wir bei den Problemen, die wir in diesen Zeiten haben, eine CDU erleben, die bis zum Ende des Jahres mit sich selbst beschäftigt ist. Ich bin deshalb für einen Sonderparteitag, besser im Mai als im Juni. Ich bin auch für eine Mitgliederbefragung, weil ich der Meinung bin, und das schon seit Jahren, dass Mitglieder etwas davon haben müssen, in der Partei zu sein. Mitglieder können so etwas entscheiden, gerade in Personalfragen. Hier wäre so ein Fall.

Der neue stern hat Angela Merkel auf dem Cover: Danke! In der Titelgeschichte geht es darum, dass es Zeit sei, zu gehen. Ihr Bleiben im Amt würde die CDU als Volkspartei für weitere 20 Monate destabilisieren. Ein Nebeneinander zwischen CDU-Chef und Kanzlerin führe nur zu Dauerzwist. Ist der Gedanke so fern?

Ich halte den Gedanken jedenfalls nicht tragfähig für die Schlussfolgerung, dass sie zurücktreten muss. Bei aller Würdigung unserer Parteiendemokratie – es gibt immer noch eine Unterscheidung zwischen den staatlichen Institutionen und den Parteien, die am politischen Prozess mitwirken. Dass wir das Amt des Bundeskanzlers in dieser Weise an ein Parteiamt binden, das geht mir prinzipiell zu weit. Pragmatisch politisch aber stimmt: Beides in einer Hand ist besser. Wenn wir im Frühsommer über die oder den neuen CDU-Vorsitzenden entscheiden sollten, dann haben wir noch ein gutes Jahr bis zur Bundestagswahl. Verdammt nochmal, das werden wir doch hinkriegen.

Da sind Sie sind optimistisch?

Beide, die Kanzlerin und der oder die neue CDU-Vorsitzende, wissen, dass sie in dieser Hinsicht keinen Schuss mehr frei haben. Es muss also gelingen.