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NRW-Landtagswahl: Röttgens Feindeskreis

Kaum ein CDU-Politiker hat sich so viele Gegner in den eigenen Reihen gemacht wie Norbert Röttgen. Jetzt spürt der NRW-Spitzenkandidat die Folgen.

Von Nikolai Fichtner

Es gibt CDU-Politiker, die behaupten, Norbert Röttgen habe keine Freunde in der Politik. Aber das ist nicht wahr. Es gibt zum Beispiel Oliver Wittke. Die beiden kennen sich seit mehr als 20 Jahren. 1992 hatten beide Ambitionen auf den Vorsitz der Jungen Union in Nordrhein-Westfalen. Sie haben sich dann auf einen gemeinsamen Kandidaten geeinigt: Norbert Röttgen. Das erwies sich als solide Basis für eine lange politische Freundschaft. Röttgen ist heute Chef der NRW-CDU, Wittke Generalsekretär.

Unbestritten ist dagegen, dass Röttgen sich mit 46 Jahren schon eine beeindruckende Zahl von Feinden geschaffen hat. Solange er erfolgreich ist, muss das nicht schaden - Feinde gehören eben zum Geschäft. Doch im Fall Röttgen werden die persönlichen Feinde gerade zum politischen Faktor: Der NRW-Spitzenkandidat weigert sich, sein Amt als Bundesumweltminister auch für den Fall einer Niederlage aufzugeben. Und in der wichtigsten Phase seiner Karriere, im beginnenden Wahlkampf, finden sich genügend Parteifreunde, die ihm öffentlich Ratschläge geben - und ihn so in die Enge treiben.

Aufstieg ohne Klüngel

Es dauerte nur zwei Tage nach der Neuwahlentscheidung, bis der Ärger losging. Der Erste, der Röttgen aufforderte, seine Rückfahrkarte nach Berlin abzugeben, war CSU-Chef Horst Seehofer. Der ist kein Röttgen-Feind, aber er kennt auch keine Freunde in der Politik. Die nächsten beiden waren Joachim Pfeiffer und Michael Fuchs, zwei CDU-Wirtschaftspolitiker, denen der Atomkritiker Röttgen immer schon zu grün und zu arrogant war.

Und am Montagabend dauerte es nicht lange, bis gleich drei kritische Wortmeldungen von nordrhein-westfälischen Bundestagsabgeordneten öffentlich wurden. Nicht jeder Kritiker ist ein Gegner, mancher ist bloß ehrlich enttäuscht, dass Röttgen sich nicht klar bekennt. Aber der Effekt ist der gleiche: Die Debatte stört Röttgens Wahlkampf. "Wohlmeinende würden diese Ratschläge nicht öffentlich machen", sagt ein Röttgen-Vertrauter.

Normalerweise gehört eine große Gefolgschaft zu den wichtigsten Grundlagen von politischer Macht. Bei Röttgen ist das anders. "Röttgen ist kein Klüngelkönig", sagt Peter Liese, CDU-Europaparlamentarier, der Röttgen seit 20 Jahren kennt. "Er ist durch seine Fähigkeiten in Positionen gekommen, nicht durch Seilschaften."

Unsentimentale Attacken

Neben seiner glänzenden Rhetorik und der schnellen Auffassungsgabe gehört zu diesen Fähigkeiten auch die Gabe, selbst Förderer unsentimental anzugreifen. Zum Beispiel Peter Hintze, als es um den Vorsitz der nordrhein-westfälischen Bundestagsabgeordneten ging. Oder Volker Kauder, dem er 2009 den Posten des Fraktionschefs abnehmen wollte. Das Ergebnis waren zwei Freunde weniger.

Einige sind in seine Schusslinie geraten, andere einfach nur anderer Meinung. Der Aufstieg des grünen-nahen Röttgen ist ja auch eine Bedrohung für Konservative in der CDU. Wiederum andere sind neidisch auf Röttgens Überfliegerstatus. Ronald Pofalla zum Beispiel, der Kanzleramtschef, kann mit Röttgen zwar zusammenarbeiten. Herzlichkeit kommt dabei jedoch nicht auf, eher Schadenfreude.

Protagonist der Modernisierer

Aber es gibt auch echte Röttgen-Freunde. Die Umweltpolitiker in der CDU zum Beispiel, die Röttgen als machtpolitisch versierten Anwalt für ihr Anliegen schätzen. Ministerpräsidenten wie Christine Lieberknecht und David McAllister, die keine Konkurrenten sind, aber wie Röttgen eine moderne CDU wollen. Oder alte Weggefährten wie Generalsekretär Hermann Gröhe und Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier. Je besser sie Röttgen kennen, desto weniger überrascht sie sein Verhalten. "Der setzt sich niemals als Fraktionschef in den Landtag von Nordrhein-Westfalen", sagt einer. Landtag! "Das würde der gar nicht aushalten."

FTD