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Interview

"Correctiv"-Chefredakteur: Investigativjournalist Schröm zu Ermittlungen: "Habe nie im Leben jemanden angestiftet"

Der Journalist Oliver Schröm hat den milliardenschweren Betrug mit Cum-Ex-Geschäften aufgedeckt. Jetzt wird gegen ihn ermittelt. "Ich lasse mich nicht abschrecken", sagt er im Gespräch mit dem stern.

Oliver Schröm

"Das ist Bullshit": Investigativjournalist Oliver Schröm

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Oliver Schröm hat den womöglich größten Steuerbetrug in der Geschichte aufgedeckt: Europa wurde durch windige Steuertricks um mindestens 55 Milliarden Euro gebracht, allein Deutschland sind rund 30 Milliarden Euro entgangen. Die Berichterstattung zu den sogenannten "Cum-Ex-Files" wurden von dem früheren stern-Investigativjournalisten und heutigen "Correctiv"-Chefredakteur angestoßen und gemeinsam mit 18 europäischen Medienpartnern recherchiert. 

Das "Wie" interessiert nun die Staatsanwaltschaft Hamburg. Es soll untersucht werden, wie genau das Recherchebüro an die sensiblen Informationen gelangte. Oliver Schröm wird Anstiftung zum Verrat von Geschäftsgeheimnissen (nach §17 UWG, Gesetz gegen Unlauteren Wettbewerb) vorgeworfen. "Es ist das erste Mal, dass dieser Paragraph auf einen Journalisten angewendet wird", schreibt "Correctiv" in einem offenen Brief zu den Ermittlungen.

Im Gespräch mit dem stern spricht Oliver Schröm über die Folgen seiner Recherchen und welche Auswirkungen die Ermittlungen schon jetzt auf seine journalistische Arbeit haben.

Investigativjournalist Schröm: "Es haben sich schon Informanten bei mir gemeldet, die Sorge haben"

Herr Schröm, Sie haben einen milliardenschweren Betrug am Steuerzahler aufgedeckt – und jetzt selbst mit Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zu tun. Wie und wann haben Sie davon erfahren?

Oliver Schröm: Das muss vor etwa acht Wochen gewesen sein, kurz vor oder nach der Veröffentlichung der "Correctiv"-Recherche zu den Cum-Ex-Files. Von den Ermittlungen selbst habe ich durch einen Umweg erfahren: Ein Gesprächspartner während meiner Recherchen hat mich angerufen. Er sei von der Polizei im Auftrag der Staatsanwaltschaft Hamburg vernommen worden. Es sei dabei um meine Person gegangen.

Ihre Reaktion?

Ich konnte mir darauf zunächst keinen Reim machen. Ich wusste, dass die Schweizer Justiz gegen mich mal ermittelt hat – damals zu einer stern-Geschichte (13/2014), die erstmals die Cum-Ex-Geschäfte an die breite Öffentlichkeit getragen hat. Die Schweizer Bank Sarasin (Bank J. Safra Sarasin, Anm. d. Red.), um die es in unserer Geschichte ging, hatte mich angezeigt. Man wollte strafrechtlich gegen mich vorgehen, weil man es presserechtlich nicht konnte. Die Bank wusste, dass wir alles belegen konnten.

Wie lautete damals der Vorwurf?

Wirtschaftsspionage. Daraufhin habe ich auf Anraten der Anwälte einen weiten Bogen um die Schweiz gemacht, um keine Festnahme zu provozieren. Wie sich später herausgestellt hat, war diese Vorsicht nicht verkehrt. Die Lage war ernst. Irgendwann habe ich eine Nachricht von einem Anwalt bekommen, den wir beauftragt hatten, und Entwarnung gegeben hat.

Die Anstiftungen sind konstruiert, um gegen Journalisten ermitteln zu können

Und heute? Müssen Sie wieder einen "weiten Bogen" um die Schweiz machen?

Vielleicht sollte ich das jetzt wieder, ich weiß es nicht. Am 19. März 2018 hat die Zürcher Staatsanwaltschaft ein Verfahrensübernahmegesuch an die Staatsanwaltschaft Hamburg geschickt – am selben Tag hatten wir bei "Correctiv" – und anderen Publikationen – die Zürcher Staatsanwaltschaft zu ihren fragwürdigen Verhörmethoden bei einem Cum-Ex-Whistleblower konfrontiert. Die zeitliche Nähe ist auffällig. Wie auch immer: Auf jeden Fall hat ab diesem Zeitpunkt die Staatsanwaltschaft Hamburg übernommen. Seit einem Dreivierteljahr wird nun in Hamburg gegen mich ermittelt.

Ihnen wird "Anstiftung zum Verrat von Geschäftsgheimnissen" vorgeworfen. Sie sollen Banker im Rahmen Ihrer Recherchen dazu angestiftet haben, Straftaten zu begehen. Wie bewerten Sie die Vorwürfe?

Das ist Bullshit. Ich habe noch nie in meinem Leben jemanden zu einer Straftat angestiftet. Es ist doch so: Whistleblower melden sich bei Journalisten. Diese berichten bei entsprechender Beleglage, oder auch nicht. Das ist keine Straftat. Das ist journalistische Berichterstattung. Ich habe schon öfter Verfahren wegen Anstiftung am Hals gehabt, zum Beispiel, als wir beim stern auf Grundlage eines geheimen Regierungsberichtes über Murat Kurnaz berichteten, der im US-Gefängnis Guantanamo von deutschen Geheimdienstlern aufgesucht worden war. Wenn man sich die entsprechenden Ermittlungsakten später dazu angesehen hat, wurde deutlich: Die Staatsanwaltschaft wusste gar nichts. Die Anstiftungen waren konstruiert, um gegen Journalisten ermitteln zu können und somit an die Quellen zu kommen.

Sie berichten in einem Making-of-Video, dass Sie bereits nach Veröffentlichung im stern (13/2014) "noch nie so viele Anfeindungen und Drohungen" erhalten hätten. Wie kann man sich diese vorstellen – und wer waren oder sind die Urheber?

Damals war es ganz konkret die Schweizer Bank Sarasin. Über einen in Deutschland bekannten Medienanwalt ließ man mich wissen, dass die Bank strafrechtlich gegen mich vorgehen will. Wie schon eingangs gesagt: Es war keine presserechtliche Androhung. Sie drohten strafrechtlich gegen mich vorzugehen, wenn ich weiterhin auf Grundlage interner Bankunterlagen über ihre krummen Cum-Ex-Geschäfte berichte. Das war ein Einschüchterungsversuch. Ich habe mich damals nicht davon beeindrucken lassen. Ein paar Monate später ist die nächste Geschichte im stern erschienen.

Ich lasse mich nicht von der Hamburger Staatsanwaltschaft abschrecken

Sie berichten in dem Video außerdem von Privatdetektiven, die Sie beschattet hätten. Bis heute?

Ob das bis heute der Fall ist, kann ich nicht sagen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich damals - im Beisein von Informanten - beschattet und fotografiert wurde. Die dabei verwendeten Kameras waren so hochauflösend, dass man auf den Bildern sogar sehen konnte, wie viele Blatt Papier ich dabei hatte. Das weiß ich aus Akten, die mir später zugespielt wurden. Auch Rechnungen von den Detekteien wurden mir später zugespielt. Da waren irre Summen im Spiel, die die Bank für Privatdetektive gezahlt hat.

Nun soll eine neue EU-Richtlinie in deutsches Recht überführt werden. Grundsätzlich geht es in dem Gesetzesentwurf um den Schutz von Geschäftsgeheimnissen. Auch auf den Schutz von Journalisten und Whistleblowern wird darin hingewiesen – laut Kritikern aber nicht ausreichend. Die bemängeln, dass der Entwurf Journalisten und Whistleblower nicht davor schütze, verklagt zu werden. Was halten Sie von dem aktuellen Vorschlag?

Nichts. Ich war am Mittwoch im Rechtsausschuss, bei der Anhörung zu dem Gesetzesentwurf. Mein Eindruck ist, dass allen klar war, dass dieser Vorschlag murks ist. Der Schutz von Geschäftsgeheimnissen ist an und für sich okay. Aber Journalisten und Whistleblower werden darin nicht ausreichend berücksichtigt und geschützt oder haben in diesem Gesetz nix zu suchen. Sollte dieser Entwurf verabschiedet werden, ist das für mich ein Angriff auf die Pressefreiheit. Mit diesem Entwurf könnten Journalisten dazu gezwungen werden, ihre Quellen offenzulegen.

Beeinträchtigen allein die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hamburg schon Ihre journalistische Arbeit – etwa, weil sich Informanten aus Sorge von Ihnen abwenden?

Das laufende Ermittlungsverfahren wurde zwar erst vor wenigen Tagen publik, aber ja. Es haben sich schon Informanten bei mir gemeldet, die Sorge haben, dass sie auch ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten könnten. Ich konnte sie beruhigen - aber auch verstehen. Wenn gegen Journalisten ermittelt wird, kann die Staatsanwaltschaft theoretisch alle Maßnahmen ergreifen. Von der Durchsuchung meiner Wohnung bis zum Abhören meiner Telefonate.

Und Sie? Schreckt Sie diese Vorstellung vor weiteren Recherchen ab?

Ich habe mich vor vier Jahren nicht abschrecken lassen. Und ich lasse mich auch heute nicht von der Hamburger Staatsanwaltschaft abschrecken. Ich mache einfach weiter meinen Job.