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Pädophilie-Vorwürfe: Das verschleppte, dunkle Kapitel der Grünen

Die Grünen waren nie die Lobby der Kinderschänder. Aber sie haben das unrühmliche Kapitel pädophiler Strömungen in ihrer Partei nicht aufgearbeitet. Nun fällt es ihnen im Wahlkampf auf die Füße.

Eine Analyse von Thomas Schmoll

Volker Beck sah sich genötigt zu reagieren. Der "Bayernkurier", Sprachrohr der CSU, hatte behauptet: "Die Grünen haben jahrelang die Legalisierung von Sex mit Kindern gefordert". Beck, bekennender Schwuler und damit sowieso Hassobjekt für Erzkonservative, wies die Verdächtigungen in seinem Blog zurück. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen sieht in den Vorwürfen die "Skrupellosigkeit der CSU und rechts-religöser Ideologen". So weit, so normal im politischen Geschäft: Es ist Wahlkampf und da spart keine Seite mit deftigen Worten.

Aber: Auf Becks Blogseite ist auch ein Leserkommentar zu finden. Der Autor erinnert den Grünen an 1985, als ein Landesparteitag der NRW-Grünen mehrheitlich forderte: "Gewaltfreie Sexualität darf niemals Gegenstand strafrechtlicher Verfolgung sein." Und der Autor - "seit dieser Zeit habe ich mich von den Grünen mit Grausen abgewendet" - stellt eine simple Frage: "Sind diese Antragsteller noch in der Partei?" Weiter heißt es: "Ich hatte diesbezüglich schon einmal bei den Grünen nachgefragt, aber keine Antwort erhalten, oder eine Antwort, die nicht meiner Frage entspricht." Das war im April 2010.

Thema vertagt - auf Nachwahlzeiten

Doch eine Antwort auf diese Frage gibt es bis heute nicht, auch nicht für Journalisten, die bei den Grünen nachfragen. Das Thema ist offiziell vertagt - bis nach der Bundestagswahl. Wahrscheinlich Ende 2013 soll ein unabhängiger, von den Grünen beauftragter Parteienforscher eine Studie vorlegen, die die pädophile Strömung in der Partei detailliert durchleuchtet. Welcher Wissenschaftler die Aufgabe übernehmen soll, ist unklar. Die Grünen suchen nach eigenen Angaben noch eine geeignete Persönlichkeit. Statements zum derzeiten Stand der Erkenntnisse will keiner aus dem grünen Führungspersonal - Jürgen Trittin oder Claudia Roth - abgeben. Die Strategie ist klar: Die Grünen wollen die Angelegenheit klein halten. Doch dafür ist es, wieder einmal, zu spät.

Spätestens als der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, sich weigerte, bei einer Preisverleihung die Laudatio auf Daniel Cohn-Bendit halten, ist das Thema omnipräsent. Voßkuhle hatte seine Absage damit begründet, dass sich Cohn-Bendit unangemessen über die Sexualität von Kindern geäußert hatte. Quelle ist ein fast 40 Jahre altes Buch. Darin schreibt der grüne Alt-Revoluzzer: "Es ist mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln." War das nur eine Provokation, wie es Cohn-Bendit heute verstanden wissen will? Oder ein Ausdruck der pädophilen Bewegung innerhalb der Grünen? Eine Dokument, dass die pervertierten Auswüchse der 68er-Bewegung spiegelt?

Offene, peinliche Fragen

Dass die Debatte nun nochmal so viel Raum gewinnt, ist selbstredend dem Wahlkampf geschuldet - aber auch den Grünen selbst. Die Partei hat pädophile Strömungen längst trockengelegt. Missbrauch, also Sex unter Gewaltanwendung, hat sie stets verurteilt. Gleichwohl hat sie das dunkle Kapitel in den 80er Jahren, als sie politische Anlaufstelle für Päderasten war, die Straffreiheit für "freiwilligen" Sex mit Kindern durchsetzen wollten, nie systematisch aufgearbeitet. Zwar sind die Grünen dem Thema nicht unbedingt ausgewichen. Aber sie zeigten auch wenig bis gar kein Interesse, Fragen umfassend und offensiv zu beantworten. Deswegen umgibt sie nun ein Ruch des Verdrängens, Verschweigens und Vertuschens.

Fragen gibt es zuhauf: Wie groß war der Einfluss pädophiler Strömungen in der Organisation? Wurden sie mit Parteigeldern unterstützt? Warum hat sie die Führung überhaupt geduldet? Hat sich die Spitze der Grünen dafür eingesetzt, die Päderasten rauszuschmeissen? Oder sind von selbst gegangen, weil sie merkten, ihre Ziele nicht verwirklichen können? Wie haben sich Otto Schily, Joschka Fischer, Petra Kelly und andere Gallionsfiguren der Partei positioniert? Hat sie mit ihrem Toleranzverständnis seinerzeit übertrieben? Haben die Grünen gar moralische Schuld auf sich geladen?

Ins grüne Gedächtnis gegraben

Fragen, die nun zu Wahlkampfzeiten diskutiert werden, was den Grünen schaden wird. Warum also haben sie das Thema nicht viel früher bearbeitet? Die Grünen-Spitze verteidigt sich gegen den Vorwurf, jahrelang untätig gewesen zu sein, mit These, es sei ja sowieso alles längst bekannt gewesen. "Es geht bei der wissenschaftlichen Studie ja nicht darum, bislang verborgenes oder gar geheimes Geschehen nun endlich ans Licht zu bringen", sagt ", sagt Parteisprecher Jens Althoff. Damals seien Parteidebatten "immer" öffentlich gewesen, die Vorgänge "weitestgehnd bekannt". Allerdings, räumt er ein, fehle "bis heute eine vollständige Übersicht zu dieser Debatte innerhalb der Partei, ihre Dauer und ihr tatsächlicher Einfluss auf das Wirken der jungen Grünen sowie auch zu entsprechenden Debatten dazu in der Gesellschaft".

Sicher ist, dass Pädophile versuchten, Einfluss zu nehmen. "Da wird man reichlich fündig werden, da brauche ich keinen Historiker", sagte Cohn-Bendit. Der Grünen-Politiker hat mit der Aussage mehr Recht, als ihm und seiner Partei Recht sein dürften. Der "Spiegel" hat sich ins "grüne Gedächtnis", das Archiv der Heinrich-Böll-Stifung, eingegraben und jede Menge schmutziger und widerlicher Sachen zu Tage gefördert, die das Ausmaß der Pädophilen-Strömungen in den Anfängen der Partei andeuten. "Sie müssen sich nur die Anträge zur Altersfreigabe beim Sex mit Erwachsenen ansehen: Das war bei den Grünen Mainstream", erklärt Cohn-Bendit und fragt: "War es falsch?" Seine Antwort: "Mein Gott, natürlich war es falsch. Und trotzdem wird die Sexualität immer zu den Dingen gehören, die wir nicht in den Griff bekommen, egal von welcher Seite."

Cohn-Bendits Selbstgeißelung

Es ist nicht nur die bisherige Halbherzigkeit beim Umgang mit dem Thema, sondern es sind auch solche Äußerungen, die dazu führen, dass die Grünen nun ein ums andere Mal erklären müssen, Pädophelie entschieden zu verurteilen. Niemand würdigt derzeit ihr jahrelanges Engagement für die Rechte von Schutzbedürftigen und Minderheiten. Stattdessen werden sie in rechten Blogs als "Kinderfickerpartei" beschimpft.

Im Mittelpunkt dieses Zerrbildes steht Cohn-Bendit, der zwischen Selbstgeißelung und Selbstverteidigung pendelt. In einem ausführlichem "Spiegel"-Interview distanziert er sich zum x-ten Mal entschieden von Pädophelie, nennt frühere Äußerungen "hässlich", "wirr" und "unglaublich angeberisch". Auf die Frage, warum er damals, um zu provozieren, überhaupt über "Sex mit fünfjährigen Kindern" phantasiert habe, antwortet er: "Sexualität der Kinder. Nicht Sex mit Kindern. Das ist ein großer Unterschied." Cohn-Bendit glaubt, mit diesem Interview das Thema nun zu den Akten legen zu können. "Ich habe jetzt alles gesagt, was ich dazu sagen kann. Jetzt ist Schluss", sagt er. Spätestens jedoch wenn ihn der Parteienforscher befragt, wird er seine Ansage revidieren müssen.