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Cohn-Bendits "Kinderschänder"-Problem: Der persönliche Fehler im Zeitalter des Webs

Wer einmal sündigt und in der Öffentlichkeit steht, bekommt keine zweite Chance. Jedem Totschläger geht es besser. Über unser Netzproblem.

Von Lutz Kinkel

Es ist ein paar Jahre her, da meldete sich eine ziemlich verzweifelte junge Frau bei stern.de. Inständig bat sie, ein Foto von der Website zu löschen. Sie posiert darauf leicht bekleidet. In die Welt gesetzt hatte sie das Foto selbst. Es war Teil eines Kalenders, den ihre Abiturklasse hatte drucken lassen, um die obligatorische school's-out-forever-Party zu finanzieren. stern.de hatte die Rechte gekauft, die Bilder publiziert. Nun aber, ein paar Monate nach dem Abitur, wollte sie sich bei der Lufthansa bewerben. Und stellte erschrocken fest, dass ihr Kalenderfoto sofort aufpoppt, sobald sie ihren Namen in Google eingibt. Konservative Arbeitgeber finden so etwas nicht witzig.

Das ist, natürlich, ein vergleichsweise harmloser Fall. Er sei hier nur genannt, um zu verdeutlichen, dass es jeden treffen kann. Ein Fehltritt, eine Sünde, eine Dummheit, die im Netz dokumentiert ist, kann einen Jahre, selbst Jahrzehnte verfolgen. Und mit jedem persönlichen Facebook-Eintrag, mit jedem Tweet, jedem Youtube-Video, steigt die Zahl der potentiellen biografischen Gefahrenstellen. Das Netz wächst täglich, es bohrt sich mit neuen Archivalien zeitlich immer tiefer in die Vergangenheit, es ist ein Weltarchiv geworden, ein Elefantengedächtnis, das niemals vergisst.

Die Gespenster der Vergangenheit

Es setzt das außer Kraft, was für den Umgang in einer zivilisierten Gesellschaft eigentlich unerlässlich ist. Den Dreisatz aus Sünde, Sühne, Vergebung - und dem anschließenden Vergessen. Dieser Verlauf gilt zum Beispiel für das Strafrecht. Ein Totschläger kommt bis zu 15 Jahre in den Knast, in besonders schweren Fällen lebenslänglich, wobei "lebenslänglich" in der Praxis zirka 20 Jahre Haft bedeuten. Danach ist der Täter ein freier Mann, der Eintrag in sein polizeiliches Führungszeugnis wird gelöscht, er bekommt seine zweite Chance, kann irgendwo eine neue Existenz aufbauen. Es sei denn: Sein Name, sein Foto, ein Polizeibericht kursieren im Netz. Dann wird er die Gespenster seiner Vergangenheit nie los.

Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit hört auch wieder das Kettengerassel seiner Vergangenheit. Die Gespenster sind ein Buch ("Der große Basar") und ein Video, beides ist im Netz schnell zu finden. Das Video zeigt den jungen Cohn-Bendit, mit Lederjacke und Zottelhaar, in einer französischen Talkshow Mitte der 70er Jahre. Er plaudert über seine Arbeit in einem antiautoritären Kinderladen, über seine kleinen Schützlinge. "Ich wasche ihnen den Popo, ich kitzele sie, sie kitzeln mich. Wir schmusen", sagt er. Der Schriftsteller Paul Guth, ebenfalls Gast in der Talkshow, warnt höflich, es möge "nicht zu viel Schmusen" sein. Cohn-Bendit findet die Bemerkung "lächerlich". "Die Sexualität eines Kindes ist etwas Fantastisches", sagt er. "Es ist großartig, weil es ein Spiel ist. Es ist ein wahnsinnig erotisches Spiel."

Vergessen in der analogen Welt

Diese Sätze sind schockierend, Cohn-Bendit selbst nennt sie heute "unerträglich". Er verweist auf die 68-er-Revolte, deren Protagonist er war, auf den Zeitgeist, auf die verqueren Vorstellungen über kindliche Sexualität. Und er sagt, er habe viele Szenen nur zum Zwecke der Provokation geschildert, sie hätten so nie stattgefunden. Die Eltern der von ihm betreuten Kinder haben sich auf seine Seite gestellt, sie nehmen ihn in Schutz. Aber es nutzt nichts. Wer Cohn-Bendit bei Google eingibt, bekommt sofort den zusätzlichen Suchvorschlag "Kinderschänder". Just hat Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle eine Festrede abgesagt, die er anlässlich der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Cohn-Bendit halten sollte. Voßkuhles Begründung: Der Grüne habe sich vor 40 Jahren "in nicht unproblematischer Weise zur Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen" geäußert.

Vor 40, oder sagen wir: noch vor 20 Jahren hätte es für jeden normalen Menschen noch einen enormen Aufwand bedeutet, sich darüber überhaupt zu informieren. Das Buch - längst vergriffen. Die Talkshow - in irgendeinem französischen Archiv. Kritische Zeitungsartikel - nur auf Anfrage bei Verlagen zu bekommen, wenn überhaupt. Klar: Wer es wirklich wissen wollte, konnte es auch schon damals wissen, auch in der analogen Welt konnte die Geschichte einen Prominenten einholen. Aber sie ließ sich aussitzen. Nach ein paar Wochen war das Gedruckte kompostiert und das Gesendete verflogen.

Urteil statt Betrachtung

In der digitalen Welt ist alles archiviert und in Sekundenschnelle abrufbar, für jedermann. Das Cohn-Bendit-Video ist im Netz. Die Talkshow, in der Nina Hagen das Onanieren demonstriert. Dirk Niebel als hässlicher Deutscher mit Bundeswehrmütze in Afrika. Jürgen Rüttgers' peinliche Attacken gegen Rumänen. Alles Quellen, audiovisuell, ohne Einordnung, emotional überwältigend und das Image des Betroffenen prägend. Und scheinbar allzeit aktuell. Das Netz verwirrt unseren Begriff der Zeit, es gaukelt einen ahistorischen Raum vor, in dem es kein davor und danach gibt. Das erschwert Betrachtungen und fördert schnelle, vernichtende Urteile. Cohn-Bendit ist angeblich Kinderschänder, Niebel ist ein Militarist, Rüttgers ist Ausländerfeind.

Tausendfach geliked, geshared, kopiert, weiter kolportiert fressen sich solche Aussagen im Netz fest. Das digitale Gedächtnis orientiert sich, darin dem menschlichen staunenswert ähnlich, nicht an Fakten, sondern am emotional aufgeladenen Bild. Das macht es für Personen des öffentlichen Lebens besonders gefährlich. Denn die Wucht des Anscheins überrollt jede Differenzierung. Das Abwägen, Prüfen und Gegenrecherchieren, die Qualitätsfilter also, sind auf die Medien und journalistisch arbeitende Blogger beschränkt. Aber selbst die, selbst wir lassen uns treiben. Vom Netz, in dem jeder schreibt, was er will, und der Lauteste die höchste Aufmerksamkeit genießt.

Aufmarsch der Sprechroboter

Joachim Gauck, der Bundespräsident, beklagte jüngst den "Tugendfuror", der sich in Deutschland breit gemacht habe. Er meinte damit die Sexismus-Debatte, die der stern ausgelöst hat. Gauck ist ein Mann der analogen Welt, ein Theologe, ihm ist der Mechanismus von Sünde, Sühne, Vergeben und Vergessen wohlvertraut. Er wollte wohl auch sagen: Geifert nicht, seid großherzig, wir sind alle nur Menschen. Dieser Hinweis war bei der Sexismus-Debatte verfehlt, weil genau diese Praxis die Leiden von Frauen wieder unsichtbar macht. Dennoch: Der "Tugendfuror" ist, als allgemeines Unbehagen an sich überschlagender Kritik und verbaler Todesurteile verstanden, ein bedenkenswertes Phänomen.

Ein Journalist, der sich fürs Nachdenken und Schreiben bezahlen lässt, kann nichts gegen die Informationsfülle des Netzes haben. Aber er muss seine Maßstäbe genau kalibrieren: Gestern ist nicht heute, das schnell Begreifbare ist nicht unbedingt das Wesentliche, ein massenhaft verbreitetes Gerücht bleibt ein Gerücht und jeder Mensch hat das Recht auf eine zweite Chance. Sind wir nicht hinreichend fehlertolerant, wird niemand mehr etwas wagen, skandalisieren wir jeden verunglückten Satz, haben wir in Öffentlichkeit bald nur noch Sprechroboter. Hysterien müssen als solche kenntlich gemacht, oder noch besser: ignoriert werden.

Post-Privacy nur bei Unfehlbarkeit

Für den privaten Menschen ist die Regel einfacher. Natürlich haben wir damals, obwohl rechtlich nicht dazu verpflichtet, das Kalenderfoto der jungen Frau gelöscht. Ihr aber auch gesagt: Damit ist es nicht verschwunden, die Weiterverbreitung ist nicht zu kontrollieren. Wer eine Privatsphäre haben will, muss sie aktiv schützen, schon als Kind, als Jugendlicher, mit Hilfe der Eltern. Post-Privacy ist nur etwas für die Unfehlbaren.

Mitarbeit: Thomas Schmoll