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Passau: Die Angst der CSU vor leeren Bänken

Stell Dir vor, Stoiber kommt - und niemand will ihn hören. Mit dieser Sorge plagt sich die CSU vor dem politischen Aschermittwoch. Doch Generalsekretär Markus Söder hat eine Gegenstrategie: Er will tüchtig Bier ausschenken lassen.

Von Marie-Sophie Löhlein

Der CSU geht die Muffe. Politischer Aschermittwoch in Passau, Stoiber spricht - und die Dreiländerhalle ist nur halb besetzt. Früher, als das Brüllen des bayrischen Löwen noch ernster genommen gewurde, strömten die Bayern in Scharen nach Passau, auch aus Norddeutschland kamen ganze Buslandungen Fans. Doch seitdem sich Stoiber so unrühmlich aus Berlin zurückgezogen hat, ist die Stimmung mau. Jenseits der Donau, so ist zu hören, läuft der Verkauf der Karten nur schleppend.

Man erwarte 9000 Gäste, tönte CSU-Generalsekretär Markus Söder bei einem Pressevorgespräch - räumte aber auf Nachfrage ein, dass man lediglich so viele Karten verschickt habe. Dass die Resonanz nicht allzu berauschend ist, berichtete Martin Olbrich von der CDU Peine (Niedersachsen) am Samstag einem Reporter der Süddeutschen Zeitung: "Bisher haben sich gerade mal 54 Getreue angemeldet." Im vergangenen Jahr waren es mehr als doppelt so viele.

"Alle Mann zurückrudern"

Auch in Bayern selbst schwappt die Stimmung nicht gerade über. Das zeigte sich schon bei der Veranstaltung zum 60-jährigen Jubiläum der CSU im Dezember auf dem Münchner Nockherberg. Bei der Begrüßung des bayrischen Ministerpräsident blieb der Beifall spärlich - peinlich spärlich.

Nun wird in der CSU-Zentrale in der Nymphenburger Straße heftig gegengesteuert. Was in erster Linie soviel heißt wie "Alle Mann zurückrudern." Solange sich Stoiber in den vergangenen Jahren für höhere Aufgaben empfehlen wollte, war man eifrig bemüht, das provinzielle Passauer Gamsbart-Image gegen ein "hochtechnisiertes Mega-Event" auszutauschen.

Erziehung zur Zivilisation

Alles begann mit der Wahl Stoibers zum Kanzlerkandidaten der Union im Jahr 2002. Um das allzu trinkfreudige Feiervolk zu zivilisieren, beschloss man kurzerhand, während den beiden Stunden vor der Veranstaltung kein Bier auszuschenken. Dadurch zog die CSU-Spitze zwar anfangs den Unmut der Norddeutschen auf sich, die nach langer Anreise nichts sehnlicher wünschten als ein kühles Bier. Trotzdem gelang es Stoiber die rund 6500 Zuhörer mit seiner Rede in den Bann zu ziehen, die immer wieder von begeistertem Applaus unterbrochen wurde.

Der zweite Schlag kam 2004 mit dem Umzug aus den angestammten Räumlichkeiten der Nibelungenhalle in die hochmoderne Dreiländerhalle. Zwar gab es dort wie immer Biertische und Blasmusik, doch die 2500 Polizisten als Aushängeschild weißblauer Sicherheitspolitik sorgten für eine gewisse Beklemmung unter den Gästen.

Der Schaum, die Schläger

Schlag Nummer drei war die von Markus Söder, dem frisch aus Amerika zurückgekehrten "Wahlkampfstrategen" der CSU, neu entworfene Rund-Tribüne. Sie stand ganz im Zeichen der Fokussierung der CSU auf die Bundespolitik: Hier konnte Edmund Stoiber ganz alleine vom erhobenen Podest gegen "Herrn Schröder" wettern, für ihn der "größte Schaumschläger von allen".

In der aufgeheizten Stimmung des "High-Tech-Events" von 2005, grölten die 8000 Hallengäste selig: "Wir fahren nach Berlin, wir fahren nach Berlin!". Doch Ende des Jahres fuhr der Zug für Herrn Stoiber in die andere Richtung, nicht gezwungenermaßen, sondern weil er es selbst so wollte. Der bayrischen Hoffnungsträger, nun plötzlich selbst im Verdacht ein noch größerer Schaumschläger zu sein, enttäuschte damit viele seiner überzeugten Anhänger.

"CSU pur"

Dieses Jahr soll deshalb alles wieder so werden wie ganz früher. Das Bier darf wieder ungehindert eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn fließen und das imposante Rund-Podest verschrottet. Eine kleinere Kanzel soll nun wieder mehr "Volksnähe" zu schaffen. Das werde heuer "CSU pur", mit "Bayrischer Blasmusik, Bier und Brezn", verspricht Söder.

Außerdem will man ein "klares Bekenntnis zur christlich-abendländischen Position und der Bürgerlichen Leitkultur" ablegen. Ein Versuch also, aus Karikaturen-Kulturkampfdebatte Kapital zu schlagen. Den in der Welt vorherrschenden "Turbokapitalismus" jedoch will Stoiber "aufs schärfste" kritisieren. Schließlich sei Bayern, "das Wohlfühlland Nummer eins" und "soziale Heimat so vieler Menschen" schwärmt General Söder. Die SPD dagegen, mit der man in Berlin zusammen Macht und Pfründe teilt, fällt als Hauptgegenstand des Spottes aus.

Söder pfeift

Die von Markus Söder proklamierte Rückbesinnung von einem wahlkampforientierten, "hochmodernen Eventtreffpunkt" hin zu einem urbayrischen, gemütlichen "Stammtisch", an dem man "Karten spielen und sich nett unterhalten kann", zeigt die momentane Orientierungslosigkeit der CSU. Söder gibt sich gleichwohl zuversichtlich: "Der Passauer Aschermittwoch wird das bayrische Leben in seiner ganzen Herrlichkeit darstellen, es wird ein voller Erfolg!" Es klingt wie das Pfeifen im Walde.