VG-Wort Pixel

Pegida-Pöbeleien "Jeder Dresdner muss aufstehen gegen Mütterchen, die Ausländer beschimpfen"

In Dresden haben Pegida-Demonstranten am Tag der Deutschen Einheit mit ihren Pöbeleien für Entsetzen gesorgt. Im stern-Interview spricht der Dresdner Professor Gerhard Ehninger über die Probleme der Stadt und seine Wut auf die Verantwortlichen.

Ganz Deutschland empört sich über den Hass und die Beschimpfungen der fremdenfeindlichen Pegida-Demonstranten während der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden. Auch viele Dresdner sind beschämt über die Vorkommnisse – unter ihnen auch Prof. Dr. Med. Gerhard Ehninger, der für seinen deutlichen Tweet in den sozialen Netzwerken viel Zuspruch erhalten hat: "Wir müssen zusammenstehen gegen diese Intoleranz und diesen Hass", schreibt er da unter anderem. "Dresdner und Sachsen, schämt euch nicht nur im stillen Kämmerlein. Äußert euch bei jeder Gelegenheit für ein weltoffenes und tolerantes Dresden."

Mit dem stern spricht der Mediziner der TU Dresden über die Vorkommnisse, die Verfehlungen der Ordnungskräfte und die "Dresdner Selbstverliebtheit".

Professor Ehninger, ganz plump gefragt: Sie schreiben "Schämt euch!" - schämen Sie sich für Ihre Stadt?

Ja, ich schäme mich für die Stadt und kann mich nicht mit ihr identifizieren. Ich schäme mich fremd und ich schäme mich derer, die den Hass verbreiten. Ich bin vor 22 Jahren nach Dresden gekommen. Ich habe hier viel Aufbauarbeit geleistet, die durch solche Vorkommnisse wie in der Frauenkirche zerstört wird.

Wer trägt für Sie die Hauptschuld an den Eskalationen – von den pöbelnden Demonstranten einmal abgesehen?

Die Ordnungskräfte haben völlig versagt – was die Auflagen betrifft, die Abgrenzung und die Durchführung: Bachmann hatte die "Sprechstunde" vor dem Verkehrsmuseum angekündigt und 2300 Merkel-Pfeifen verteilt. Das Ordnungsamt müsste solche unangemeldeten Versammlungen eigentlich sofort auflösen – aber stattdessen passiert nichts und es wird auf das Recht zur freien Meinungsäußerung verwiesen. Unsere demokratischen Kräfte sind offenbar zu schwach, um solche Ausschreitungen zu verhindern. Das ist Dummheit oder Absicht, aber beides ist schlimm.

Es wurden also nicht ausreichend Maßnahmen ergriffen?

Ein Beispiel: Was für eine Ordnungsbehörde richtet eine "Sicherheitszone" ein, in der Joachim Gauck nur wenige Meter entfernt von der grölenden Masse aussteigen muss? An der Semperoper wurde Angela Merkel als "Fotze" beschimpft. Aber auch unsere Politiker haben ein Recht darauf, geschützt zu werden. Wenn ich meine Gäste nicht mehr schützen kann, habe ich mein Recht als Gastgeber verwirkt. Aber das alles ist auch eine Folge der Dresdner Selbstverliebtheit.

Dresdner Selbstverliebtheit?

Dresden gibt sich gerne bräsig und verharrt geradezu im Barock: Wir sind doch so gut, wir haben doch so tolle Theater – und dann stellt sich der Polizeichef nach der Einheitsfeier hin und rühmt sich, dass es keine Verletzten und keine Verhaftungen gegeben habe. Dabei ignoriert er völlig, was da an Traumatisierung und Hilflosigkeit ausgelöst wird. Denn wenn man nicht selbstbewusst ist, wirken solche Pöbeleien sehr einschüchternd. 

Sie sind sehr aufgebracht über die Vorkommnisse, aber Sie wollen um Ihr Dresden kämpfen?

Natürlich. Wir dürfen nicht vergessen: Dresden ist eine Ausnahmesituation in den neuen Bundesländern – was Wissenschaft, Kunst, Kultur angeht, dazu eine Spitzen-Uni. Das sind alle Parameter, die zählen – und dann kommen ein paar Pöbler und machen alles kaputt. Wir dürfen nicht vergessen: Bei den Feierlichkeiten waren über 400.000 Leute auf den Beinen.

Was kann jeder einzelne Dresdner gegen den Hass tun?

Jeder einzelne Dresdner muss aufstehen gegen alte Mütterchen, die jugendliche Ausländer beschimpfen; gegen Glatzen, die eine spanische Mutter in der Bahn bedrängen, weil sie zweisprachig mit ihren Kindern redet. Wir müssen den Arsch hochkriegen wie in dem Song von Wolfgang Niedecken: "Arsch huh, Zäng ussenander".


Mehr zum Thema



Newsticker