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Interview

Von Seehofer ausgeladen: Aktionskünstler Philipp Ruch: "Wir brauchen mehr Ausgrenzung"

Politkünstler Philipp Ruch gilt als Provokateur und wurde vom Innenministerium von einem Kongress ausgeladen. Im Interview mit dem stern erklärt Ruch, warum er sich verboten fühlt - und warum wir eine gespaltene Gesellschaft brauchen.

Nikolaus Pichler

Philipp Ruch

Philipp Ruch sagt zu der Asche in seinem Gesicht, sie "besteht aus den verbrannten Hoffnungen Deutschlands"

Picture Alliance

Philipp Ruch gehört zu den umstrittensten Aktionskünstlern Deutschlands. Vergangenen November erregten er und sein "Zentrum für politische Schönheit" erneut Aufsehen. Der Grund war die "Soko-Chemnitz". Bei der Aktion hätten mutmaßliche Neonazis mit Steckbriefen und Fotos auf einer Website aufgespürt werden sollen. Danach wurde gegen den Kopf des Künstlerkollektivs ermittelt.

Ruchs vorerst letzter Streich zog Konsequenzen nach sich. Weil Horst Seehofers Innenministerium in Ruchs für Freitag dieser Woche geplantem Auftritt am Kongress der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) in Leipzig eine "staatlich finanzierte Legitimierung der Methoden des Zentrums für politische Schönheit" sah, intervenierte es bei der untergeordneten BpB. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Das Innenministerium intervenierte bei der Bundeszentrale, und Ruch durfte nicht auftreten (hier unser Bericht dazu). Mit dem stern sprach der Aktionskunstrebell über Emotionslosigkeit in der Politik, warum es mehr Ausgrenzung braucht und eine gespaltene Gesellschaft wünschenswert wäre. 

Philipp Ruch über Einbrechen: "Ich habe drüber nachgedacht"

Herr Ruch, am Freitag hätten Sie eigentlich eine Rede Leipzig auf dem Kongress der Zentrale für politische Bildung halten sollen. Das Innenministerium untersagte Ihnen Ihre Rede. Die Tageszeitung "Welt" hat Ihnen am Donnerstag in einem Kommentar in Anspielung auf den Toilettenwitz der CDU-Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer geraten, durch eine Unisex-Toilette in das Kongressgebäude in Leipzig einzubrechen. Haben Sie schon darüber nachgedacht?

Philipp Ruch: Ja, ich habe drüber nachgedacht, das zu tun. Aber nicht in Leipzig sondern in Ingolstadt, wo unser Innenminister wohnt, um ihm dann die Rede persönlich vorzutragen.

Sie haben sich den Ratschlag also zu Herzen genommen?

Nicht durch die Unisex-Toilette, die wird er nicht haben. Das wird eine normale Haustoilette sein.

Der Kongress in Leipzig steht unter dem Motto "Politik und Gefühle". Sie fühlen sich von der Politik zensiert. Was geht nun in Ihrem Kopf vor?

Ich fühle mich nicht zensiert, sondern verboten. Die politischen Beobachter in Berlin kennen keinen ähnlichen Fall. Das Ministerium versucht das noch, als ganz normale Sache herunterzuspielen. Aber für mich ist das der bayrische Ungeist, der jetzt in das politische Berlin weht und dem wir auf jeden Fall Einhalt gebieten müssen. Dass ein Ministerium, das selber Reden und Kongresse bezahlt, glaubt, Leute per Erlass von Auftritten abhalten zu können, ist ein großes Missverständnis. In der Bundeszentrale für politische Bildung sitzen kluge Menschen, die selber denken können. Die brauchen keine Dienstaufsicht, wie es das Innenministerium erklärt. Dienstaufsicht – das spricht Bände: klingt nach kleinen Kindern, die man ständig überwachen muss. Das ist eine Gängelung, die es so noch nicht gab. Ich mache ja nur radikale politische Kunst. Aber die Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen lud sogar Pegida (Anmerkung der Redaktion: "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes") ein. Da gab es keine Bedenken. Doch wenn es um Humanismus geht, wird es offenbar kritisch.

Auch die Toleranz hat eine Grenze

Die "Welt" hat die Rede, die Sie halten wollten, in ihrer Freitagsausgabe veröffentlicht. Sie beklagen darin, dass man Rechtsextremen und Neonazis mit zu viel Toleranz begegnet. Aber macht nicht genau das tolerante Gesellschaften aus?

Total! Aber wissen Sie, wir sind eine tolerante Gesellschaft und tolerieren trotzdem keine Drogenhändler. Wir sind eine tolerante Gesellschaft und tolerieren trotzdem keinen Terrorismus. Und wir sind eine tolerante Gesellschaft und tolerieren trotzdem keine Pädophilie. Wenn Sie diese drei Kriminalitätsformen nehmen, da gibt es genug Leute, die man in Talkshows einladen könnte und die dort für ihre Interessen streiten. Auch die Toleranz hat eine Grenze. Wir müssen die bei Demokratiefeindlichkeit ziehen. Wir leben in einem Zeitalter der Demokratiefeindlichkeit, das so brandgefährlich ist, weil es ganz schnell gehen kann.

Könnten Sie das konkretisieren?

Wir wissen aus der Geschichte, wie fürchterlich schnell es gehen kann: 1928 bis 1932, wo die NSDAP von 2,6 Prozent auf über 37 Prozent der Stimmen hochschnellt. In nur vier Jahren! Was in der Götter Namen ist da passiert?

Eine größere Leidenschaftslosigkeit als bei Angela Merkel kann ich mir nicht vorstellen

Können Sie sich das, was gerade politisch passiert, damit erklären, dass Gefühle in der Politik eine immer eine größere Rolle spielen?

Gefühle haben in der Politik immer eine große Rolle gespielt, auch Gefühlsmanagement. Mitgefühle und Mitmenschlichkeit sind das Problem unserer Gesellschaft. Unser alter Idealismus, das Erbe der Aufklärung zu verteidigen, geht langsam verloren. Wir tun so, als wäre der Humanismus nur eine Position unter vielen. So als sei es dasselbe, das Grundgesetz zu vertreten, wie für seine Abschaffung zu "streiten". Dem ist nicht so. Letzteres ist klar verfassungsfeindlich und wir müssen es ächten. Wie wir Terroristen oder Drogenhändler ächten.

Wie stark gefühlsbetont ist die deutsche Politik?

Unsere Regierung leidet seit mindestens 15 Jahren unter Emotionslosigkeit. Das sehen wir ja am Schulterzucken von Angela Merkel. Eine größere Leidenschaftslosigkeit kann ich mir nicht vorstellen als bei unserer fast die Dauer von Helmut Kohl amtierenden Bundeskanzlerin. Das große Problem ist Gefühlskälte. Die Herzlosigkeit. Der Umstand, dass wir auf der einen Seite das DDR-Regime zurecht dafür verdammen, was es in 28 Jahren angerichtet hat an der Mauer. Auf der anderen Seite schafft die EU locker in einer Woche, was die DDR in 28 Jahren an Toten produziert hat. Nur im Mittelmeer. Das heißt, es gibt eine absolute Kälte gegenüber unseren Mitmenschen, von deren Sterben wir wissen. Wenn der amerikanische Präsident Kinder einsperren lässt, weinen hier alle. Aber wer beweint genau die ganzen Kinder, die wir direkt im Mittelmeer ertrinken lassen?

Das heißt?

Ich mahne an, das Sterben, das wir durch unsere Politik verursachen, ernst zu nehmen. Es müsste nur ein Absatz aus dem Aufenthaltsrecht weg, der Paragraph 63, (Anmerkung der Redaktion: Der Paragraph 63 im deutschen Aufenthaltsrecht untersagt es Unternehmen, Ausländer ohne Pass und Visum nach Deutschland zu befördern) und niemand müsste mehr im Mittelmeer sterben. 

Wieso?

Weil Schutzsuchende dann Flugtickets kaufen könnten. Die Schleuser sind 20 mal teurer und 20.000 mal lebensgefährlicher als jede Fluggesellschaft.

Bei Kräften, die gegen die Verfassung und die Menschrenrechte arbeiten, ist es einer Demokratie würdig, sie auszuschließen

Nach Ihrem Redeverbot sagten Sie dem stern, einen Künstler zu zensieren, weil er kritisch ist, sei einer Demokratie unwürdig. Was ist einer Demokratie würdig?

Zwischen Kräften zu unterscheiden, die für die Verfassung und die Menschenrechte kämpfen, und Kräften, die dagegen arbeiten. Und bei denen, die dagegen arbeiten, bin ich der Meinung, dass es einer Demokratie würdig ist, sie auszuschließen. Wir brauchen mehr Ausgrenzung! Aber wir brauchen keine Ausgrenzung in der Hinsicht, dass humanistische Positionen oder Menschenrechte als links oder gefährlich dargestellt werden.

Sie werden von Kritikern oft als linksradikal bezeichnet. Fühlen Sie sich so?

Nein, Gott sei Dank eher selten. Die meisten wissen das auch, dass ich zutiefst konservativ bin. Ich meine das allgemein. Wenn in Chemnitz hunderte Journalisten angegriffen werden, dann wird so getan, als ob es das von "der anderen Seite" auch gäbe. Ich kann mich nicht erinnern, dass beim G20-Gipfel in Hamburg Journalisten auch nur ansatzweise so bedroht wurden wie auf den Straßen von Chemnitz.

Es darf keine Kompromisse geben

Sie haben bereits Flüchtlingsbegräbnisse inszeniert, ein Holocaust-Mahnmal vor dem Haus von AfD-Politiker Björn Höcke installiert und zur Soko-Chemnitz aufgerufen. Die Bundeszentrale für politische Bildung begründete den Schritt zu Ihrer Kongressausladung  unter anderem mit den Ermittlungen zur umstrittenen Soko-Chemnitz, in der mit Steckbriefen und Fotos auf einer Website nach Neonazis gesucht werde sollte. Heiligt für Sie der Zweck die Mittel?

Ja, sicher. Davon bin ich zutiefst überzeugt, zumindest so lange es um den Kampf zur Verteidigung der Menschenrechte geht. Hunderte von Jahren sind Menschen in diesem Kampf gestorben, haben ihr Leben eingesetzt. Der Zweck heiligt die Mittel. Nur weil wir jetzt Menschenrechtsorganisationen haben wie Amnesty International, an die wir diesen Kampf abdelegiert haben, müssen wir trotzdem merken, dass sie diesen Kampf nicht führen, sondern dass sie ein Geschäft der großen Kompromisse betreiben. Was unsere Aktionen verkörpern, ist die kompromisslose Art, für Menschenrechte zu kämpfen. Da muss und darf es gar keine Kompromisse geben. Die Durchsetzung der Menschenrechte ist die letzte politische Utopie, die uns auf dem Schlachtfeld der Ideen des 20. Jahrhunderts geblieben ist.

Damals hat auch keiner gesagt: 'Mr. Churchill, könnten Sie bitte nicht so die Welt spalten'

In der Begründung von Innenministerium und der Bundeszentrale für politische Bildung zu Ihrem Redeverbot ist auch die Rede von einer gespaltenen Gesellschaft. Zu NS-Zeiten waren Gesellschaften gleichgeschaltet. Wäre eine gespaltene Gesellschaft nicht eigentlich wünschenswert?

Ja, das ist richtig. Als ich jung war, galt Kunst als etwas völlig Machtloses. Und jetzt wirft uns das Innenministerium vor, dass wir mit radikaler Kunst eine ganze Gesellschaft polarisieren. Daraus spricht eigentlich eine größere Wertschätzung der Macht der Kunst, als man sie einem Mann wie Horst Seehofer überhaupt zugetraut hätte. Ich möchte noch anmerken, dass Demokratiefeinde polarisieren. Da kommt es sogar darauf an, zurückzupolarisieren. Churchill hat sich auch nicht still verhalten, als Hitler Europa einnahm. Da hat auch keiner gesagt: "Mr. Churchill, könnten Sie mal bitte nicht die Welt so spalten und die Nazis machen lassen." Die Appeasement-Politik hat gegen Rechtsextreme noch nie funktioniert. Wenn Sie Rechtsextremen die Hand ausstrecken, dann schaffen sie schon die Demokratie ab.

Durchsucht man Bilddatenbanken, weil man Artikel zu Ihnen bebildern will, fällt auf, dass Sie häufig mit schwarzer Asche im Gesicht auftreten. Wieso tun Sie das?

Die Asche besteht aus den verbrannten Hoffnungen Deutschlands.

Was meinen Sie damit?

Deutschland hat viel zu lange das Diktum von Helmut Schmidt beherrscht: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Ich bin der Meinung, dass jeder, der keine Visionen hat, bitte einmal dringend zum Arzt gehen sollte. Politische Hoffnungen sind Mangelware. Wann haben Sie die letzte Utopie gehört? Wir leben in einer Zeit, in der die großen Hoffnungen abgebrannt sind und nur noch als verkohlte Reste daliegen.