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Plagiatsvorwürfe: Anonymer Ankläger prangert Schavan an

Es ist ein schwerer Kampf, sich gegen anonyme Anwürfe im Internet zu wehren. Ausgerechnet die Bundesforschungsministerin selbst steht nun am Prager von Plagiats-Jägern.

Die anonyme Attacke begann Mittwoch früh. Bei verschiedenen deutschen Medien ging ein Fax ein: "Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass ich in der Dissertation (...) der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Frau Prof. Dr. Annette Schavan, (....) auf über 50 Seiten Stellen gefunden habe, die ich als Plagiate einstufe." Und weiter: "Die Universität Düsseldorf ist informiert", schreibt ein "Robert Schmidt" - ohne identifizierbaren Fax-Absender und Angabe von Rückruf- oder Kontaktmöglichkeiten.

Ausgerechnet die Bundesforschungsministerin - die höchste Hüterin der Wissenschaft in Deutschland - eine "Plagiatorin"? Quantitativ, so räumt ihr anonymer Ankläger ein, reichten die Vorwürfe nicht an Fälle wie die des zurückgetretenen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) oder der früheren FDP-Beraterin Margarita Mathiopoulos heran. "Dennoch haben sie ein beträchtliches Ausmaß und stellen insgesamt einen schwerwiegenden Verstoß gegen die Grundsätze guter wissenschaftlichen Praxis dar."

Es geht um Schavans 1980 an der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf mit "magna cum laude" abgeschlossenen Dissertation "Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung". Die Doktorarbeit wurde noch lange vor dem Internet-Zeitalter geschrieben. In einem Internetblog dokumentiert der offenbar belesene Ankläger seine Vorwürfe und verweist auf eine 46-seitige Dokumentation zum Fall Schavan. Seine Plagiatsvorwürfe unterteilt er je nach Schwere in Kategorie A oder B.

"Mit Anonymität kann ich nicht umgehen"

In der Regel wird darin eine angebliche Vollständigkeit oder Fehlerhaftigkeit von Quellenangaben kritisiert. Es geht aber auch um wissenschaftliche Standardfragen - etwa wie weit Schavan ihre eigenen Gedanken und ihren Erkenntnisgewinn deutlich gemacht und von Ausführungen anderer Autoren zum selben Thema abgegrenzt hat. Mehrfach wirft er Schavan "Verschleierung" vor - also dass bereits andere Wissenschaftler zu diesem Ergebnis gekommen seien - etwa in der Auseinandersetzung um Kants Thesen zur Freiheit und Würde des Menschen und zur Unterscheidung von Natur und Vernunft.

Schavan erfuhr erst knapp eine halbe Stunde vor einer bereits seit längerem angekündigten Pressekonferenz am Mittwoch von den Anwürfen im Internet. Viel Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, blieb ihr nicht. Ihre Botschaft vor den Journalisten: Sie will sich entschieden öffentlich wehren und mit den Vorwürfen auseinandersetzen. Der Ankläger möge sich bitte outen.

"Mit Anonymität kann ich nicht umgehen", räumte die Ministerin auf Nachfrage ein - die aber auch generell keine Möglichkeit sieht, gesetzlich gegen anonyme Diffamierungen oder öffentliches an den Pranger stellen im Internet vorzugehen. Die wissenschaftlichen Diskussionen würden an den Hochschulen geführt. Schavan: "Dabei gibt es bestimmte Spielregeln, die einzuhalten sind."

Uni Düsseldorf will Dokorarbeit prüfen

Und auch die Vorsitzende der Bundestags-Bildungsausschusses, Ulla Burchardt (SPD), die ansonsten als eine der schärfsten Kritiker Schavans gilt, verurteilt solch anonymes Vorgehen. "Das führt zur Brunnenvergiftung in der Wissenschaft wie in der Politik."

Der Ball liegt jetzt bei der Universität Düsseldorf, deren Promotionsausschuss sich auf Bitten Schavans mit den Vorwürfen auseinandersetzen muss.

In dem langen Tauziehen um den Rücktritt Guttenbergs und um die Aberkennung seiner Dissertation hatte die Bundesforschungsministerin schon früh klar Position ergriffen. "Als jemand, der selbst (...) promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich", sagte Schavan damals der "Süddeutschen Zeitung". Und weiter: "Wissenschaft hat auch mit Vertrauen zu tun. Auf die Erklärung, eine Arbeit sei nach bestem Wissen und Gewissen verfasst worden, muss ein Doktorvater vertrauen können."

Karl-Heinz Reith, DPA / DPA