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Plagiatsvorwürfe gegen Steinmeier Jäger oder Wilderer?


Die Uni Gießen will die Plagiatsvorwürfe gegen SPD-Fraktionschef Steinmeier innerhalb weniger Wochen klären. Doch der Urheber der Vorwürfe, ein Dortmunder Professor, gerät immer stärker in die Kritik.
von Sebastian Schneider

Immerhin, ein Fall Schavan dürfte Frank-Walter Steinmeier erspart bleiben. Die Uni der damaligen Bildungsministerin (CDU) prüfte deren Doktorarbeit quälende neun Monate lang - bis sie Annette Schavan schließlich ihren Titel entzog. Ob SPD-Fraktionschef Steinmeier in seiner Dissertation betrogen hat, wie ihm ein Dortmunder Professor vorwirft, soll sich deutlich schneller klären.

Die Uni Gießen kündigte nun an, die Arbeit Steinmeiers innerhalb weniger Wochen auf Plagiate überprüfen zu wollen. "Wir wünschen uns eine zügige Klärung", sagte eine Sprecherin der Universität zu stern.de. Erst macht ein Ombudsmann eine Vorprüfung, dann teilt er seine Einschätzung der "Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" mit. Und erst diese beurteilt dann, ob das Fehlverhalten so schwerwiegend ist, dass der Promotionsausschuss eingeschaltet wird.

Der Urheber der Vorwürfe, der Wirtschaftswissenschaftler Uwe Kamenz, hält die Indizien im Fall Steinmeier sehr wohl für vergleichbar "mit dem Fall von Ex-Bildungsministerin Annette Schavan". Aber auch in diesem Punkt scheint das nach bisherigem Stand nicht zu stimmen. Die ermittelten "umfangreichen Plagiatsindizien" in Kamenz' #link;www.profnet.de/dokumente/2013/8048r.pdf;279-seitigem Prüfbericht# erscheinen bis auf wenige Ausnahmen allenfalls als Bagatellen.

Und: Im Gegensatz zu den Dissertationen von Annette Schavan und dem ebenfalls des Betrugs überführten Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg (CSU) wurde die Arbeit Steinmeiers nur mit einem Computerprogramm analysiert. Die Software hat Kamenz selbst programmiert. Gelesen, räumte Kamenz gegenüber "Zeit Online" ein, habe er Steinmeiers Doktorarbeit nicht. Er könne deshalb nur von Indizien sprechen. Den Prüfbericht aber habe er sehr wohl gelesen, sagte Kamenz. Für stern.de war er nicht zu erreichen.

Scharfe Kritik von Plagiatsexperten

Für seine Methoden wird Kamenz von Plagiatsexperten scharf kritisiert. Die Berliner Informatikprofessorin Debora Weber-Wulff engagiert sich bei der Plagiats-Plattform VroniPlag Wiki. Sie bezeichnet Kamenz' Prüfbericht gegenüber stern.de als "einen der konfusesten, die ich je gelesen habe." Sie halte es für unseriös und voreilig, die Schlussfolgerungen daraus zu veröffentlichen, weil sie nur auf einer Software basierten.

Kamenz gibt für Steinmeiers Arbeit mit dem Titel "Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit" eine "Gesamtplagiatswahrscheinlichkeit" von 63 Prozent an, 400 auffällige Stellen habe die Software entdeckt. "Diese Begriffe sagen aber überhaupt nichts aus, weil sie nicht differenzieren. Meines Erachtens versucht sich der Verfasser damit nur rechtlich zu schützen", sagt Weber-Wulff. Es gebe in Steinmeiers eingereichter Dissertation zwei bis drei problematische Stellen, die restlichen seien Kleinigkeiten.

Fragliche wissenschaftliche Basis

Kamenz betreibt neben seiner Arbeit an der Dortmunder Fachhochschule das Netzwerk "ProfNet - Institut für Internetmarketing". 2011 kündigte er, kurz nach dem Guttenberg-Skandal, an, 1000 Dissertationen von Politikern mit seiner selbst entwickelten Software auf Plagiate untersuchen zu wollen - angeblich, um den ramponierten Ruf der Wissenschaft wiederherzustellen. Mit wenig Erfolg, ihm fehlte das Geld für die Analysen. Schon 2008 wurde laut Vereinsregister die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gegen ProfNet mangels Masse abgelehnt. Seine Dienste bot Kamenz erfolglos Universitäten wie der in Münster an.

Vor der vergangenen Bundestagswahl blies er #link;www.profnet.de/dokumente/2013/PolDiss_FAQ.pdf;nun nochmals auf der Seite von ProfNet# zur Jagd auf vermeintliche Plagiatoren. Er bat um Spenden und erklärte: "Aufgrund unserer Erfahrungen werden wir bei dieser Aktion etwa 20 Bundestagspolitikerinnen und -politiker mit deutlichen Plagiatsindizien finden". Wie solide die wissenschaftliche Basis seiner Erfahrungen ist, erklärte er nicht.

Kamenz' Service gilt im übrigen auch für die Dissertationen von Nicht-Politikern, jeder kann ihn einschalten. Wenn das Geld stimmt. "Wenn Sie uns anonym oder über das Unterstützungsformular mindestens 300 € überweisen, besorgen wir die Dissertation und Vergleichsquellen, scannen diese ein, analysieren diese und publizieren den Prüfbericht", heißt es auf der Seite von ProfNet.

Geld gegen Prüfung

Dem Magazin "Focus", das am Montag als erstes über die Vorwürfe gegen Steinmeier berichtete, genügte Kamenz' Redlichkeit offenbar. "Focus" zahlte Kamenz und seinem Netzwerk ProfNet für dessen Analysen zweimal 900 Euro, so ein Redakteur zu stern.de. Offiziell hat die Spende laut einer Sprecherin nichts mit der Analyse bestimmter Doktorarbeiten zu tun. Womit dann?

Uwe Kamenz sagte in einem Interview, sein Netzwerk sei vom Focus "bei der Beschaffung von Vergleichsdokumenten für eben etwa 20 aktuelle Politiker" finanziell unterstützt worden. Einer davon war eben Steinmeier. Weil der Focus zahlte, durfte er zuerst über die Vorwürfe gegen den SPD-Fraktionschef berichten. Eine fragwürdige Geschäftsbeziehung.


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