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Platzvergabe für NSU-Prozess: Mediales Bäumchen-wechsel-dich-Spiel

Manch große Zeitung hat bei der Vergabe der Sitzplätze im NSU-Prozess Pech gehabt. Manch Chefredakteur ist sauer. Die belächelten Sieger der Lotterie sehen keinen Grund für ein schlechtes Gewissen.

Von Timo Brücken und Nico Schmidt

Es muss schon etwas wirklich Bedeutendes passieren hierzulande, dass die Chefredakteure der linksliberalen "tageszeitung" und der konservativen "Welt" wie aus einem Munde sprechen. Zum Beispiel, wenn beide Pech hatten. Die zwei überregionalen Blätter, deren Redaktionen in Berlin einen Steinwurf voneinander entfernt liegen, haben kein Los gezogen, das ihnen Eintritt zum NSU-Prozess ermöglicht. Nun geißeln Ines Pohl für ihre "taz" und Jan-Eric Peters für seine "Welt" die Entscheidung in seltener Eintracht als "absurd". Selbst eine neuerliche Klage steht im Raum.

Sie sind nicht die Einzigen im Lande, die die Entscheidung kritisch betrachten. Auch die "Zeit", die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und der stern haben im Losverfahren keinen Platz bekommen. Bundesweit erscheinende Medien sollten über einen Prozess von nationaler Bedeutung berichten können, lautet das Hauptargument der Kritiker. Öffentlich entsteht der Eindruck, dass die Großen auf die Kleinen herabschauen, die mehr Glück hatten und live dabei sein können, wenn das Gericht in München die Beweislage bewertet.

Die bayerische Justiz räumte es den Gewinnern der Plätze ein, sie an Verlierer abzutreten. Freiwillig. Das wird wohl kaum ein Verlag, ein TV- oder Radiosender tun. Allerdings kann eine Zeitung eines Verlages ihren Sitz im Gerichtssaal an eine andere desselben Verlages abtreten. Kurz nach Bekanntgabe der Verlosungsergebnisse begann ein Bäumchen-wechsel-dich-Spiel um die begehrten Reporterstühle. Die "taz" hat diese Möglichkeit nicht, die "Welt" hätte sie theoretisch, da sie wie die "Bild" im Springer-Verlag erscheint. Aber ob die "Bild" ihren Kollegen den Vortritt lässt? Die Deutsche Presseagentur (DPA), die drei Lose zog, verzichtet wiederum auf einen Wettbewerbsvorteil und will den Platz ihres englischsprachigen Dienstes für die Konkurrenten Reuters und AFP räumen. Die DPA dürften Pohl und Peters allerdings nicht gemeint haben, wenn sie von einer "absurden" Entscheidung sprechen.

Münchner "Merkur" statt "Offenbach Post"

Das Anzeigenblatt "Hallo München", das sich bisher nicht mit politischer Berichterstattung hervorgetan hat, wohl schon eher. Dessen Redaktionsleiter Mike Eder hält sein Losglück keineswegs für "absurd". Die kostenlose Wochenzeitung habe ein "berechtigtes Interesse", über den Prozess zu berichten, sagte Eder zu stern.de. Ob und wie sein Blatt, das zur Firmengruppe von Zeitungsverleger Dirk Ippen gehört, mit anderen Medien kooperieren werde, werde "in Ruhe entschieden".

Andere Zeitungen der Ippen-Gruppe haben sich schon geeinigt. "Wir geben unser Mandat an den 'Münchner Merkur' ab", sagte Frank Pröse , Chefredakteur der "Offenbach Post", zu stern.de. Um die Chancen auf einen Prozessplatz zu erhöhen, hätten sich mehrere Medien der Verlagsgruppe beworben. Mit der festen Absicht, ihren Platz an den "Merkur" abzugeben, der dann Berichte für alle liefern solle. Reine Logistik: "Wenn der Prozess in Frankfurt stattfände, würden wir eben berichten", erklärte Pröse.

Weder Windhunde noch Glücksritter

"Dass bei so unfassbar vielen Bewerbern nicht alle reinkommen, war doch klar", sagte auch Markus Pürzer, Moderator beim Münchner Lokalradiosender "Charivari" gegenüber stern.de. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht: "Warum sollten wir? Wir machen unsere Arbeit genauso gut wie andere Medien." Sein Sender wolle live berichten, aber auch lange Hintergrundstücke liefern. "Von Reportern, die schon vor mehr als zehn Jahren an der Geschichte dran waren, als der erste Mord in München passiert ist", so Pürzer. "Die kannten das Opfer und die Straße, wo es passiert ist."

Auch Fritz Burschel ist ein Veteran, seit 25 Jahren beschäftigt der Journalist sich mit dem Thema rechte Gewalt. Burschel wird für "Radio Lotte" vom NSU-Prozess berichten, ein kleines Bürgerradio aus Weimar. Seinen Platz will er außerdem mit Autoren des "NSU-Watchblog" teilen, einer Internetplattform, die kontinuierlich über das Gerichtsverfahren berichten will. Die Kritik an "Radio Lotte" und anderen eher unbekannten Medien mit Plätzen beim NSU-Prozess kann Burschel nicht nachvollziehen. "Es sollte jedem klar sein, dass hier weder Windhunde noch Glücksritter nach München geschickt werden."

Von:

Timo Brücken und Nico Schmidt