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Politik in der Eurokrise Fischer prügelt Merkel - und lobt Kohl


In einem Interview kritisiert Ex-Außenminister Fischer die Kanzlerin da, wo es besonders weh tut: Sie schüre mit ihrer Politik "anti-europäische Stimmungen". Zugleich lobt er Altkanzler Kohl.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich der frühere Außenminister Joschka Fischer kritisch zur Europapolitik der schwarz-gelben Bundesregierung zu Wort meldet. Aber diesmal sind seine Äußerungen besonders heftig - was auch damit zu tun haben mag, dass Fischer seine Absage an Außenminister Guido Westerwelle (FDP) rechtfertigen will. Der hatte geplant, gemeinsam mit allen lebenden Ex-Außenministern ein Plädoyer für Europa abzugeben. Fischer, seit jeder ein Erzfeind Westerwelles, hatte die Offerte brüsk zurückgewiesen.

In der "Bild am Sonntag" feuert Fischer nun eine volle politische Breitseite auf die Koalition ab. "Die Grundfehler sind, dass die Regierung von Beginn an national und nicht europäisch agiert hat. Und dass zu spät und zu unentschlossen gehandelt wird", sagte Fischer. "Die Regierung läuft der Entwicklung hinterher, sie handelt krisen- und nicht strategiegetrieben. Am Ende kommt dann meist die teuerste Variante heraus. Griechenland war am Anfang ein 50-Milliarden-Problem. Heute sind das ganze andere Dimensionen."

Merkels Politik? "Gefährlich"

Fischer weiter: "Warum hat Angela Merkel nicht längst ihre Vision, ihren Masterplan für die nächsten zehn Jahre vorgelegt? Stattdessen fährt sie auf Sicht ohne zu sagen, wo die Reise hingehen soll. Das verunsichert das Volk und schürt anti-europäische Stimmungen - sehr gefährlich." Schärfer hätte Fischer sein Urteil kaum formulieren können.

Ausdrücklich lobend äußert sich der Grünen-Politiker dagegen über die Verdienste von Altkanzler Helmut Kohl (CDU) um Europa. "Ich habe über viele Jahre versucht, Kohl als Kanzler aus dem Amt zu bringen. Am Ende ist es gelungen. Aber in Sachen europäischer Integration habe ich ihn immer gerne unterstützt und tue das heute noch."

Fischer, und das ist sicherlich nicht unabsichtlich geschehen, wiederholt zum Teil wörtlich, was Kohl vor rund einem Jahr kritisiert hatte. Nach Angaben von Vertrauten sagte der Altkanzler damals über Merkel: "Die macht mir mein Europa kaputt". Und: Ihre Krisenpolitik sei "sehr gefährlich". Kohl ließ diese Äußerungen zwar später dementieren, den Dissens in der Europapolitik jedoch nicht.

Diesen Dissens betont Fischer in seinem Interview wohl auch nicht zufällig zu diesem Zeitpunkt. Anlässlich des 30. Jahrestages der Wahl Kohls zum Kanzler plant die CDU umfängliche "Kohl-Festpiele". Hintergrund der Würdigung ist laut "Spiegel", dass Merkel in der aktuellen Krise gerne von Kohls europapolitischem Prestige profitieren würde.

lk/DPA DPA

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